Mal ehrlich, man hätte schon früher Verdacht schöpfen können. Stellen Sie sich vor, Ihr 80-jähriger, spirituell begeisterter Vater verkündet eines Tages abrupt, von nun an ohne Essen und ohne Trinken weiterleben zu wollen, es sei besser so. Spricht's, leert den mutmaßlich letzten Frühstückskaffee und zieht sich in sein Zimmer zurück. Jede Wette: Sie hätten irgendwann nach ihm geguckt. Spätestens nach einem halben Tag, allerspätestens nach einem.

Nicht so die Familie des Japaners Sogen Kato. Die ließ ehrfürchtig 30 Jahre verstreichen, kassierte Monat für Monat seine Rente ein und erinnerte sich erst wieder an ihren Ahnen, als Gratulanten vor der Tür standen, die dem nunmehr 111-jährigen Jubilar ein Ständchen bringen wollten. Doch, oh Schreck: Im völlig verstaubten Bett des Greises lag wider Erwarten nur dessen längst mumifizierte Leiche.

Der Fall wirft ein völlig neues Licht auf das faszinierende Phänomen, wonach die Menschen in Japan die höchste Lebenserwartung aller Nationen haben. Oder vielleicht: hatten? Denn seit dem Fund des Sogen Kato machen besorgte Behördenmitarbeiter Hausbesuche bei allen bis zu 40.000 offiziell gemeldeten Hundertjährigen. Der Zwischenstand: Schon 75 von ihnen ließen sich nicht mehr aufspüren – also nicht einmal mehr ihre Mumie!

Böse Zungen streuen nun das Gerücht, die Kontrolleure hätten noch weniger Hundertjährige vorgefunden, wenn es den "Club der Hundertjährigen" nicht gäbe. Der fungiere als eine Art Alten-Rufbereitschaft, was man sich so vorstellen muss: Die Kontrolleure klingeln an der Tür. Die Familie sagt, der Ururgroßvater sei gerade auf einem Marathon oder bringe die Flaschen zum Glascontainer, bittet die Kontrolleure ins Wohnzimmer und beginnt eine hochkomplizierte Teezeremonie. Unterdessen schleicht sich ein Familienmitglied raus, ruft die kostenfreie Hotline der Hundertjährigen an, und die schickt sofort jemanden los, der dann zur hellen Freude der Familie als eben vom Sport oder Glascontainer heimkehrender Ururur- oder sogar Ururururgroßvater auftaucht. Preis für den Aufwand: Die Hundertjährigen bekommen fortan einen Teil der Rente. Ein geniales Geschäftsmodell für alle Beteiligten, das, so ist ebenfalls zu hören, nur einen Nachteil habe: Die ersten Hundertjährigen kämen den Kontrolleuren allmählich bekannt vor. Hilfsweise sollen sich in der japanischen Provinz auch schon besonders gebrechliche 90-Jährige als 100-Jährige ausgegeben haben.

Schlummert hier also schon der nächste große Rentenskandal? Ein Skandal, gegen den unsere Rente mit 67, ja mit 75, eher eine Petitesse darstellt? Man kann jedenfalls davon ausgehen, dass Altersforscher nun auch die anderen angeblichen Jungbrunnen auf diesem Planeten sehr kritisch unter die Lupe nehmen werden.

Etwa die kalifornische Kleinstadt Loma Linda. Dort wird seit einem halben Jahrhundert ein Pool besonders Langlebiger untersucht; die meisten von ihnen gehören zur Kirche der Adventisten des Siebenten Tages. Menschen also, die sehr gesund leben, Alkohol und Tabak ohnehin meiden, und unter denen es viele Vegetarier gibt. Und diese leben – so die bisherigen Ergebnisse – am längsten.

Am zweitältesten werden fleischessende Adventisten. Danach erst kommen in der Lebenserwartung die an nichts glaubenden Vegetarier. Ganz am Schluss: die ungläubigen Fleischesser. Kein Wunder, dass die Zahl der Adventisten weltweit seit 1961 von einer auf etwa 16 Millionen stieg. Und der Anteil der Vegetarier in der westlichen Welt auf bis zu 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, in Indien sogar auf 40 Prozent.

Aber: Leben die dahinvegetarierenden Menschen in Indien etwa herausragend lange? Oder auch nur die Adventisten außerhalb von Loma Linda? Nein! Ein Rätsel? Vielleicht.

Aber, ohne das Geringste unterstellen zu wollen, nur rein theoretisch: Haben nicht viele Wissenschaftler den Ehrgeiz, möglichst lange an einem Projekt zu forschen – und gäbe es nicht genug Probanden, die bereit wären, in die Fußstapfen eines anderen zu treten?

Wieder anders könnte es womöglich an einem anderen Hotspot des Alterns laufen: Auf Sardinien, ausgerechnet in der mit am dünnsten besiedelten – und sicherlich mit am schwersten zu kontrollierenden – Gegend Europas sollen die Menschen besonders alt werden. Dazu sollte man wissen, dass in Italien die Menschen danach trachten, besonders zeitig ihre Rente ausbezahlt zu bekommen, im Schnitt mit 60,8 Jahren, um dann endlich etwas vom Leben zu haben.

Und, ja, natürlich, die Wissenschaftler sprechen bei den Sarden von genetischer Disposition. Aber nur ganz theoretisch, gesetzt den Fall, es gäbe ein paar Leute, die in einer abgelegenen, bitterarmen Gegend leben und sich überlegt haben, dass es doch ganz nett wäre, nicht erst mit 60,8 Jahren Rente vom Staat zu bekommen, sondern schon mit 40,8 Jahren oder gar mit 30,8? Und die einen netten Kumpel haben, der zufälligerweise beim Standesamt die Geburtsurkunden verwaltet ...?