Die Szene kurz vor Mitternacht macht Angst: Die Familie von Florencio Ávalos versucht sich einen Weg in die abgesperrte Zone zu bahnen, die für das Wiedersehen mit den Verwandten gedacht ist. Doch längst haben die Medienvertreter Distanz und Respekt abgelegt, sie hetzen die Familie durch das Lager. Das ist die hässliche Seite des Wunders von Copiapo.

Vater Ávalos versucht sich aus dem Knäuel von Mikrofonen, Kameras und Objektiven zu befreien, das ihm die Luft zum Atmen nimmt: "Das ist ein Wunder Gottes", schreit der Mann den Journalisten entgegen. Es ist nur ein Vorgeschmack auf das, was die "33 Mineros" aus der Mine San José in den nächsten Tagen erwartet. Alle Geretteten sind in Chile längst Superstars, in ihr normales Leben werden die Kumpel nicht zurückkehren können, auch wenn der als Zweiter gerettete Kumpel fleht: "Bitte behandelt mich nicht wie einen Künstler. Ich bin einfach nur Mario Sepulveda, der Bergarbeiter." Es wird ein frommer Wunsch bleiben.

Vor allem die Werbung hat ein Auge auf die weltweit beachtete Gruppe geworfen. Auf Edison Pena soll ein Sportausrüstervertrag warten, der Bergmann ist jeden Tag zehn Kilometer unter Tage gelaufen. Oder Schichtleiter Luis Urzua: Wer es schafft, eine Gruppe unter solchen Bedingungen zusammenzuschweißen, ist ein gefragter Kandidat für Motivationstrainings großer Konzerne. Auch der Bolivianer Carlos Mamani, der einzige Ausländer unter den 33, ist in seinem Heimatland schon ein Superstar. Die Familie war zu Gast im Palast von Staatspräsident Evo Morales. Kein Tag verging in dem bettelarmen Land, ohne dass die nationalen Medien ausführlich über das Schicksal Mamanis berichteten.

 Der Ort der Rettung im Live-Stream

Doch wirklich interessant ist die Gruppe vor allem als Einheit. "Los 33" ist zu einem geflügelten Wort in Chile geworden. In der Hauptstadt Santiago haben findige Geschäftsleute bereits T-Shirts mit diesem Ausdruck anfertigen lassen. Geschützt hat diesen Ausdruck bislang noch niemand.

Eine Plattenfirma aus Mexiko soll aber angefragt haben, ob die Männer nicht einen Song unter dem Namen "Los 33" aufnehmen wollen. Der Fußball-Club Real Madrid will die Helden in seinem Stadion präsentieren. Es wird nicht die einzige Ehrung sein, die auf die Männer wartet.

Doch nicht nur das Leben der 33 Kumpel und ihrer Familien hat sich verändert, auch das politische Klima im Land, ja sogar in der Region ist anders geworden. Deutlich wird das an einem bestimmten Bild des Tages: Boliviens Staatspräsident Evo Morales dankt seinem chilenischen Amtskollegen Sebastian Piñera für die geleistete Arbeit: "Danke, im Namen des bolivianischen Volkes", sagt der sichtlich bewegte Morales, als er seinen Landsmann Mamani in der Freiheit begrüßt. "Ich weiß nicht, wie wir das je zurückzahlen können." Es ist die Zeit für große Gesten. Der Sozialist Morales dankt dem Milliardär Piñera. Für den sonst in Lateinamerika üblichen Klassenkampf zwischen links und rechtsregierten Ländern ist an diesem Tag keine Zeit.

Das "Drama von San José" hat in Chile bereits Spuren hinterlassen. Die Menschen im Land rücken enger zusammen, zumindest für ein paar Tage werden die Gräben in dem zerrissenen Land überwunden. In Copiapo stürmten die Menschen auf die Straßen, als die ersten Bergleute gerettet waren. Auf dem Marktplatz standen sie zusammen: Reiche, Arme, Weiße, Indios, alle zitterten sie gemeinsam, als das Wunder von Copiapo seinen Lauf nahm.