Die Hochwasserlage am größten polnischen Fluss, der Weichsel, hat sich verschlimmert. In der Stadt Sandomierz durchbrach der angeschwollene Fluss in der Nacht die Sperren aus Sandsäcken. Feuerwehrleute und Soldaten, die bis zuletzt das Wasser zu stoppen versuchten, seien wegen Lebensgefahr abgezogen worden, berichtete die Nachrichtenagentur PAP. Teile der Stadt am rechten Ufer wurden erneut überflutet.

Für den Bürgermeister der 25.000 Einwohner zählenden Stadt, Jerzy Borowski, geht es nun darum, die bedrohte Glashütte zu retten. "Es geht um Kopf und Kragen", betonte er. Der Betrieb mit 2000 Beschäftigten ist der größte Arbeitgeber in der Region. Auch eine Wohnsiedlung sei gefährdet.

Die städtischen Behörden riefen rund 3500 Einwohner auf, das besonders gefährdete Gebiet zu verlassen. Die meisten Menschen wollten jedoch in ihren Häusern bleiben. Sie werden von der Feuerwehr mit Trinkwasser und Lebensmitteln versorgt. Sandomierz liegt rund 200 Kilometer südlich von Warschau. Die historische Altstadt mit vielen Baudenkmälern aus dem 16. Jahrhundert liegt auf einer Anhöhe am linken Ufer und ist nicht gefährdet.

Auch für die Hauptstadt Warschau wurde erneut Alarm ausgerufen, da eine zweite Hochwasserwelle der Weichsel erwartet wurde. Die Bewohner der an den Fluss grenzenden Viertel wurden aufgerufen, sich für eine Evakuierung bereitzuhalten.

Im Süden und Südosten Polens wurden Zehntausende Menschen vor Überschwemmungen in Sicherheit gebracht. "Die Feuerwehrleute haben insgesamt rund 30.000 Menschen in Sicherheit gebracht, Polizei und Armee nahmen weitere Evakuierungen vor", sagte Feuerwehrsprecher Pawel Fratczak. Die Zahl der Todesopfer sei inzwischen auf 22 angestiegen.

Regierungschef Donald Tusk reiste nach Sandomierz. "Die Situation hat sich verschärft", sagte der Politiker. Er sprach sich erneut gegen eine Ausrufung des Notstandes aus, weil dies "nichts bringen" würde.

Die Flut hatte bereits vor zwei Wochen einen Damm in Sandomierz durchbrochen. Seitdem stehen Stadtteile am rechten Ufer unter Wasser. Die Weichsel überflutete auch Teile von Tarnobrzeg rund 15 Kilometer südlich von Sandomierz. Dort sollten 4000 Menschen ihre Häuser räumen. Auch sie weigerten sich aber, ihr Hab und Gut zu verlassen. Mehrere Straßen waren durch Erdrutsche verschüttet. Rund 17.000 Feuerwehrleute und 3000 Soldaten waren in den Hochwassergebieten im Einsatz.

Kritisch war die Lage auch im Nordosten Ungarns. Nach wochenlangem Dauerregen waren dort die Flüsse Hernad, Sajo und Boldva über ihre Ufer getreten. Rund 2300 Anwohner wurden in Sicherheit gebracht, wie ein Sprecher der Rettungskräfte sagte. Mehr als 12.000 Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleute waren im Einsatz. In der ungarischen Hauptstadt Budapest wurden die Ufer der Donau wegen Hochwassers für den Verkehr gesperrt.