Bisher warten noch immer viele Opfer der Hochwasserkatastrophe in Pakistan vergeblich auf Hilfe. Um durch die Fluten abgeschnittene Regionen versorgen zu können, plant die Nato jetzt eine Luftbrücke. Über sie sollen innerhalb einer Woche bis zu 500 Tonnen Hilfsgüter von Europa nach Pakistan gebracht werden können, sagte der deutsche Nato-General Egon Ramms auf NDR Info. "Das ist für einen Lufttransport schon eine ganze Menge."

Ramms zufolge soll auf einem pakistanischen Flugplatz ein "Luftumschlagspunkt oder Empfangspunkt" für die Güter eingerichtet werden. "Wir wollen die Hilfsgüter in das Land hineinbringen, wollen dann aber die weitere Verteilung der pakistanischen Regierung und dem pakistanischem Militär überlassen", sagte der Vier-Sterne-General.

Seit Sonntag sei bereits ein Erkundungsteam der Nato in den Katastrophengebieten unterwegs, um gemeinsam mit einheimischen Kräften zu klären, wo und inwieweit die Nato Hilfe leisten könne.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) erklärte, es gebe einen "massiven Bedarf" an Helikoptern, um auch in entlegenen Regionen Bedürftige versorgen zu können . "Sie können uns viele bringen, und wir werden sie alle nutzen", sagte WFP-Sprecherin Emilia Casella in Genf. Insgesamt verfügt das WFP derzeit über 15 Hubschrauber.

Nach Angaben der Sprecherin verfügt das WFP über Lebensmittelrationen für einen Monat für 1,2 Millionen Flutopfer. Insgesamt benötigten jedoch sechs Millionen Menschen Nahrung. Von den Überschwemmungen sind 20 Millionen Menschen betroffen . Vielen haben die Fluten ihre Existenzgrundlage geraubt. Etwa 200.000 Kühe, Schafe, Büffel, Ziegen und Esel sind laut der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) bereits verendet. Die FAO rief dazu auf, Millionen bedrohten Tieren mit Medikamenten und Futter zu helfen.

Mehrere Staaten hatte n in UN-Vollversammlung eine Aufstockung ihrer Fluthilfen angekündigt . UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte zu Beginn der Beratungen die Weltgemeinschaft erneut in die Pflicht genommen. Die Katastrophe sei ein "wichtiger Prüfstein für die internationale Solidarität", sagte er. Ban verglich die Überschwemmungen mit einem "Tsunami in Zeitlupe", dessen "Kraft der Zerstörung sich mit der Zeit verstärkt".

Auch der pakistanische Außenminister Shah Mehmood Qureshi richtete einen Hilfsappell an die Vertreter der 192 UN-Mitgliedsländer. Er warnte vor einem Versagen bei der Hilfe für sein Land. "Wir dürfen nicht erlauben, dass Terroristen von dieser Katastrophe profitieren." Pakistan nahm eine Nothilfe von seinem Erzfeind Indien an. Qureshi sagte im indischen Fernsehen, das Angebot aus Neu Delhi sei eine "sehr willkommene Initiative".

Diese Satellitenbilder zeigen die Überflutungen im Süden Pakistans. Klicken Sie auf das Bild für eine größere Ansicht © Nasa

Pakistan hat unterdessen islamistischen Hilfsorganisationen den Kampf angesagt, die politisches Kapital aus der Flutkatastrophe schlagen wollen. Verbotene Stiftungen würden von den überschwemmten Gebieten ferngehalten, sagte Innenminister Rehman Malik. In der Bevölkerung wächst die Wut auf die Regierung. Viele Opfer werfen ihr vor, bei der Bewältigung der schlimmsten Flut in der Geschichte des Landes zu langsam zu handeln. Es wird befürchtet, dass radikal-islamische Gruppen dieses Vakuum ausnutzen, um neue Mitglieder zu rekrutieren.

"Wir werden die Mitglieder von verbotenen Organisationen festnehmen, die Spenden einsammeln, und werden sie unter dem Anti-Terror-Gesetz vor Gericht stellen", sagte Malik. Pakistans Präsident Asif Ali Zardari und der prominente US-Senator John Kerry hatten nach einem Besuch der Flutgebiete davor gewarnt, dass radikale Gruppen die Wut und Verzweiflung der Menschen ausnutzen wollten. Dies sei bereits nach dem verheerenden Erdbeben 2005 in Kaschmir geschehen.

Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass Pakistan Maßnahmen gegen Stiftungen mit Verbindungen zu militanten Gruppen ankündigt. Kritiker bemängeln, dass die Organisationen einfach den Namen wechseln und die Behörden kein wirkliches Interesse an einer Verfolgung hätten.

Vor Ort blieb die Lage dramatisch. In der südpakistanischen Provinz Sindh starben nach Behördenangaben in den vergangenen drei Tagen acht Menschen, darunter vier Kinder, an Magen- und Hautkrankheiten. In der zentralen Provinz Punjab sanken die Wasserstände zwar. Die Fluten haben jedoch ganze Ortschaften und Felder zerstört. Im ganzen Land sind laut UN rund 4,6 Menschen ohne Dach über dem Kopf.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) warb bei der EU um Handelserleichterungen für Pakistan. Die Menschen müssten "die Chance erhalten, die wirtschaftlichen Potenziale des Landes auszuschöpfen und sich durch selbst tragendes Wachstum eine wirtschaftliche Perspektive zu erarbeiten", erklärte er.

Nächste Woche wollen pakistanische Regierungsvertreter mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über eine Lockerung der Wachstums- und Finanzziele verhandeln. Bei einer Sondersitzung der UN-Vollversammlung in New York kündigte die Staatengemeinschaft weitere Mittel an. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte eine Aufstockung um 60 Millionen Dollar auf mehr als 150 Millionen Dollar zu. Für die Europäische Union gab der belgische Außenminister Steven Vanackere weitere 30 Millionen Euro bekannt, womit die Gesamtsumme 140 Millionen Euro erreicht. Die Bundesregierung kündigte an, weitere zehn Millionen Euro bereitzustellen. Die insgesamt 25 Millionen Euro aus Deutschland fließen zusätzlich zu den EU-Geldern.