Vereint in der Entfremdung

Kürzlich hatte jemand wieder eine Idee, wie man eine Annäherung zwischen Ost und West erreichen könnte. Man müsse einfach die historischen Fakten darstellen – das sei das beste Mittel gegen die DDR-Nostalgie. Immer wenn die Forschung die Hintergründe der Einigung zutage fördere, verstumme das "Gemurmel".

Angela Merkel hat das gesagt, und damit hat die Bundeskanzlerin mehr Substanzielles zu diesem Thema beigetragen als die allermeisten Politiker. Wer über die Deutsche Einheit und ihre Folgen debattieren möchte, der ist unter Politikern falsch. Dabei könnte, wer wollte, eine famose Integrationsdebatte lostreten. Denn die allermeisten Deutschen haben eine Haltung zu diesem Thema. Und die wenigsten sind zufrieden.

Viel offener als die Politik diskutiert die Wissenschaft über die vergangenen zwanzig deutschen Jahre. Quer durch die Institute teilt man die Sorge, dass es nicht gut steht um den Einigungsprozess. Die gegenseitigen Vorurteile wachsen – nach einer zwischenzeitlichen Annäherung zur Fußball-WM 2006 – wieder dramatisch an. Als Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat, kürzlich sein neues Buch ( Das neue Deutschland ) zum Stand der inneren Einheit vorstellte, wählte er drastische Worte: "Es wächst nicht zusammen, was zusammen gehört."

Man muss das gleich am Anfang sagen: Einheitsfrust ist nichts spezifisch Ostdeutsches. Seit Jahren schon macht sich auch in den alten Ländern "Westalgie" breit; eine Mehrheit der Westdeutschen sagt, sie habe ihre beste Zeit vor dem  Mauerfall erlebt. Die Zahl derer, die die Mauer wieder aufgebaut sehen wollen, verharrt seit Jahren bei zehn bis zwanzig Prozent.

Fotostrecke: Wo das Gras über den Schutzwall wächst © Martin Langer

Schroeder aber lenkt das Augenmerk besonders auf den Osten, denn dort verortet er gesellschaftliche Gefahren. Nur eine Minderheit der Ostdeutschen fühle sich als Bundesbürger und – hier wird es politisch – identifiziere sich mit dem bundesdeutschen gesellschaftlichen System. Die Wissenschaftsgemeinde teilt diese Sorge. "Demokratieentfremdung" heißt es hier, "Ostidentität mit problematischem Ballast" dort. Gemeint ist: Es verhärtet sich eine ostdeutsche Trotzhaltung, die mit der Verharmlosung der DDR und einer Distanz zu bundesdeutschen Demokratie und sozialer Marktwirtschaft einhergeht. Das ist messbar.

Und wohl den wenigsten Deutschen neu. Dem Stereotyp des für die Demokratie verlorenen Ossis huldigte öffentlich etwa Edmund Stoiber 2005, als er sagte, er werde nicht akzeptieren, dass frustrierte Ostdeutsche entschieden, wer in Deutschland Kanzler werde.

Hoffnung aber wurde dennoch verbreitet: Auf die jüngere Generation müsse man bauen, hieß es in den Medien zu allen Jubeltagen; Jene, die die DDR aus eigener Anschauung nicht mehr erlebt hätten, würden helfen, den neuen Ost-West-Konflikt einfach auswachsen zu lassen. Stolz präsentierte die Welt am Sonntag erst im vergangenen Jahr eine gfk-Studie, der zufolge sich 67 Prozent der jungen Ostdeutschen lieber deutsch als ostdeutsch nennt (offen blieb freilich, ob nun bundes- oder ethnisch deutsch). Andere Studien ergaben, dass das Ereignis der Wiedervereinigung von den meisten Jungen als positiv empfunden wird.

Doch viele andere Zahlen sprechen dagegen, dass sich die jugendlichen Ostdeutschen besonders verbunden fühlen mit der bundesdeutschen Demokratie. Denn das Gefühl der Benachteiligung wächst, je jünger der befragte Ostdeutsche ist. Viel mehr Junge als Alte glauben, dass die Unterschiede zwischen West und Ost groß sind – und auch in 50 Jahren noch gravierend sein werden. 55 Prozent der Thüringer gaben einer Studie zufolge an, der Osten werde benachteiligt. Unter den 18- bis 24-Jährigen aber waren es 75 Prozent. Nur ein Drittel der Ost-Jugendlichen zwischen 14 und 25 sind zufrieden mit der Art, wie die Demokratie funktioniert – gegenüber der Hälfte im Westen. "Die junge Generation sieht noch mehr Unterschiede als die Älteren", fasst Schroeder zusammen.

Die DDR hingegen steht bei vielen jungen Ostdeutschen in einem guten Licht da. Mehr als zwei Drittel aller Brandenburger Schüler stimmten in einer Studie Schroeders aus dem Jahr 2007 der Aussage nicht zu, dass die BRD besser war als die DDR. " Viele junge Ostdeutsche besitzen, neben anderen, auch eine diffuse Ostidentität ", erklärt der Göttinger Historiker und Demokratieforscher Michael Lührmann. In ihr bündelten sich bisweilen die Erfahrungen von Benachteiligungen im vereinten Deutschland – eine Ursache für ein im Abstand positiveres DDR-Bild und die Skepsis gegenüber den gesellschaftlichen Spielregeln der Bundesrepublik.

Wie geht das, fragt man sich – wachsende DDR-Nostalgie, ohne sie selbst erlebt zu haben? Da lacht der Soziologe: Warum gibt es noch Vertriebenenverbände? Die tradierten Erzählungen der Eltern, Lehrer und Bekannten seien eben in ihrer Wirkkraft kaum zu unterschätzen. Wenn dann noch negative Erfahrungen mit dem Neuen hinzukommen, liegt die gedankliche Flucht nahe.

 

An dieser Stelle enden die Gemeinsamkeiten der Forscher. Denn die Fragen, welcher Faktor stärker wirkt – Tradierung durch die Eltern oder aktuelle, negative Erfahrungen –  und wie sich die BRD-Müdigkeit ändern lässt, diese Fragen sind auch in der Wissenschaft politisch umkämpft.

Der Berliner Politologe Gert Pickel etwa glaubt, dass die jungen Ostdeutschen eine Opfer-Identität bewahren werden, solange sie sich ausgeschlossen fühlen. Er kombinierte Umfrageergebnisse miteinander und kam zu dem Ergebnis, dass es nicht die Sozialisation in den Ruinen der DDR, sondern vor allem die wahrgenommene eigene ökonomische Exklusion ist, die die Ablehnung der bundesrepublikanischen Institutionen aufrecht erhält. Mit anderen Worten: Eine automatische, generationelle Angleichung der politischen Kulturen durch "Auswachsen" werde es nicht geben. Die Ostdeutschen – egal, welchen Alters – werden nach dieser These so lange dissident bleiben, wie sie empfinden, weniger Chancen als Westdeutsche zu haben.

Damit rückt in den Fokus, was das SZ-Magazin kürzlich als "deutsches Diskriminierungsproblem" bezeichnete . Kein Verfassungsrichter, kein Dax-Konzernchef und nur ein einziges Kabinettsmitglied ist aus dem Osten. Einer der 200 Bundeswehrgeneräle ist aus den neuen Ländern, dagegen jedoch die Hälfte der kämpfenden Soldaten. Nur knapp ein Drittel der ostdeutschen Unternehmen werden von Ostdeutschen geführt. Hinzu kommt das unterschiedliche Niveau der Löhne und Renten, das die im Osten immer noch geringeren Lebenshaltungskosten mehr als nivelliert.

Andere Wissenschaftler stimmen Pickel zu, etwa der Psychologe Elmar Brähler. Er sieht eine soziale Spaltung im ganzen Land, die aber in Ostdeutschland zur Skepsis gegenüber den bundesdeutschen Institutionen führe. Im Westen seien ähnliche Phänomene ja auch zu sehen. Demokratieentfremdung wegen ökonomischer Exklusion? Eine brisante, weil hochpolitische Schlussfolgerung.

Klaus Schroeder hält das alles für Quatsch. Warum, fragt er, sei die ablehnende Ostidentität überall in den neuen Ländern gleich stark, also auch in den Boomregionen Dresden, Leipzig, Jena? Das Problem sei die Tradierung heroisierender DDR-Erzählungen durch die Eltern, die auf historisches Unwissen und Mitleid der Nachfolgenden treffe. Aus der positiven Verklärung der DDR folge die Ablehnung der BRD, ergo ihrer demokratischen Errungenschaften.

Diese Entfremdung werde sich im Lauf einer weiteren Generation auswachsen, wenn nur endlich ein Gespräch über die Einheit beginne, "ohne Tabus". Es müsse Schluss sein mit den Sonntagsreden der Politiker, ein "reinigendes Gewitter" zwischen Ost und West müsse her. "Begegnen, Reden, Klarstellen" nennt Schroeder das. Er zitiert eine Allensbach-Studie, nach der die meisten Deutschen mit Vorurteilen angaben, diese hätten sich im direkten Gespräch mit Ost- respektive Westdeutschen nicht bestätigt. Ein Hoffnungsschimmer, ein Hinweis, sagt Schroeder, der sich selbst als "Zweckoptimist" bezeichnet.

Geld oder Reden, ist das also die Frage? Ökonomische Teilhabe (vielleicht eine Quote?) oder eine Diskussion über gegenseitige Vorurteile? Zumindest eines von beidem könnte die Politik ja ohne weiteres leisten. Doch nach wie vor sprechen Politiker nicht schlecht über die Deutsche Einheit, sieht man einmal von einem Lapsus wie dem von Stoiber ab. Was, mag sich mancher denken, wenn eine offene Debatte, wie Schroeder sie fordert, plötzlich entgleitet? Wenn sich Populisten ins Getümmel stürzen; wenn sich irgendwann nicht mehr 20, sondern 50 Prozent für den Wiederaufbau der Mauer aussprechen? Auch das gehört schließlich zur Einheitsrealität: In Berlin, der wichtigsten ost-west-deutschen Begegnungsstätte, hält seit Jahren rund ein Drittel der männlichen West-Jugendlichen unbeirrt an der Aussage fest, absolut nichts mit Ostdeutschen zu tun haben zu wollen. Man hofft angesichts solcher Zahlen, dass ein fairer Streit möglich bleibt.