In Pakistan bricht sich Verzweiflung ihren Weg. "Nieder mit der Regierung", riefen Demonstranten in einem Dorf der Provinz Punjab in Sprechchören. Hunderte Dorfbewohner zünden Reifen an und skandieren regierungsfeindliche Parolen. "Wir verhungern hier", ruft Hafiz Shabbir aus Kot Addu. "Niemand ist gekommen, um uns zu helfen." Eine ähnliche Szene spielte sich in der südlichen Provinz Sindh ab: Voller Verzweiflung versperrten dort Demonstranten eine Schnellstraße, zündeten Strohballen an und bedrohten vorbeifahrende Autofahrer mit Stöcken.

Nach Einschätzung der Hilfsorganisation Care steht Pakistan "unmittelbar vor einer Hungerkrise". Eine "Kraftanstrengung ohne Beispiel" sei nötig, um das Schlimmste zu verhindern. Die Verteilung von Essen und Trinken sei bisher "vollkommen unzureichend". Auch an Unterkünften fehle es. Es gebe bereits Berichte über verhungerte Kinder. "Das ist ein schreckliches Warnzeichen für die kommenden Wochen."

"Die Geschwindigkeit, mit der sich die Situation verschlechtert, ist beängstigend", sagte die Landeschefin der Organisation Oxfam, Neva Khan. "Die Mittel, die zur Verfügung stehen, decken nur einen kleinen Teil des eigentlich Nötigen ab." Es fehle auch an Latrinen und Hygieneartikeln. Die Behörden mussten weiterhin Lebensmittel wie Reis und Mehl mit Eseln in abgelegene Bergregionen transportieren. Ministerpräsident Gilani rief die Staatengemeinschaft auf, Hubschrauber, Boote und Luftkissenboote bereitzustellen.

Die WHO stellt sich bereits auf einen Ausbruch der Cholera ein. Es würden derzeit Vorbereitungen getroffen, um in diesem Fall 140.000 Menschen helfen zu können, sagte OCHA-Sprecher Giuliano. Bisher bestätigte die UNO nur einen Erkrankungsfall – ein Helfer sagte hingegen, dass bereits mehrere Menschen an der Infektionskrankheit gestorben seien. Im Nordwesten des Landes litten bereits mindestens 36.000 Menschen an Durchfall, einem möglichen Symptom für Cholera.

Insbesondere Kinder gehören zu den Leidtragenden der Flutkatastrophe. Die OCHA warnt vor einer humanitären Katastrophe. Bis zu 3,5 Millionen Kinder seien einem "starken Risiko ausgesetzt", durch schmutziges Wasser tödlich zu erkranken. Sie seien vor allem von bakteriellen Darminfektionen, Hepatitis, Typhus und Durchfall bedroht. Kinder könnten ihren Durst nicht kontrollieren und schreckten auch vor eindeutigem Schmutzwasser nicht zurück, sagte Unicef-Sprecher Sami Abdul Malik.

Von der Überschwemmungskatastrophe in rund einem Viertel des Landes sind 20 Millionen Menschen direkt oder indirekt betroffen. Sechs Millionen Kinder haben in den vergangenen drei Wochen ihre Eltern verloren, sind nach UN-Angaben erkrankt oder ohne Obdach. Das von der Katastrophe betroffene Gebiet hat etwa die Fläche Italiens erreicht. Nach jüngsten Angaben der nationalen Katastrophenschutzbehörde NDMA starben durch die Fluten bislang 1463 Menschen, 2024 Menschen wurden verletzt.

Die Vereinten Nationen sind besorgt über die schleppenden Hilfszahlungen der internationalen Gemeinschaft. Nach deren Angaben ist bislang erst ein Viertel der für den ersten Hilfseinsatz benötigten 459 Millionen Dollar angekommen . Deutlich mehr geben allein die USA für den Kampf gegen die Extremisten im Land aus: Mindestens eine Milliarde Dollar flossen 2009 als Militärhilfe an den Verbündeten. Der britische Vize-Premierminister Nick Clegg nannte die bisher erfolgten Hilfszusagen "absolut erbärmlich".

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Auch die Spendenbereitschaft ist nach wie vor gering. Helfer klagen, die Deutschen seien bisher zu zurückhaltend. Es sei aber eine "humanitäre Pflicht, Pakistan zu helfen". Die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, rief nachdrücklich zu Spenden für die Flutopfer auf. Pakistan habe ein "Imageproblem" im Westen, sagte ein Sprecher des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA). Daher erhalte das Land nur wenig Hilfe. Eine Sprecherin der Hilfsorganisation Care International sagte, es müsse deutlich gemacht werden, dass die Hilfsgelder "nicht in die Hände der Taliban" gelangten.