Ausgerechnet Konrad Löw. Das Bundesverfassungsgericht hat die Bundeszentrale für politische Bildung zu mehr "Ausgewogenheit und rechtsstaatlicher Distanz" ermahnt , weil sie sich für einen Beitrag Löws bei den Lesern entschuldigt hatte und so dessen Ruf geschadet habe. Dabei ist der emeritierte Professor keineswegs erst durch das Schreiben der Bundeszentrale in den Ruch geraten, sich aus der seriösen wissenschaftlichen Auseinandersetzung verabschiedet zu haben.

Die Bundeszentrale für politische Bildung druckte 2004 in ihrer Schriftenreihe Deutschland Archiv Löws Aufsatz Deutsche Identität in Verfassung und Geschichte . Darin zählte der Professor Beispiele auf, in denen Deutsche Juden halfen, und leitet daraus die fragwürdige These ab, die Mehrheit der Deutschen sei zur Zeit des NS-Regimes nicht antisemitisch eingestellt gewesen. Es habe sogar, so wörtlich, eine "deutsch-jüdische Symbiose unter dem Hakenkreuz" gegeben. Die Welt , linksradikaler Ansichten unverdächtig, bezeichnete den Aufsatz als " ziemlich kruden Unsinn ", als "intellektuelle Selbstentleibung eines einst angesehenen Marxismus-Kritikers", als "Ansammlung antijüdischer Klischees".

Als die Bundeszentrale bemerkte, welch handwerklich bescheidener und in der These hart an der Verharmlosung des Holocaust vorbeisegelnder Aufsatz ihr da durchgerutscht war, war ihr das sehr peinlich. Die Leitung schrieb an mehrere Tausend Abonnenten, kündigte das Einstampfen der Restauflage an und entschuldigte sich bei allen, die sich "durch den Beitrag verunglimpft fühlen".

Damit, so die Verfassungsrichter heute, werde der Wissenschaftler als Autor hingestellt, mit dem eine Auseinandersetzung nicht mehr möglich sei und der nur noch "makuliert" werden könne. Zwar dürfe die Bundeszentrale sich "von ihr zuzurechnenden Beiträgen, die von dem Anspruch einer ausgewogenen Informationstätigkeit auffällig abweichen, weil sie etwa extreme oder extremistische Meinungen vertreten, distanzieren". Aber in dieser Form sei die Entschuldigung bei den Lesern vor dem Hintergrund des sensiblen Themas Antisemitismus eine unverhältnismäßige Stigmatisierung des Verfassers.

Löw hatte angegeben, er sei nach dem Eklat von 2004 von Vorträgen ausgeladen worden, und hatte wegen Rufschädigung geklagt. Weil er zunächst keinen Erfolg hatte, legte er Verfassungsbeschwerde ein, die jetzt von Karlsruhe als "offensichtlich begründet" beurteilt wurde. Das Verwaltungsgericht Köln muss nun neu entscheiden.

Dass Löw erst die Kontroverse mit der Bundeszentrale geschadet hat, kann man sich kaum vorstellen. Wer den Professor einlädt, müsste wissen, für welche Positionen er steht. Nicht, weil Löw Mitglied im Kuratorium des erzkatholischen Vereins Forum Deutscher Katholiken sowie der christlichen, stramm antikommunistischen Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte ist. Sondern wegen seiner Publikationen.

Löw, Jahrgang 1931, gehört zu den Rechtskonservativen, die in revanchistischen Zirkeln der 1960er und 1970er Jahre geprägt wurden und sich seither in ihrem Geschichtsbild festgebissen haben. Der Jurist und Politologe arbeitete zunächst im bayerischen Verwaltungsdienst, später im Bundeskanzleramt. Von 1972 bis 1975 war er Professor für Politikwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg, ab 1975 an der Universität Bayreuth. 1999 wurde er emeritiert.