Der Bericht von Amnesty enthält 15 Fälle, zu denen auch die von MM und JE gehören. Demnach starben drei Menschen in Polizeigewahrsam oder nach gewaltsamen Festnahmen, darunter auch der Asylbewerber Oury Jalloh , der am 7. Januar 2005 in einer Zelle der Polizeiwache in Dessau verbrannte.

Auch Adem Özdamar verstarb 2008 nach einer Fesselung auf einer Polizeiwache. Nach dem Konsum von Kokain litt er Paranoia und fühlte sich verfolgt. Er wählte den Notruf, Polizisten holten ihn aus seiner Wohnung ab. Er begleitete die Beamten zunächst freiwillig, auf dem Revier wehrte er sich dann jedoch. Ein Polizist setzte daraufhin Pfefferspray ein, das aber ohne Wirkung bei Özdamar blieb. Daraufhin fesselten Polizisten ihn mit Handschellen, Fußfesseln und Gurten bäuchlings auf einer Liege fest. 13 Beamte waren daran beteiligt. 15 Minuten blieb Özdamar gefesselt, dann wurde eine Notärztin gerufen. Sie stellte fest, dass der Gefesselte nicht mehr atmete und ordnete an, dass er auf den Rücken gedreht werden solle. Die Beamten sollen daraufhin erwidert haben, dass dies wegen seiner Aggressivität nicht geraten sei. Erst nach zwei Minuten lösten sie die Fesseln. Nach 20 Minuten gelang er der Medizinerin Özdaram wiederzubeleben, er fiel jedoch ins Koma und starb später im Krankenhaus. Dort wurden auch Ödeme an seinem Körper festgestellt, die auf Schläge hindeuten. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gegenüber Amnesty könne ein Erstickungstod als Todesursache ausgeschlossen werden. Allerdings warnt das Europäische Komitee zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigende Behandlung oder Strafe vor der Fixierung von Gefangenen in der Bauchlage – gerade weil das zum Erstickungstod führen kann.

869 Personen meldeten sich in der vergangenen sechs Jahren bei Amnesty um über Probleme mit der Polizei zu berichten. 138 davon untersuchten die Menschenrechtsaktivisten, sprachen mit Zeugen, mit Staatsanwälten, Richtern und forderten Information bei Polizei und Landesbehörden an. Die Menschenrechtsaktivisten will die Polizei in Deutschland nicht unter Generalverdacht stellen. Ein Blick in die Berichte von AI zeigen, dass es Länder gibt, in denen die Polizei systematisch Menschenrechte verletzt – die deutschen Behörden zählen laut Amnesty nicht dazu, dennoch sei der Bericht wichtig. 

"Wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht, gibt es kein 'schlimm' und 'schlimmer'. Jeder Einzelfall ist ein Einzelfall zuviel", sagt Monika Lüke, Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland. "Wenn in einem Land wie Deutschland Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen bestehen, dann ist es unsere Aufgabe, diese zu untersuchen und bekannt zu machen."

Bereits 2004 dokumentierte die Organisation mit dem Bericht Erneut im Visier Übergriffe durch Polizisten – die zum Teil tödlich endeten. AI bemängelte damals bereits, dass viele Menschenrechtsverletzungen und andere Straftaten durch Beamte nie aufgeklärt wurden. Den Vorwurf erhebt Amnesty nun erneut und befürchtet, dass so unter Polizisten ein Klima der Straffreiheit entstehen könnte. Die Ermittlungen entsprächen nicht den von Deutschland ratifizierten Menschenrechtsabkommen, wie die Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten oder dem Internationalen Pakt über bürgerlich und politische Rechte oder der UN-Antifolterkommission.

"Unsere Recherche hat gezeigt, dass ernstzunehmende Vorwürfe gegen Polizisten nicht gründlich ermittelt werden. In einigen Fällen werden Ermittlungen erst sehr spät aufgenommen, in anderen werden nicht alle Beweise erhoben, zum Teil steht  auch Aussage gegen Aussage. In solchen Fällen stellt die Staatsanwaltschaft schnell die Ermittlungsverfahren ein, so dass es erst gar nicht zur Gerichtsverhandlung kommt", sagt Monika Lüke. Für einen Rechtsstaat sei das bedenklich.

Die Organisation fordert eine Kennzeichnungspflicht für alle Polizeibeamten, eine Video- und Audioüberwachung in den Gewahrsamsbereichen der Polizei, die Verbesserung der Aus- und Fortbildung der Polizisten sowie die Information der Festgenommenen über Möglichkeiten zur Beschwerde oder Anzeigenerstattung. Die wichtigsten Empfehlungen von Amnesty betreffen aber die internen Ermittlungen. Die Menschenrechtsaktivisten verlangen, dass allen Vorwürfen gegen Polizisten nachgegangen wird und dass es unabhängige Untersuchungen gibt. Dafür seien spezialisierte Dezernate der Staatsanwaltschaft erforderlich und die ermittelnden Beamten dürften nicht aus der gleichen Einheit stammen wie die Beschuldigten.

"In Ländern, in denen es auch unabhängige Untersuchungsinstitutionen gibt, übernehmen diese auch die Aufarbeitung von Verstößen gegen Dienstvorschriften und machen Änderungsvorschläge", sagt Monika Lüke. "Daran  könnte sich Deutschland ein Vorbild nehmen."