Am Anfang stand eine kurze Meldung: "Deutsche mit wenig Lust aufs Kinderkriegen" titelten wir am 27. Juli. In keinem europäischen Land, so lautete die Botschaft des Artikels, wurden 2009 so wenig Kinder geboren wie in Deutschland. ZEIT ONLINE-Leser diskutierten die Meldung leidenschaftlichin mehr als 500 Kommentaren. Die wichtigsten Thesen unserer Leser haben wir dem Sozialwissenschaftler Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung vorgelegt. Er forderte insbesondere eine bessere Ganztagsbetreuung, um den Deutschen wieder mehr Lust auf Kinder zu machen. Jetzt widersprichtKostas Petropulos,Publizist und Leiter desHeidelberger Büros für Familie und soziale Sicherheit:

651.000 Babys wurden 2009 in Deutschland geboren – so wenige wie niemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Doch die zuständige Ministerin und die Bundesregierung sehen keinen Anlass, diese Zahl öffentlich zu kommentieren oder gar einen der sonst üblichen Krisengipfel einzuberufen. Im Gegenteil: Beim kommenden Sparpaket des Bundes sind nur Bildung und Forschung von Kürzungen ausgenommen – Einsparungen bei Familien ausdrücklich nicht.

Fachleuten und der Bevölkerung bereitet der Kinderschwund in Deutschland dagegen durchaus Sorgen, wie etwa das gewaltige Leserecho auf eine Meldung zur Geburtenrate signalisiert. Auf der Suche nach Auswegen aus dieser demografischen Krise argumentieren Experten gern, man müsse nur eine flächendeckende Ganztagsbetreuung ab dem ersten Lebensjahr einführen, um die Geburtenrate zu steigern.

Diese Idee ist weder neu noch für sich allein Erfolg versprechend, wie die Erfahrung lehrt. Dabei muss man nicht einmal nach auf das Vorbild gebende Ausland, beispielsweise Frankreich oder Schweden, schauen. Es reicht schon der Blick nach Ostdeutschland. Hier gibt es bereits seit Jahrzehnten die erträumten Krippen und Ganztagskindergärten.

Dennoch ist die Geburtenrate mit 1,4 Kindern pro Frau (2008) kaum höher als in den westdeutschen "Krippen-Notstandsgebieten" mit 1,37 Kindern pro Frau. Genauso ernüchternd sind die Ergebnisse der bereits seit rot-grünen Regierungszeiten gestarteten bundesweiten Krippenoffensive. So hat sich die Betreuungsquote für die Unter-Dreijährigen in Westdeutschland von 7,8 (2006) auf 14,5 Prozent (2009) fast verdoppelt. Die Geburtenrate ist jedoch lediglich von 1,34 auf 1,37 (2008) gestiegen und könnte 2009 sogar wieder leicht gesunken sein. Fachleute sind sich im Übrigen darin einig, dass der leichte Babyanstieg von 2006 auf 2007 zum größten Teil auf das Konto des 2007 eingeführten Elterngeldes geht.

Zwischenfazit: Das angebliche Patentrezept "Mehr Kinderbetreuung = mehr Kinder" ist keines.

Das ist nicht verwunderlich, da die Entscheidung für Kinder ähnlich komplex ist wie beispielsweise die Gründe für eine florierende Volkswirtschaft. Bei der Motivsuche gilt es etwa zwischen Kinderlosen mit und ohne Kinderwunsch zu unterscheiden. Dazu kommen noch die Eltern mit Kind(ern), die sich überlegen, ob sie weiteren Nachwuchs wollen. So ist für familienwillige Kinderlose der fehlende Partner der mit Abstand wichtigste Grund, ohne Baby zu bleiben. An zweiter Stelle steht die Forderung nach wirtschaftlicher Sicherheit, um eine Familien zu gründen oder zu erweitern.

Und gerade diese Sicherheit ist besonders für Berufseinsteiger und Berufseinsteigerinnen immer weniger zu haben, wie schon die Schlagworte von der "Generation Praktikum" und der "Generation der befristeten Arbeit" signalisieren. Es sind die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt, die in den populären Vergleichen mit dem familienpolitisch "fortschrittlichen" Ausland wie Frankreich oder Skandinavien oft übersehen werden.