Im Kia neben mir trommelten Finger auf dem Lenkrad. Ihr Blick war kalt und ausdruckslos wie eine Rasierklinge, die zu lange in der Sonne gelegen hat. Stau, mal wieder, im Tunnel zwischen Cannstadt und Neckartor, der meistfeinstaubbelasteten Zone des Globus. Von hinten Tatütata. Der Kia quetschte sich vor mich, um die Mittelspur für die motorisierte Kavallerie freizumachen. Dann preschten sie heran, erst Krads, eine Liegestützlimousine, dann ein Dutzend Wannen. Es war der Auftakt zum Tag X, 1. Oktober 2010, der Tag, an dem sie begannen, den Park platt zu machen. Er machte die Stuttgarter Innenstadt für die nächsten zwanzig Jahre zur unpassierbarsten Dauergroßbaustelle der EU.

Die Tochter neben mir sagte warmherzig wie ein polnischer Blumenkohl: "Versperr' ihnen den Weg, Pitti. Den Bullenterror kannst Du verhindern." Ich zog rechts rüber, das erste Krad schlingerte vorbei, das zweite musste anhalten. Dahinter die Nahkämpfer aus allen Bundesländern. Die Tochter jubelte. Terminatoren schleppten mich zu der Limousine. Das aasige Grinsen des Innenministers im Fond, dem die Heuschrecken im Nacken saßen. Wir kennen uns vom Sehen. "Lasst ihn laufen!" herrschelte er. "Nachher schreibt er noch, ich hätte die Kunstfreiheit in Frage gestellt." Dann düste er los, wir hinterher durch den Mittelweg, den er uns freischaufelte.

Die Demo, zu der wir rasten, ist inzwischen gut abgeschmockt, sodass ich mich auf das Wesentliche beschränken kann. Ich mag Demos, je größer, desto besser. Demos sind Rollenspiele. Die einen spielen Volk, das dem herrschenden Teil der Politikerklasse einen Vogel zeigt. Das Kapital lässt sich vertreten von Streitkräften, die wie Kampfroboter aussehen. Das macht die Befürworter von "Stuttgart 21" so lächerlich. Sie sind überflüssig. Entschieden wird nicht mit Worten, sondern mit Pfefferspray, Schlagstock und Wasserwerfer. Es regnet Kastanien auf die Roboter. Jetzt hält nicht mal mehr die Natur stille. Nebbich: Die Bühne ist ein Park, der bald eine Baustelle sein wird. Im Hintergrund geben der Bahnchef und der Aasige ein Ständchen: "Die Demonstranten haben angefangen."

Ein schriller kreischender Lärmpegel von 130 Dezibel (Düsentriebwerk, Gehörschäden), breitet sich im Talkessel aus und bricht sich an den Panzerglasfassaden der Halbhöhenlagen. Die Bäume wandern sofort in den Schredder. Bahnchef Grube will keinen Devotionalienhandel: Platanen zu Frühstücksbrettchen.

Es ist nicht wahr, dass die Stuttgarter genug Zeit hatten, sich zu dem babylonischen Anlageprojekt "Stuttgart 21" zu äußern. Man wusste, da ist was in den Tischvorlagen. Aber wie es aussehen würde, was es für das Leben in der Stadt bedeuten, was es kosten, wer sich daran einen goldenen Nabel verdienen würde, wurde verschwiegen. Das wurde erst in den letzten Monaten ruchbar. Warum wird in Stuttgart seit einem Jahr so gut und gerne demonstriert?

In Hamburg und Berlin fragt man sich, ob die Proteste eine Frage der schwäbischen Mentalität seien. Die Mutmaßung ist provinzialiter. Die hiesige Population braucht keine Expertise von Thilo Sarrazin, um zu begreifen, dass Mappus die Steigerung von Oettinger ist. Nein, plausibler ist da schon der Hinweis, dass in Stuttgart die Oma mit dem Enkel zur Demo geht, während die mittlere Generation sich über die zehn Minuten freut, die die Bundesbahn auf der Strecke Wendlingen-Ulm ab 2023 weniger Verspätung haben wird, vorausgesetzt, dass die bundeseinheitliche Verspätungsrate nicht dem Gesetz folgt, dass alles desto langsamer wird, je schneller es geht.