Am 14. Juni 2000 stirbt Alberto Adriano im Alter von 39 Jahren nach drei Tagen im Koma an den Kopfverletzungen, die ihm drei rechtsextremistische Skinheads im Stadtpark von Dessau zugefügt hatten.

Zwölf Jahre zuvor war er als Vertragsarbeiter aus Mosambik nach Dessau in die untergehende DDR gekommen, als Fleischermeister. Den Job behielt er auch nach der Wende. 1990 lernte er seine spätere Ehefrau Angelika kennen. 1992 wurde Belarmino geboren, später zwei jüngere Geschwister. Fotos aus jener Zeit zeigen Alberto Adriano als einen lächelnden, eher kleinen Mann mit rundem Gesicht, kurzen, schwarzen Haaren und Bart.

Er ist ein Kind, nur acht Jahre alt, als er vor die vielleicht schwierigste Frage gestellt wird, die es überhaupt gibt. "Meine Mutter kam aus dem Krankenhaus nach Hause und fragte mich, ob die Maschinen, die meinen Vater am Leben hielten, abgestellt werden sollten", sagt Belarmino Adriano. "Ich habe ,ja’ gesagt."

"Konsequent, immer nett, fürsorglich"– das sind die Adjektive, die dem ältesten Sohn zu seinem Vater einfallen. Mit seiner zierlichen Statur und dem Lächeln sieht der heute 18-Jährige seinem Vater auf den ersten Blick ähnlich. Doch die Ähnlichkeit hat Grenzen. Die blassen Knasttätowierungen auf den Armen und der funktional-nüchterne Besucherraum im Maßregelvollzug, in dem der Teenager nach Worten für seinen Lebensweg sucht, zeugen davon.

"Ich wollte einfach weiter meine Kindheit leben", erinnert sich Belarmino Adriano an die Zeit nach dem Mord. Doch das war nicht mehr möglich. "Jeder kannte mich in Dessau."Bis er 13 Jahre alt war, sei er "immer nur der Sohn von dem Adriano aus dem Stadtpark gewesen". Er erzählt auch von dem Morgen nach dem Angriff. Davon, wie seine Mutter weinend am Küchentisch saß, umgeben von Freunden. Es sei ihnen schnell klar geworden, dass der Vater nicht überleben werde. "Ich wollte mich noch verabschieden", sagt der Sohn, "aber meine Mutter hat mich nicht mehr ins Krankenhaus gelassen."

Die Autoren zum Projekt "Todesopfer rechter Gewalt"

Als Alberto Adriano stirbt, sind seine Mörder längst gefasst. Ohne erkennbare Gefühlsregungen haben sie Geständnisse abgelegt – und mit jedem Wort deutlich gemacht, dass in ihrer Weltsicht jene, die ihnen als "anders"gelten, etwa Schwarze, Juden, Behinderte, kein Lebensrecht haben. Der Mord an Alberto Adriano löst eine Welle der öffentlichen und medialen Empörung aus. 5000 Menschen demonstrieren in der drittgrößten Stadt Sachsen-Anhalts. Ein paar Wochen nach der Gewaltorgie besucht der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder einen am Tatort aufgestellten Gedenkstein. Und für Angelika Adriano und ihre Kinder beginnen Monate einer aus Neugier, Mitleid, Fürsorge und politischem Kalkül befeuerten Belagerung: Journalisten, Kommunal- und Landespolitiker, Repräsentanten von Migrantenorganisationen – "ständig sollte ich erzählen, wie ich mich fühle", sagt Belarmino. Und: "Alle wollten, dass ich meinen Vater würdig vertrete."

Doch die Erwartungen an Familienangehörige von Opfern schwerster Verbrechen, noch dazu rassistischer Gewalt, sich als "Aushängeschild"für Toleranz zu engagieren, sind groß. Sie überfordern den Jungen. Während das vom Trauerflor umrahmte Bild seines Vaters um die Jahrtausendwende zu dem Symbol neonazistischer Gewalt schlechthin wird, fühlt sich der Sohn von den damit einhergehenden Erwartungen erdrückt. Seine trotzige Reaktion auf die Erwartungen durch die Familie, deren Freundeskreis und Wohlmeinende war Ablehnung: "Ich wollte nicht zu multikulturellen Veranstaltungen gehen, mir politische Reden anhören."Und: "Ich wollte mir einen anderen Namen machen als mein Vater."

Während der Achtjährige sich immer mehr abkapselt, kämpft Angelika Adriano im Gerichtssaal mit den grauenhaften Details der Mordnacht – und um die Würde ihres Mannes. Anders als viele andere Angehörige der Opfer rechtsextremistischer Gewalt findet die 43-Jährige in den Richtern und der Bundesanwaltschaft Mitstreiter. Die oberste Anklagebehörde sah in dem Mord an Alberto Adriano "eine Gefährdung der inneren Sicherheit"Deutschlands.