Lamya Kaddor arbeitet als Islamwissenschaftlerin und Lehrerin. Sie wurde als Tochter syrischer Eltern 1978 in Ahlen geboren. Kaddor hat Anfang des Jahres ihre Autobiographie "Muslimisch, Weiblich, Deutsch!" veröffentlicht und Anfang Juni den Liberal-islamischen Bund (LIB) gegründet, mit dem liberalen Muslimen in Deutschland eine Stimme gegeben werden soll.

ZEIT ONLINE: Frau Kaddor, Sie haben gerade den liberal-islamischen Bund (LIB) gegründet. Was soll das sein, liberal-islamisch?

Lamya Kaddor: Liberal-islamisch heißt, dass auch im Bereich der Religion freiheitliches Denken und Leben möglich ist. Dass man jedes selbstbestimmte Ausleben des Islams akzeptieren kann und muss, solange dadurch niemand anderes in seiner Freiheit eingeschränkt wird. Die liberalen Muslime, für die wir hierzulande eine Stimme sein wollen, haben drei Überzeugungen: Sie stehen zur freiheitlich demokratischen Grundordnung, sie sehen Deutschland als ihre Heimat an und sie sind offen für eine zeitgemäße Weiterentwicklung des Islams. Und ich bin überzeugt davon, dass die Mehrheit der Muslime in Deutschland so denkt.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen auch ausdrücklich von einem "europäischen Islam". Warum machen sie diese Unterscheidung?

Kaddor: Wir glauben, dass in Europa die Chancen für freiheitliches Denken im Islam größer sind als in den klassischen Heimatländern von Muslimen, wo es oft unmöglich ist, den Islam weiterzuentwickeln.

ZEIT ONLINE: Der Islam ist in Ländern außerhalb Europas nicht reformierbar?

Kaddor: Nur sehr schwer, er ist aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Systeme dort nicht so leicht reformierbar. Strenge Regimes lassen so eine Weiterentwicklung gar nicht erst zu. Denken Sie etwa an den Fall des jüngst verstorbenen Nasr Hamid Abu Zayd (einer der wichtigsten liberal-muslimische Denker weltweit, Anm. Red.) in Ägypten.

ZEIT ONLINE: Wie soll diese Weiterentwicklung denn aussehen? Geht es um eine Art Aufklärung wie im Christentum?

Kaddor: Nein, das kann man auf Grund der historischen und theologischen Gegebenheiten nicht so direkt vergleichen. Wir Muslime müssen unseren eigenen Weg finden. Wir plädieren zum Beispiel für eine historisierende Lesart des Korans. Wann genau ist die Sure entstanden? Was waren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen? Wir müssen den Kontext der Offenbarung berücksichtigen und wertschätzen. Das führt zu immer wieder neuen Ergebnissen. Das ist ja genau dass, was der Koran von uns verlangt: die eigenen Gebote weiterzudenken. Für uns ist das Tor des Idschtihad weiter offen.

ZEIT ONLINE: Idschtihad, ein Begriff der islamischen Rechtsprechung, der beschreibt, wie durch Koranauslegung Urteile gefällt werden.

Kaddor: Die Traditionalisten behaupten, das Tor des Idschtihad sei seit etwa dem 9. Jahrhundert geschlossen. Man solle die Auslegung des Korans schön der alten Gelehrsamkeit überlassen, als Gläubiger gar nicht mehr selbst denken. So können sie die Deutungshoheit über den Islam natürlich leichter beanspruchen und schön darauf achten, was mit der "reinen" Lehre konform geht und was nicht. Letztlich geht es dabei nur um eines: Machtansprüche. Als Liberal-Gläubige schlagen wir das Erbe der großen islamischen Gelehrten natürlich nicht aus. Wir sagen aber: das Tor ist eben nicht geschlossen, es steht weit offen! Wir wollen und müssen aus den Quellen des Korans immer wieder neu für uns schöpfen. Die Zeit bleibt nicht stehen. Möglichst jeder sollte selbst dafür verantwortlich sein, für was für ein Leben im Sinne des Korans er sich entscheidet.

ZEIT ONLINE: Ihre Kritiker werfen Ihnen wegen dieser Einstellung vor, sie wollten den Islam verwässern. Und in der Tat hat ja auch das Christentum, nachdem es liberaler und weniger dogmatisch wurde, an Einfluss verloren.

Kaddor: Also über letzteres ließe sich vortrefflich streiten. Aber abgesehen davon, liberalisieren bedeutet doch nicht verwässern! Wir bekennen uns ganz klar zum Islam, wir sind gläubige Muslime. Wir haben auch nichts gegen die, die den Islam konservativer auslegen als wir. Dies soll und muss es weiterhin geben. Ich stamme selber aus einem konservativen Elternhaus und habe das nicht als Problem wahrgenommen. Wir sind keine Konkurrenz zu den anderen muslimischen Stimmen, wir erweitern das Spektrum. Diejenigen, die die Lehre verwässern, sind aus meiner Sicht eher die Konservativen. Sie picken sich das heraus, was ihnen passt. Warum hält niemand von ihnen an der Sklaverei fest? Sie ist nach ihrer Lesart durch den Koran legitimiert. Nicht, dass sie mich falsch verstehen, ich sage nur, wenn man an die religiösen Quellen herangeht, muss man konsequent sein und alles hinterfragen dürfen – das gilt zumindest dort, wo es um die Beziehungen zwischen Menschen untereinander geht.

ZEIT ONLINE: Das heißt, sie fühlen sich von der Islamkonferenz, wie sie momentan zusammengesetzt ist, nicht gut vertreten?