Schuld sind immer die anderen: Seit der Loveparade-Katastrophe vom 24. Juli schieben sich Veranstalter, Polizei und Duisburger Stadtspitze gegenseitig die Verantwortung zu. Zuletzt die Stadtverwaltung Duisburg , die sich bisher sehr verschlossen gezeigt hatte.

Am Mittwoch nun übergab sie dem nordrhein-westfälischen Innenministerium und den Mitgliedern des Innenausschusses, die zu einer Sondersitzung zusammengekommen waren, ein 35-seitiges Zwischen-Gutachten. Eine Anwaltskanzlei hatte es erstellt, allerdings in Kooperation mit der Verwaltung selbst. Einen ersten Entwurf habe man "intensiv in mehreren Sitzungen mit den Mitarbeitern der Stadtverwaltung besprochen und deren Präzisierungs- und Ergänzungsvorschläge gemeinsam eingearbeitet", heißt es in dem Begleitschreiben. Dementsprechend positiv fällt das Gutachten für die Stadt aus: es lägen bisher keine Erkenntnisse dafür vor, "dass die Mitarbeiter der Stadt Duisburg ihre gesetzlichen Pflichten verletzt hätten und auf diese Weise zum Unglück beigetragen oder es gar versucht hätten". Stattdessen wird die Polizei beschuldigt, Sperren nicht rechtzeitig geöffnet zu haben und mit Fahrzeugen die Rampe blockiert zu haben.

Als der Zwischenbericht im Innenausschuss diskutiert wurde, war kein Vertreter der Stadt Duisburg dabei, um sich den Fragen der Parlamentarier zu stellen. Grund dafür war die Landesbürokratie. Der Ausschuss hatte so kurz nach der Wahl noch nie getagt, hatte sich noch nicht konstituiert und keinen Vorsitz. Deshalb musste der Landtagspräsident Eckhard Uhlenberg (CDU) offiziell zu der Sitzung einladen. Nach Informationen von ZEIT ONLINE hatten Abgeordnete von der SPD und den Grünen den Landtagspräsidenten in einem Brief gebeten, auch Vertreter der Stadtverwaltung Duisburg, also auch Oberbürgermeister Adolf Sauerland, zur Ausschusssitzung einzuladen. Uhlenberg lehnte das ab. Aufgrund der Landesverfassung sie ihm "eine Ladung "Dritter"" nicht möglich, denn inhaltliche Entscheidungen wie diese könnten nur nach Beschlussfassung im Ausschuss getroffen werden. Doch wie soll ein Ausschuss, der sich noch nicht mal konstituiert hat, vor seiner ersten Sitzung bereits Beschlüsse fassen? So wurde die Stadtspitze nicht eingeladen, und viele Fragen blieben offen.

Spannender als die Diskussion in dem Landes-Gremium ist dann auch der Anhang des Duisburger Zwischenberichtes: Mehrere Hunderte Seiten an teilweise streng vertraulichen Dokumenten, auf deren Grundlage die Juristen ihr Gutachten verfassten. Das Sicherheitskonzept ist darin enthalten, etliche Gesprächsnotizen, Briefwechsel und Protokolle. ZEIT ONLINE liegt dieser Anhang vor. Eine Analyse zeigt: Keiner ist ohne Verantwortung. Jeder hat etwas zu der mangelhaften Planung beigetragen. Sei es durch mangelhafte Sicherheitskonzepte, sei es durch zu nachsichtiges Absegnen.

Welche Erkenntnisse aus den Planungsunterlagen zu ziehen sind, beschreibt ZEIT ONLINE auf den folgenden Seiten.

Wie groß war die Fläche und wie viele Menschen waren da?

Wie groß war die Fläche und wie viele Menschen waren da?

Von 1,4 Millionen Besuchern war am Tag der Loveparade die Rede. Heute will keiner mehr etwas von dieser Zahl wissen. Alle Beteiligten haben hier wohl bewusst übertrieben. So heißt es bereits in einer Niederschrift eines Gespräches aus dem vergangenen September, dass "weiterhin über 1 Million Besucher angesteuert" werden, aber: "bei weiteren rein internen Planungen sollte allerdings mit einer Besuchermenge von 500.000 bis 600.000 gerechnet werden." Beteiligt waren an dieser doppelzüngigen Strategie alle, Veranstalter, Verwaltung, Stadtspitze.

Oberbürgermeister Adolf Sauerland sagte in einem Interview in den Tagen nach der Katastrophe die erstaunlichen Sätze: "Da gab es eine große Public-Relations-Maschine. Die Zahlen wurden immer um den Faktor drei oder vier übertrieben. Deswegen mussten wir auch die Zahl der wirklich erwarteten Teilnehmer geheim halten, um der Firma Lopavent GmbH als Veranstalter der Loveparade keinen Imageschaden zuzufügen."

Wie viele Menschen laut Gesetz auf ein Veranstaltungsgelände passen, hält die Sonderbauverordnung NRW fest. Dort heißt es im ersten Paragrafen: "Die Anzahl der Besucher ist wie folgt zu bemessen: für Stehplätze: zwei Besucher je Quadratmeter Grundfläche."

Laut eines Protokolls von Anfang März 2010 hatten der Grundstücksbesitzer und der Veranstalter ursprünglich angekündigt, eine Fläche von 258.000 Quadratmetern zur Verfügung zu stellen. Diese Zahl schrumpfte später immer weiter auf zwischenzeitlich 90.000 Quadratmeter (also für 180.000 Personen), weil, wie es in dem Protokoll heißt: "die Herrichtung großer Geländeteile zu kostspielig sei." Die Verwaltung rechnet vor: "Selbst bei einer niedrigen Einschätzung des Besucheraufkommen von 500.000 – 600.000 Menschen, die auch nicht gleichzeitig alle vor Ort sind, würden aber im Zeitraum 17.00 – 22.00 Uhr ca. 300.000 Menschen kommen und somit befänden sich ca. 120.000 Personen im öffentlichen Verkehrsraum, die das Veranstaltungsgelände nicht betreten dürfen. Diese Problematik ist nicht lösbar!"

Auf Drängen der Stadt richtet der Veranstalter dann weitere 20.000 Quadratmeter für die Loveparade her, das Gelände wächst auf 110.000 Quadratmeter. Passt man die Verwaltungsrechnung an, sind aber auch jetzt noch 80.000 Menschen "über", die auf das Gelände wollen, aber nicht können.

Lopavent hat dann angesichts dieser Probleme die eigenen Schätzungen einfach angepasst. Sie ging jetzt von nur noch 400.000 Besuchern aus ("mehr können auch kaum durch die Bahn befördert werden"), und davon, dass gleichzeitig höchstens 200.000 bis 250.000 Leute auf dem eigentlichen Gelände seien, "da eben ein ständiger Austausch stattfindet."

Auffällig ist, wie diese Prognose genau zu der Obergrenze der Teilnehmerzahl passt, die laut Gesetz gerade noch erlaubt ist (220.000). Am Ende zeigte sich die Stadtverwaltung großzügig und legte noch mal ein bisschen was drauf, genehmigte das Gelände für 250.000 Besucher.

Schlussendlich wird in der vertraulichen Besucherprognose, die der Veranstalter dem Leiter des Ordnungsamtes am 8. Juli schickte, als Gesamtzahl der Teilnehmer über den Tag 485.000 angegeben. "Bitte behandeln Sie diese Unterlagen streng vertraulich!", schreibt der Lopavent-Vertreter, "eine Veröffentlichung dieser Zahlen könnte dem Ansehen der Veranstaltung immensen Schaden zuführen". Und eine Seite später heißt es: "Hervorzuheben ist, dass die folgenden Zahlen keinen Bezug zur "offiziellen Besucherzahl" für mediale Zwecke (...) haben, die nach anderen Kriterien ermittelt wird und von anderen Faktoren abhängt." Was diese "Kriterien" sein sollen, steht nicht in dem Schreiben.

Nach Außen hat man die Zahlen für PR-Zwecke bis auf 1,4 Millionen hochgetrieben, nach Innen hat man sie soweit runtergerechnet, bis sie zu den gesetzlichen Anforderungen passten.

Wer war für Tunnel, Rampe und Zugangssperren verantwortlich?

 
Wer war für Tunnel, Rampe und Zugangssperren verantwortlich?

Am 19. Juli beantragte Lopavent über ihre Anwaltskanzlei eine "Sondernutzungserlaubnis für Teile der Karl-Lehr-Straße". Das ist die Straße, die durch die Tunnel führt. Zwei Tage später erteilt die Stadt die Erlaubnis, den Bereich "im Rahmen des mit der Stadt Duisburg erarbeiteten Sicherheitskonzeptes" zu nutzen. Eine Auflage: "Das Veranstaltungsgelände muss jederzeit von Feuerwehr und Rettungsdienst erreicht werden können." Augenzeugen berichteten später, dass es bis zu zwanzig Minuten gedauert habe, bis die ersten Notarztwagen am Unglücksort waren – es war einfach zu voll.

Um die Karte des Geländes zu vergrößern, klicken Sie bitte hier © ZEIT ONLINE

In ihrem Sicherheitskonzept vom 16. Juli erläutert Veranstalter Lopavent ausführlich, wie sie die Situation an der Karl-Lehr-Straße (also vor und in den Tunneln) und an der Rampe unter Kontrolle halten will. Mit mehreren Sperren, Mobilen Streifen und Posten soll der Fluss der Zuschauer gesteuert werden. 100 Sicherheitskräfte seien in dem Bereich im Einsatz. "Sollte es zu Stauungen oder Pfropfbildungen kommen, fordern sie die statischen Besuchergruppen auf weiter zu gehen", heißt es lapidar. 16-mal hatte die Vorbereitungsgruppe getagt, die sich mit der Sicherheit der Veranstaltung beschäftigte. Die Ergebnisse ihrer Sitzungen sollen in das Konzept mit eingeflossen sein.

Was steht im sogenannten Bewegungsmodell und wer hat es abgesegnet?

  Was steht im sogenannten Bewegungsmodell und wer hat es abgesegnet?

Am 8. Juli hat Lopavent dem Duisburger Ordnungsamt eine Besucherprognose und ein Bewegungsmodell zukommen lassen. Dort listet sie genau auf, zu welcher Uhrzeit ihrer Einschätzung nach wie viele Besucher auf das Gelände strömen bzw. dieses verlassen.

Zwischen 17 und 18 Uhr, also im Zeitraum des Unglücks, erreicht der Teilnehmerverkehr laut dieser Prognose seinen Höhepunkt, 90.000 Besucher würden dann auf das Gelände wollen, 55.000 dieses verlassen. 145.000 Menschen also, die aus zwei Richtungen gleichzeitig durch die 25 Meter breiten Tunnel sollen. Der Physiker Michael Schreckenberg sagte nach dem Unglück, die Tunnel hätten eine Maximal-Kapazität von 20.000 Menschen pro Stunde. Das heißt: Die Veranstalter haben anscheinend ganz bewusst eingeplant, dass die Zugangswege am späten Nachmittag siebenfach überfüllt sein würden.

Schreckenberg war am Rande auch selbst in die Vorbereitung der Loveparade involviert. Der bekannte Physiker der Duisburger Uni sollte die Planung der Zu- und Abwege sowie des Veranstaltungsgeländes für die Loveparade absegnen. Dafür bekam er von der Stadt 20.000 Euro, wie ein Schreiben des Dezernenten Wolfgang Rabe belegt. Am 12. Juli traf er sich mit dem Vorbereitungsstab, ließ sich das Konzept erörtern und befand es im Großen und Ganzen für gut. Ob er dabei auch das fragliche Bewegungsmodell zu sehen bekam, geht aus den Unterlagen nicht eindeutig hervor.

Am 21. Juli schließlich, drei Tage vor der Veranstaltung, erteilt das Amt für Baurecht die Genehmigung einer vorübergehenden Nuztungsänderung. Die Loveparade kann stattfinden.

Gab es Druck von der Politik?

Gab es Druck von der Politik?

Vom Ministerpräsidenten bis zum Oberbürgermeister: In der Politik war man sich einig, dass es mit der Loveparade dieses Mal, nach der Bochumer Absage 2009, klappen müsse. Das bekam auch die Verwaltung zu spüren. Bereits in einer Niederschrift einer Sitzung aller beteiligten Institutionen im Oktober 2009 heißt es: "Herr Rabe (Ordnungsdezernent der Stadt, Anm. d. Red.) teilte mit, dass der Ministerpräsident des Landes NRW (Jürgen Rüttgers, Anm. d. Red.) in der Vergangenheit bereits eine Aussage getroffen habe, dass die Loveparade in Duisburg stattfinden solle. Eine Absage könne daher lediglich aus gravierenden Sicherheitsbedenken erfolgen."

Wie Druck ausgeübt wurde, zeigt wohl am deutlichsten die Diskussion um die Fluchtwege. Es gilt: für jeweils 600 Besucher müssen die Fluchtwege 1,20 Meter breit sein. Das macht bei einer Maximalauslastung von 250 000 Besuchern 500 Meter Breite – aus Sicht der Veranstalter viel zu viel. Sie konnten nur 155 Meter nachweisen, es sei aus ihrer Erfahrung aber auch ausreichend, wenn ein Drittel der Personen "entfluchtet" werden könnte. Sie zeigten sich "überrascht" über diese Anforderungen.

Als die Verwaltungsmitarbeiterin auf ihren Forderungen beharrte, griff der Ordnungsdezernent Rabe ein. In dem Protokoll heißt es: "Herr Rabe stellte in diesem Zusammenhang fest, dass der OB die Veranstaltung wünsche und dass daher hierfür eine Lösung gefunden werden müsse." Das Amt solle lieber "konstruktiv mitarbeiten". Es könne  nicht sein, dass man dort "diese Pflicht nur auf die Antragssteller abwälzen würde, schließlich wolle der OB die Veranstaltung." Der Baudezernent Jürgen Dressler schrieb zwar mit der Hand auf das Protokoll, dass er "aufgrund dieser Problemstellung eine Zuständigkeit und Verantwortung" ablehne und das Vorgehen "in keinerlei Hinsicht einem ordentlichen Verwaltungshandeln und einer sachgerechten Projektstellung" entspreche. Die Genehmigung der schmaleren Fluchtwege hat er trotzdem nicht aufgehalten, ein öffentlicher Protest Dresslers blieb aus, von einer direkten Intervention beim OB ist nichts bekannt.

Immer wieder ist in den Konzepten und Äußerungen von Lopavent von der umfangreichen Erfahrung die Rede, die man als Veranstalter der Loveparade in den letzten Jahren habe. Bei fasst allen strittigen Punkten greifen sie auf diese Argumentation zurück: Man wisse nun mal, dass eben ein ständiger Austausch der Besucher stattfinde, man wisse nun mal, dass schmalere Fluchtwege auch ausreichen würden.

Was geschah auf der Rampe und im Tunnel?

Was geschah auf der Rampe und im Tunnel?

Auf den Videos vom Unglück ist ein fensterloser weißer Container zu sehen, der direkt an der Rampe stand und auf den die Menschen in ihrer Angst kletterten. In diesem Container saß der "Crowd-Manager" des Veranstalters, zusammen mit einem Polizeibeamten. Sie hatten eigentlich die Aufgabe, vor Ort über Funk die Ordner und Polizisten so zu steuern, dass diese die Besucherströme vernünftig durch die Tunnel und über die Rampe lenken.

Am Nachmittag kam es dann zu dem, was im Sicherheitskonzept "Pfropfbildung" genannt wurde. Nach Berichten von Augenzeugen stauten sich die Zuschauer am Ende der Rampe, blieben einfach stehen, dabei bot das Gelände weiter drinnen noch viel mehr Platz. Gleichzeitig trafen am Anfang der Rampe ankommende und gehende Besucher aufeinander. Jetzt wurde es kompliziert.

In einem Szenarien-Workshop am 8. Juli hatten Polizei, Veranstalter und Stadt genau so ein Szenario durchgespielt. In dem Protokoll zu dem Szenario gibt es ein Feld, in dem vermerkt werden soll, wer in einer solchen Situation verantwortlich ist. Angekreuzt ist nur das Kästchen neben dem Wort "Veranstalter". Weiter unten heißt es, der Veranstalter solle dann die Einlassstellen an den Tunnelenden schließen, die Besucherströme "beeinflussen". Die Polizei wiederum solle hierbei "gegebenenfalls Unterstützung" leisten. Soweit die Theorie.

In der Praxis dauerte es anscheinend viel zu lange, bis der Crowd-Manager in seinem Container die Unterstützung der Polizei anfordern konnte, es gab Probleme mit dem Funk und dem Telefonnetz. Als die Polizei schließlich in den Tunneln und auf der Rampe Ketten zur Absperrung gebildet hatte, schien sich die Lage zu beruhigen. Doch Augenzeugen berichteten ZEIT ONLINE, die Ketten in den Tunneln seien um viertel nach vier Uhr von den ungeduldigen Besuchern einfach überrannt worden. Dadurch drängten plötzlich viel mehr Menschen auf die Rampe, die ja durch eine weitere Kette gesperrt war. Zusätzlich, auch dass sagen die Augenzeugen, ist dann wenige Minuten später auch die Einlassschleuse ganz außen am westlichen Tunnelende zusammengebrochen. Danach war das Unglück wohl kaum noch aufzuhalten.

Wer zu diesem Zeitpunkt das Kommando hatte, ist unklar. Der Crowd-Manager sagte dem Spiegel , er hätte es bereits gegen 16 Uhr an die Polizei abgegeben.

Es ist ein erschreckendes Bild, das die Dokumente in Zusammenhang mit dem tatsächlichen Ablauf des Unglücks zeichnen. Ein Veranstalter, der sich mit Händen und Füssen gegen gesetzliche Auflagen wehrt. Eine Stadtverwaltung, die zwar über die Unzulänglichkeiten der Planung mault, sie aber nicht verhindert. Ein Bewegungsmodell, das niemals hätte abgesegnet werden dürfen. Notfallpläne, die zwar gut gedacht sind, in der Praxis aber an mangelnder Professionalität und dem schieren Ansturm der Massen scheitern. Eine Polizei, die zwar im Vorfeld auf mehr Sicherheit gedrängt hat, am Tag selbst das Unglück aber auch nicht mehr verhindern konnte. Alles hatten sie alle gemein: Sie wollten diese Loveparade, unbedingt. Sie haben sie bekommen. Nun müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, an der Tragödie mitschuldig zu sein. Alle.