Fast täglich werden neue Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder bekannt. Dennoch ist Prävention in der Debatte nur ein Randthema. Der Sexualmediziner Klaus Beier leitet das Projekt "Kein Täter werden" am Institut für Sexualmedizin der Berliner Charité. Seit 2005 beschäftigen sich die Wissenschaftler dort mit Pädophilen aus dem so genannten Dunkelfeld. Zum einen mit solchen Pädophilen, die fürchten, sich in Zukunft an Kindern zu vergehen. Und mit jenen, die sich schon an Kindern vergriffen haben, der Justiz aber nicht bekannt sind.
Beier schätzt, dass 40 bis 50 Prozent der Täter bei Fällen sexuellen Missbrauchs pädophil sind. Pädophilie definiert er im Video-Interview mit ZEIT ONLINE als "eine medizinische Diagnose für Menschen, die eine sexuelle Ansprechbarkeit für den kindlichen Körper aufweisen".
Davon unbedingt zu unterscheiden sei der Begriff Pädosexualität. Pädophilie beschreibt eine Fantasie-Ebene, von Pädosexualität spricht man, wenn es zu sexuellen Handlungen an Kindern kommt. Pädophilen gehe es aber nicht nur um die sexuelle Ebene. Sie fantasierten sich Kinder darüber hinaus auch als die geeigneten Bindungspartner zurecht. "So schwer vorstellbar das ist", sagt Beier.
Die pädophile Neigung bleibe das ganze Leben über bestehen. Beier und seine Kollegen zielen mit ihrem Therapieangebot darauf, dass Betroffene lernen, ihr Verhalten zu kontrollieren. Sie verstehen ihr Projekt als einen Baustein des Opferschutzes, weil sie die potenziellen Verursacher ansprechen. Weshalb Beier sich auch dafür ausspricht, dass Therapieangebote für Pädophile ausgebaut werden und die Sexualmedizin in Deutschland gestärkt wird.
Ein großes Problem sei allerdings die gesellschaftliche Ächtung Pädophiler, sagt Beier. Die sexuelle Präferenz als solche dürfe kein Anlass zur Ächtung sein, sondern erst das fremdschädigende Verhalten. "Wir wollen Betroffene ermuntern, sich möglichst früh bei uns zu melden und sich dabei helfen zu lassen, keine Übergriffe auf Kinder zu begehen."