Es wird kein einfacher Besuch, der Papst Benedikt XVI. ab Donnerstag nach Großbritannien führt: Die Reaktionen seiner Gastgeber dürften von höflich über gleichgültig bis offen ablehnend reichen. Vor allem die Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs durch katholische Geistliche in mehreren europäischen Ländern belasten die Reise.

Zudem befinden sich die Beziehungen der katholischen und der anglikanischen Kirche auf einem Tiefpunkt. Im vergangenen Jahr hatte es erhebliche Irritationen zwischen den beiden Kirchen gegeben. Der Vatikan bot konservativen Anglikanern, denen die zunehmend liberale Haltung ihrer Kirche zur Priesterweihe von Frauen und zur Homosexualität aufstieß, den Übertritt zur katholischen Kirche an. Schließlich sind viele Briten nicht glücklich darüber, dass die Steuerzahler die Hälfte der Besuchskosten tragen sollen.

Jahrhundertelang hatte kein Papst einen Fuß auf die britische Insel gesetzt, nachdem König Heinrich VIII. 1534 die anglikanische Church of England gründete. Auslöser war die Weigerung des Vatikans, die Ehe Heinrichs mit Katharina von Aragon zu annullieren. In der Folge durften Katholiken in Großbritannien bis 1829 nicht wählen, und Mitglieder des Königshauses, die einen Katholiken heiraten, müssen bis heute auf den Thron verzichten.

Mit einer Reihe symbolischer Gesten will der Papst von Donnerstag bis Sonntag der anglikanischen Kirche entgegenkommen. Am Freitag nimmt er an einem Gottesdienst in der Westminster Abbey teil, wo traditionell die britischen Monarchen gekrönt werden. Geleitet werden soll die Messe vom Oberhaupt der anglikanischen Kirche, dem Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams. Auch ein Treffen mit dem als liberal geltenden Erzbischof in dessen offizieller Londoner Residenz, dem Lambeth Palace, ist vorgesehen.

Der Papst-Besuch sei eine "Chance, die Beziehungen zwischen den Christen zu fördern und uns auf dem Weg Richtung Versöhnung und der Einigkeit beider Kirchen voranzubringen", sagte der Dekan von Westminster Abbey. Tatsächlich dürften die historischen Streitereien zwischen Katholiken und Anglikanern nur eine untergeordnete Rolle spielen – wie vor 28 Jahren als Johannes Paul II. als erster Papst das Land besuchte.

Doch obwohl der deutsche Papst die konservativen Moralvorstellungen seines polnischen Vorgängers teilt, dürfte ihm ein ähnlich freudiger Empfang versagt bleiben. 1982 wurde Johannes Paul II. als anti-kommunistischer Held gefeiert, dessen Land im Krieg wie Großbritannien unter den Deutschen gelitten hatte. Zudem hatte der Papst gerade ein Attentat überlebt, was ihm zusätzlich Sympathien einbrachte.

Benedikt dagegen kann nicht mit einem solchen Popularitätsbonus rechnen. Vor allem die Missbrauchsskandale haben die Kirche in Misskredit gebracht. Eine Gruppe prominenter Akademiker und Atheisten hat sogar gefordert, Benedikt deswegen zu verhaften und vor Gericht zu stellen. Zudem haben Schwulenrechtsgruppen und Unterstützer der Ordinierung von Frauen Proteste angekündigt. Umfragen zufolge lehnt es auch eine Mehrheit der Briten ab, die Hälfte der Kosten für den viertägigen Besuch zu übernehmen, zu dem Benedikt von Königin Elizabeth II. eingeladen wurde. Die Kosten könnten insgesamt mehr als 20 Millionen Pfund betragen. Nur rund 5,3 Millionen Briten sind katholisch, sie machen etwa neun Prozent der Bevölkerung aus.

Auch mit Protesten ist zu rechnen. Ein Bündnis unterschiedlichster Gruppen kündigte an, am Samstag in London auf die Straße zu gehen und dabei gegen Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche oder die Haltung des Vatikans zu Abtreibungen und zur Priesterweihe von Frauen zu demonstrieren. "Papst Benedikt ist überhaupt nicht im Gleichschritt mit den modernen, liberalen britischen Werten", sagt Terry Tatchell, einer der Organisatoren, die für ihren Protestmarsch mit etwa 2000 Teilnehmern rechnen. "Die Leute lehnen seine reaktionäre Haltung zu weiblichen Priestern, zur Gleichberechtigung von Homosexuellen und dem Benutzen von Kondomen gegen die Verbreitung von HIV ab."

Der Erzbischof von Westminster, Vincet Nichols, geht trotz des Konfliktpotenzials nicht davon aus, dass sich der Papst allzu unwohl fühlen wird. "Er ist ein Mann, der die Welt intelligent sieht, und er weiß ob des Auf und Abs von Meinungen." Hauptereignis des Besuchs soll die Seligsprechung des ehemaligen Kardinals von Birmingham, John Henry Newman, sein. Newman lebte von 1801 bis 1890 und war einer der bekanntesten Anglikaner, der zum Katholizismus konvertierte. Außer Birmingham wird der Papst auch Edinburgh und Glasgow sowie London besuchen.