Der Regen hat die Handschriften verwaschen. Doch die Wut, die aus den Zetteln spricht, ist klar zu erkennen. "Danke für diesen Imagegewinn Herr Sauerland" lautet eine zynische Botschaft. Ein anderer Zettel wird noch deutlicher: "Das war kein Unglück, das war Mord!" Am Ort der Loveparade in Duisburg liegen viele solcher Briefe, daneben Hunderte Kerzen, Blumen und kleine Kreuze. Am zweiten Tag nach der Katastrophe mischt sich in Duisburg zunehmend Zorn in die Trauer. Zorn auf die Stadtoberen und die Veranstalter, die aus der Sicht der Bürger und Augenzeugen die Verantwortung übernehmen und zurücktreten sollen.

Ein junger Mann steht zitternd am Rand. Er hat ein Kreuz und einen Brief niedergelegt. Seine beste Freundin sei hier gestorben, sagt er. Als die Panik ausbrach, sei er dabei gewesen. "Das war wie auf dem Schlachthof, wer nicht dabei war, kann das nicht verstehen." Seinen Namen möchte er aus Respekt vor den Angehörigen nicht nennen. Er hat es geschafft, aus der Menge auf eine Brüstung zu klettern. "Von dort haben wir dann Gürtel zusammengebunden und damit die Leute rausgezogen", sagt er. Er wohnt in Duisburg. Seit Samstagabend sei er fast durchgängig hier. "Das ist die beste Arbeit, um damit umzugehen." Auch als gestern Abend der Oberbürgermeister Adolf Sauerland zum Unglücksort kam, war er dabei und hat seiner Wut freien Lauf gelassen: "Die Anwohner hier haben uns Eier gegeben, damit haben wir dann auf den Sauerland geworfen", sagt er. "Der ist doch verantwortlich, der soll endlich zurücktreten."

Wer Samstag dabei war, der weiß, dass das von Anfang an eine riesige Fehlplanung war.
Ein Augenzeuge

Noch immer stehen in der Stadt die metallenen Absperrgitter, noch immer sind nicht alle Spuren beseitigt. Unterdessen wird viel berichtet, dass es bereits vor der Loveparade Kritik am Sicherheitskonzept und an der Veranstaltung selbst gegeben hat. Die Feuerwehr aus Dortmund, wo die Loveparade 2008 stattfand, hat sich dreimal mit den Kollegen aus Duisburg getroffen. "Die Kollegen haben dort unser Sicherheitskonzept von 2008 vorgestellt", sagt Udo Bullerdieck, der Sprecher der Stadt Dortmund. "Wir haben auch auf mögliche Engstellen in den Tunneln hingewiesen", sagt er. Das abschließende Sicherheitskonzept habe man nie zu Gesicht bekommen.

Auch diejenigen, die sich für den guten Ruf der Stadt einsetzen, waren schon vor Beginn der Loveparade kritisch. "Wir hatten Bedenken, ob es so sinnvoll ist, die Loveparade hier in Duisburg zu veranstalten, auch wegen der Mängel des Geländes", sagt Ralf Winkels, Prokurist bei der Duisburg Marketing GmbH, einer Tochtergesellschaft der Stadt. "Aber die Geschäftsführung vom Stadtmarketing hat sich davon eben einen großen Imagegewinn versprochen." Dabei, sagt er, sei es fraglich, ob dieser Imagegewinn wirklich eingetreten wäre. "Ich weiß nicht, ob man Essen oder Dortmund (wo die Loveparade in den letzten beiden Jahren stattfand, Anm. d. Red.) jetzt wirklich positiv damit in Verbindung bringt, dass die die Loveparade veranstaltet haben. Aber bei Duisburg wird man nun in den nächsten Jahren immer an dieses Unglück denken. Das ist eine Katastrophe."

Hinter den Kulissen der Lokalpolitik wird spekuliert, wie lange sich der Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) noch im Amt halten kann. "Der ist am Ende dafür verantwortlich", sagt ein Politiker, dessen Name nicht genannt werden soll. "Allein die Aussage, dass der Oberbürgermeister selbst in die Planungen nicht direkt involviert war, ist schon ein Rücktrittsgrund." Er sagt auch: "Für uns als Politiker im Rat war die Planung der Veranstaltung gar nicht zu durchschauen, da sind wahnsinnig viele Stellen dran beteiligt gewesen."

Loveparade-Katastrophe - Szenen des Loveparade-Unglücks in Duisburg Videoaufnahmen des Hobbyfilmers Thomas Kraus vom Unglücksort

Auch Thomas Kraus ist sauer auf die Stadt. Er hat am Samstag eine Reihe Videos vom Unglück gedreht. "Ich habe gefilmt, wie die Polizisten neben den Verletzten und Toten standen und weggeguckt haben, anstatt zu helfen", sagt er, immer noch ganz aufgewühlt. Er selbst habe ein Mädchen noch mit Mund-zu-Mund-Beatmung reanimiert, dann habe ihm ein Polizist befohlen, wegzugehen. "Das habe ich nicht verstanden, da sind doch Leute gestorben, denen ich hätte helfen können", sagt der 21-Jährige. Er wohnt eigentlich in Bonn, ist aber am Morgen noch mal an den Unglücksort nach Duisburg gefahren, um zu trauern. Dass der Oberbürgermeister der Stadt immer noch nicht zurückgetreten ist, findet er skandalös: "Die reden sich doch nur raus, wer Samstag dabei war, der weiß, dass das von Anfang an eine riesige Fehlplanung war."

Der Oberbürgermeister wehrt sich gegen die Wut seiner Bürger – noch. Die Forderungen nach seinem Rücktritt könne er nachvollziehen, sagt er am Nachmittag in einer persönlichen Stellungnahme. "Die Frage, ob wir uns etwas vorzuwerfen haben, beschäftigt mich ganz persönlich." Dennoch müsse man sich die Zeit nehmen, "zunächst die schrecklichen Geschehnisse aufzuarbeiten". Ob ihm diese Zeit bleibt, ist fraglich. Für Donnerstag haben die Duisburger schon eine Protestdemonstration vor dem Rathaus geplant.