Nach der Katastrophe auf der Loveparade bringt ein internes Dokument die Duisburger Stadtverwaltung in Bedrängnis: Demnach hat das Sicherheitskonzept für die Veranstaltung gravierende Lücken aufgewiesen, wie Spiegel Online berichtet. Der Onlinedienst beruft sich auf ein Schriftstück vom 21. Juli 2010 mit dem Titel "Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung" (Aktenzeichen 62-34-WL-2010-0026). Es richte sich an die Berliner Lopavent GmbH als Veranstalter der Loveparade. Der Sachbearbeiter der Unteren Bauaufsicht im Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung befreie darin die Organisatoren von der Vorschrift, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen.

Außerdem verzichteten die Beamten dem Bericht zufolge auf Feuerwehrpläne. Dafür gaben sie den Organisatoren vor, dass die maximale Personenzahl, die sich gleichzeitig auf dem Veranstaltungsgelände aufhalten darf, auf 250.000 Personen begrenzt werden müsse. Offenbar planten die Behörden damit bereits einen kleinen Sicherheitspuffer ein, denn offiziellen Angaben zufolge kann das Gelände bis zu 300.000 Menschen aufnehmen. Laut einer auch von der Polizei verbreiteten Schätzung der Veranstalter waren am Samstag jedoch rund 1,4 Millionen Menschen in die Ruhrgebietsstadt gekommen – eine Zahl, die die Polizei am Sonntag nicht mehr bestätigen wollte .

Die möglicherweise bewusste Fehleinschätzung der Teilnehmerzahl im Vorfeld bestätigte auch Erich Rettinghaus, NRW-Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Der Veranstalter habe 500.000 Menschen angemeldet, die Stadt habe aber nur 250.000 für das Gelände genehmigt, sagte er im ZDF. Man sei offenbar davon ausgegangen, dass sich die restlichen Partygänger an anderen Orten der Stadt verteilten.

Bei der Lenkung der Menschenmassen auf das abgeschlossene Gelände des alten Güterbahnhofes hätten die Veranstalter nicht auf das sonst übliche "Entzerren der Ströme" gesetzt, sagte Rettinghaus. Stattdessen habe man die feiernden Gäste durch "lückenlose Information durch Beschallung" lenken wollen. Das sollte unter anderem mit Lautsprecherdurchsagen geschehen. Die Informationen wurden aber Rettinghaus zufolge in dem lauten Umfeld und von den teils angetrunkenen Menschen nicht gehört und nicht beachtet. 

Ein alternatives Sicherheitskonzept von Polizei und Feuerwehr habe die Stadtverwaltung wegen des höheren Personalbedarfs verworfen, berichteten Medien unter Berufung auf Duisburger Polizeikreise.

Die Staatsanwaltschaft hat die Unterlagen der Stadt bereits beschlagnahmt. Man ermittle wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt, sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp. Am Samstag waren am Rande der Loveparade 19 Menschen ums Leben gekommen , 342 Teilnehmer wurden verletzt. Das Unglück ereignete sich an einem überfüllten Tunnel, der zu dem Partygelände am alten Duisburger Güterbahnhof führte.

Nach Informationen von Spiegel Online hat eine Dienststelle der Bundespolizei sämtliche Unterlagen zur Loveparade von den Computern gelöscht. Es gehe um Einsatzbefehle, Lagemeldungen und Karten. "Da kam sehr schnell der ganz große Staubsauger", zitierte das Onlinemedium einen Beamten, der eine "Vertuschungsaktion" vermutete. Die Bundespolizei wies den Bericht als falsch zurück. "Alle Einsatzunterlagen sind definitiv vorhanden und können bei Bedarf eingesehen werden", sagte ein Sprecher.

Der Ablauf der Tragödie von Duisburg zeichnet sich erst in groben Zügen ab: Es gab lange Zeit nur einen Ein- und Ausgang zum Festgelände, der nur durch zwei Tunnel unter Bahngleisen zu erreichen war. Von den Tunneln ging es um eine Ecke auf eine breite Straßenrampe zum alten Güterbahnhof. Im Gedränge dieses Nadelöhrs stauten sich die Menschen – Raver, die ungeduldig zur Party strebten, trafen auf Menschen, die schon müde waren und das Fest verlassen wollten. Viele kletterten auf Container oder Zäune, um der drangvollen Enge zu entfliehen, einige stürzten nach Augenzeugenberichten hinunter in die Massen.