"Grausamkeit gegen Tiere", wusste schon Alexander von Humboldt, "ist eines der kennzeichnendsten Laster eines niederen und unedlen Volkes". Geht man danach scheint es um unsere Hochkultur momentan nicht gut zu stehen. Allein auf dem Münchner Oktoberfest werden – purer Fleischeswahn! – hunderttausende Hühner, Enten und Fische verzehrt, zehntausende Schweine, tausende Kälber und über hundert Ochsen.

Perfider aber ist die um sich greifende seelische Grausamkeit gegen Tiere. Vorher kerngesunde Hunde und Katzen werden selbst sommers in Lodenmäntelchen, Kleidchen und Dirndl gesteckt und geraten so zum Gespött anderer Tiere. Wiederum in München, vermutlich inspiriert von den Ausschweifungen des Oktoberfestes, machte ein Mann einen Nachbarspudel lächerlich, indem er ihn kahl schor. Der arme Hund, der wiederholt im Garten des Mannes seine Notdurft verrichtet hatte, erlitt durch die Rasur ein schweres Trauma. Aktenkundig wurde, dass er sich so schämte, dass er nur noch mit eingekniffenem Schwanz herum lief. Ein Gericht brummte dem heimtückischen Scherer des Tiers eine Geldstrafe von 4800 Euro auf. Vermutlich wird er beim nächsten Mal lieber das Herrchen rasieren.

Offenbar noch nicht belangt wurde dagegen ein vor allem in den USA, Südamerika und Australien grassierender Trend: Das Tiersurfen. Nein, nicht das Bauchreiten auf den Wellen, das Delfine oder Killerwale ganz freiwillig und voller Spaß betreiben. Es geht darum, dass Surf-Begeisterte der Überzeugung sind, ihre Haustiere müssten es auf einem Surfbrett mindestens so toll finden wie sie. Oder dass sie glauben ein hübsches Werbegeld bei YouTube eintreiben zu können, wenn man ein Tier auf einem Surfbrett filmt und das Filmchen dann mit hipper Musik unterlegt.

Mark Spörrle ist ZEIT-Redakteur und schreibt satirische Geschichten über den <a href="http://www.zeit.de/themen/serie/index?q=irrwitz-der-woche" target="_blank">irrwitzigen Alltag und irrwitzige Nachrichten</a>; <a href="http://www.zeit.de/themen/serie/index?q=irrwitz-der-woche">lesen Sie hier weitere Folgen seiner Kolumne</a>. © Mark Spörrle

So setzt man in Australien sehr verhalten reagierende Koalas und Kängurus auf Surfbretter, in Queensland sogar große Mäuse. In den USA und Südamerika müssen meist Hunde und Katzen dran glauben. Auch eine bei einem Menschen mitsurfende Ente wurde schon gefilmt. Spekulationen, ihre Füße seien mit Sekundenkleber auf dem Board fixiert, lösten sich in Luft auf, als die Ente in der Langfassung des Clips davon flatterte. Doch echten Surfspaß nimmt man nur wenigen Tieren ab.

Etwa dem Jack Russel Terrier Buddy, der am Ventura Beach in Kalifornien schon gierig auf das Surfbrett springt, wenn sein Herrchen Bruce es gerade erst zum Wasser trägt. (Nein liebe Tierschützer, es scheint sich wirklich nicht um Panik zu handeln.)
Oder jener Hund namens Huckleberry, erkennbar ein Ausnahmetalent, der nicht nur sein Gewicht beim Ausreiten der Welle nach hinten verlagert, sondern dabei noch dauerhaft mit dem Schwanz wedelt – Hundeeigner wissen: wahrlich kein Anzeichen von Peinlichkeit oder Seelenqual.

Ganz anders bei den offenbar meist unfreiwilligen Teilnehmern des gerade gelaufenen "Surf City Surf Dog" Festivals im kalifornischen Huntington Beach. So viele absolut verlegene Hundeschnauzen, von vier Mann aufs Brett gehoben, so viele mit hämischem Lachen den Wellen übergebene, bei erster Gelegenheit die Bretter fliehende Hunde hat man noch nie auf einem Haufen gesehen. So gut wie kein Hundeschwanz wedelte, fast alle waren besorgt zwischen die Hinterbeine geklemmt. Wahnwitzige Rechtfertigung dieser tierischen Massendemütigung: Alle Einnahmen gingen – an den örtlichen Tierschutzbund! Wenn sich damit dieser Münchner Richter befassen würde.