Im Meinungsstreit über den Antisemitismus der Deutschen während der NS-Zeit hat das Bundesverfassungsgericht die Bundeszentrale für politische Bildung zu mehr "Ausgewogenheit und rechtsstaatlicher Distanz" aufgerufen. Die scharfe Kritik der Behörde an einem ihrer Autoren, der behauptet, die Mehrheit der Deutschen sei damals nicht antisemitisch eingestellt gewesen, sei verfassungswidrig. Die Behörde könne ihre Geschichtsinterpretation nicht als einzig richtige hinstellen, hieß es zur Begründung in dem jetzt veröffentlichten Richterbeschluss. 

Der klagende Politikwissenschaftler hatte in der von der Bundeszentrale herausgegeben Zeitschrift Deutschland Archiv die These vertreten, dass die Mehrheit der Deutschen während der Nazi-Zeit mit den Juden sympathisiert hätten und von einer "deutsch-jüdischen Symbiose unter dem Hakenkreuz" gesprochen. Nachdem ein Teil der Zeitschriften ausgeliefert war, entschuldigte sich die Bundeszentrale bei den Lesern, "welche sich durch den Beitrag verunglimpft fühlen", und kündigte an, den Rest der Auflage einzustampfen. Zudem werde sich dieser "einmalige Vorgang" nicht wiederholen.

Die Verfassungshüter bezeichneten diese Reaktion nun als unzulässigen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht des Klageführers. Die Behörde dürfe sich zwar von extremen oder extremistischen Meinungen distanzieren, die ihrer Reputation schaden könnten. Mit dem abschätzigen Brief sei sie aber zu weit gegangen, weil der Aufsatz als nicht mehr diskutierbar dargestellt werde. Dies könne bei dem "sensiblen Thema des Antisemitismus eine erhebliche Stigmatisierung des Betroffenen mit sich bringen", entschied das Gericht.