Hilfe für die rund 20 Millionen Betroffenen der Flutkatastrophe in Pakistan kommt nur langsam in Gang. Nach Angaben der UN ist erst ein Viertel der für den ersten Hilfseinsatz benötigten 459 Millionen Dollar in Pakistan angekommen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon machte sich in den Überschwemmungsgebieten ein Bild von der Katastrophe: "Ich bin hier, um die internationale Gemeinschaft aufzufordern, ihre Unterstützung für die pakistanische Bevölkerung zu beschleunigen", sagte er in Islamabad. Auch der pakistanische Regierungschef Asif Ali Zardari bat eindringlich um Hilfe. Er rief das Ausland am Samstag in einer Fernsehansprache auf, Pakistan "eine helfende Hand zu reichen". Die Wassermassen hätten Lebensmittelvorräte und Getreide auf den Feldern zunichte gemacht. Für die nationale Wirtschaft bedeute dies einen kolossalen Verlust.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef weitete seine Hilfe für die Opfer des Hochwassers in Pakistan aus. Unicef hat nach eigenen Angaben weitere 100 Tonnen Medikamente, Hygieneartikel und Zusatznahrung für Kinder in das Land geflogen. Vor allem Kinder sollen in den nächsten Tagen flächendeckend gegen Masern und Polio geimpft werden; schwangere Frauen gegen Tetanus. Weiterhin habe die Organisation Medikamente gegen Durchfallerkrankungen für mehrere Millionen Flutopfer im Süden des Landes bereitgestellt und versorge derzeit mehr als eine Million Menschen mit Trinkwasser. Zusätzliche Hilfsflüge sollen in den nächsten Tagen starten.

Auch Deutschland hat seine Unterstützung um fünf auf 15 Millionen Euro aufgestockt. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel rief zu höheren privaten Spenden auf. Doch die Spendenbereitschaft der Bürger hält sich in Grenzen. Nach Schätzungen von Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen , wurden bislang ein bis zwei Millionen Euro gespendet. Zum Vergleich: Für die Erdbebenopfer von Haiti spendeten die Deutschen binnen kurzer Zeit 200 Millionen Euro.

Verantwortlich für die zögerliche Spendenbereitschaft sei die Urlaubszeit, sagte Wilke dem Radiosender NDR-Info. Ein weiterer Grund sei die Berichterstattung, die weniger dramatisch sei als bei vorherigen Katastrophen. Die Spendenbereitschaft hänge auch entscheidend davon ab, was für Nachrichten und was für Bilder transportiert würden, sagte Wilke. Die Spendenbereitschaft werde auch durch die schwierige politische Situation in Pakistan verringert: "Immer dann, wenn sich Katastrophen in Kriegsgebieten abspielen, wo gut und böse nicht zu trennen sind, dämpft das die Spendenbereitschaft.", sagte der Experte. Zudem hat die britische Zeitung Daily Telegraph von veruntreuten Spendengeldern nach dem schweren Beben 2005 berichtet. Umgerechnet seien 367 Millionen Euro an Hilfsgeldern durch die Regierung in Islamabad veruntreut worden. Bis heute ist nicht klar, wohin die Finanzmittel für den Wiederaufbau geflossen sind.

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Unterdessen sind nach Medienberichten in den Überschwemmungsgebieten im Nordwesten Pakistans erstmals fünf Kinder an Unterernährung gestorben. Die Todesfälle seien eine Folge der schlechten Versorgungslage, berichtete der Sender Dawn TV unter Berufung auf Regionalpolitiker. Hilfskonvois könnten nicht zu den Betroffenen in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa vordringen, da die Wassermassen in der Gebirgsregion Brücken und Straßen zerstört hätten, hieß es.

Nach Behördenangaben ist ein Viertel der Fläche von Pakistan, vom unruhigen Nordwesten bis zum landwirtschaftlich wichtigen Südwesten, von den Überschwemmungen betroffen. Durch neue Fluten wurden in der Nacht zum Sonntag hunderte Dörfer in der südwestlichen Provinz Baluchistan verwüstet; zehntausende Menschen mussten fliehen.

Die Opfer der Fluten schlafen teilweise in notdürftigen Zelten, was die Ausbreitung von Krankheiten begünstigen könnte. Der Koordinator der US-Katastrophenhilfe für Pakistan, Mark Ward, zeigte sich aber zuversichtlich, eine Ausbreitung der Cholera verhindern zu können. Die gute Nachricht sei, dass man wisse, wo der kürzlich bestätigte Cholera-Fall aufgetreten sei. Jetzt könne dort gezielt geholfen werden. Mindestens 36.000 Menschen leiden einem UN-Bericht zufolge an Durchfallerkrankungen, die ein Symptom für Cholera sein können. Laut UN kamen bisher 1600 Menschen ums Leben.

Die pakistanische Regierung rief die Bevölkerung zum Durchhalten auf. Präsident Asif Ali Zardari versprach vor Flutopfern in einem Hilfscamp Abhilfe. "Unsere Religion verbietet Mutlosigkeit. Allah will uns testen." Aus Rücksicht auf die Opfer der Flutkatastrophe verzichtete die Staatsspitze auf die traditionellen Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag am Samstag. Präsident Zardari erklärte in seiner Botschaft zum 63. Jahrestag des Endes der britischen Kolonialherrschaft, er bewundere "Mut und Heldentum" der Überlebenden. "Die Regierung wird alles in ihrer Macht stehende tun, um ihre Leiden zu lindern", versicherte er.