An dieser Stelle enden die Gemeinsamkeiten der Forscher. Denn die Fragen, welcher Faktor stärker wirkt – Tradierung durch die Eltern oder aktuelle, negative Erfahrungen –  und wie sich die BRD-Müdigkeit ändern lässt, diese Fragen sind auch in der Wissenschaft politisch umkämpft.

Der Berliner Politologe Gert Pickel etwa glaubt, dass die jungen Ostdeutschen eine Opfer-Identität bewahren werden, solange sie sich ausgeschlossen fühlen. Er kombinierte Umfrageergebnisse miteinander und kam zu dem Ergebnis, dass es nicht die Sozialisation in den Ruinen der DDR, sondern vor allem die wahrgenommene eigene ökonomische Exklusion ist, die die Ablehnung der bundesrepublikanischen Institutionen aufrecht erhält. Mit anderen Worten: Eine automatische, generationelle Angleichung der politischen Kulturen durch "Auswachsen" werde es nicht geben. Die Ostdeutschen – egal, welchen Alters – werden nach dieser These so lange dissident bleiben, wie sie empfinden, weniger Chancen als Westdeutsche zu haben.

Damit rückt in den Fokus, was das SZ-Magazin kürzlich als "deutsches Diskriminierungsproblem" bezeichnete . Kein Verfassungsrichter, kein Dax-Konzernchef und nur ein einziges Kabinettsmitglied ist aus dem Osten. Einer der 200 Bundeswehrgeneräle ist aus den neuen Ländern, dagegen jedoch die Hälfte der kämpfenden Soldaten. Nur knapp ein Drittel der ostdeutschen Unternehmen werden von Ostdeutschen geführt. Hinzu kommt das unterschiedliche Niveau der Löhne und Renten, das die im Osten immer noch geringeren Lebenshaltungskosten mehr als nivelliert.

Andere Wissenschaftler stimmen Pickel zu, etwa der Psychologe Elmar Brähler. Er sieht eine soziale Spaltung im ganzen Land, die aber in Ostdeutschland zur Skepsis gegenüber den bundesdeutschen Institutionen führe. Im Westen seien ähnliche Phänomene ja auch zu sehen. Demokratieentfremdung wegen ökonomischer Exklusion? Eine brisante, weil hochpolitische Schlussfolgerung.

Klaus Schroeder hält das alles für Quatsch. Warum, fragt er, sei die ablehnende Ostidentität überall in den neuen Ländern gleich stark, also auch in den Boomregionen Dresden, Leipzig, Jena? Das Problem sei die Tradierung heroisierender DDR-Erzählungen durch die Eltern, die auf historisches Unwissen und Mitleid der Nachfolgenden treffe. Aus der positiven Verklärung der DDR folge die Ablehnung der BRD, ergo ihrer demokratischen Errungenschaften.

Diese Entfremdung werde sich im Lauf einer weiteren Generation auswachsen, wenn nur endlich ein Gespräch über die Einheit beginne, "ohne Tabus". Es müsse Schluss sein mit den Sonntagsreden der Politiker, ein "reinigendes Gewitter" zwischen Ost und West müsse her. "Begegnen, Reden, Klarstellen" nennt Schroeder das. Er zitiert eine Allensbach-Studie, nach der die meisten Deutschen mit Vorurteilen angaben, diese hätten sich im direkten Gespräch mit Ost- respektive Westdeutschen nicht bestätigt. Ein Hoffnungsschimmer, ein Hinweis, sagt Schroeder, der sich selbst als "Zweckoptimist" bezeichnet.

Geld oder Reden, ist das also die Frage? Ökonomische Teilhabe (vielleicht eine Quote?) oder eine Diskussion über gegenseitige Vorurteile? Zumindest eines von beidem könnte die Politik ja ohne weiteres leisten. Doch nach wie vor sprechen Politiker nicht schlecht über die Deutsche Einheit, sieht man einmal von einem Lapsus wie dem von Stoiber ab. Was, mag sich mancher denken, wenn eine offene Debatte, wie Schroeder sie fordert, plötzlich entgleitet? Wenn sich Populisten ins Getümmel stürzen; wenn sich irgendwann nicht mehr 20, sondern 50 Prozent für den Wiederaufbau der Mauer aussprechen? Auch das gehört schließlich zur Einheitsrealität: In Berlin, der wichtigsten ost-west-deutschen Begegnungsstätte, hält seit Jahren rund ein Drittel der männlichen West-Jugendlichen unbeirrt an der Aussage fest, absolut nichts mit Ostdeutschen zu tun haben zu wollen. Man hofft angesichts solcher Zahlen, dass ein fairer Streit möglich bleibt.