Nie in seiner Geschichte war Deutschland so demokratisch, so rechtstaatlich und so sozial. Noch nie lebte Deutschland so im Frieden mit allen seinen Nachbarn wie seit dem 3. Oktober 1990. Die meisten Menschen, die in jener Nacht rund um den Reichstag in Berlin ausgelassen die Wiedervereinigung feierten, dachten vermutlich nicht daran, dass mit dem Ende der Teilung auch eine mehr als hundert Jahre währende Epoche zu Ende ging, in der Deutschland immer wieder Auslöser kriegerischer Entwicklungen gewesen oder zumindest als latenter Gefahrenherd empfunden worden war.

Für viele Gegner der Wiedervereinigung, vor allem in Frankreich und in Großbritannien, war dieses Wissen um die Vergangenheit aber sehr präsent und Grund zu der Furcht, ein vereintes Deutschland würde erneut zum Ausgangspunkt von Streit. Eine Politikerin wie Maggie Thatcher instrumentalisierte, noch mehr als der ebenfalls sehr einheitskritische François Mitterrand, diese Angst geradezu. Sie rief noch im März 1990 international renommierte Historiker wie Fritz Stern, Gordon Craig und Timothy Garton Ash auf ihren Landsitz Chequers, um sich von ihnen in ihren antideutschen Vorurteilen bestätigen zu lassen. Bei aller Nachdenklichkeit taten ihr die Wissenschaftler diesen Gefallen nicht, wie Ash später berichtete.

Die Deutschen selbst sahen sich in der Vergangenheit gerne als Volk der Dichter und Denker. Das waren sie – auch. Aber das Schöngeistige war eben nur die eine Seite der Deutschen. Tatsächlich schrieben sie sich, weil sie erst als Nation, dann als Kolonialmacht und schließlich als Demokratie im Vergleich zu ihren Nachbarn immer Spätentwickler waren, viel weniger tief mit kulturellen Leistungen in die europäischen Geschichtsbücher ein, als sie selber glaubten. Deutschland ist für Europa lange eher eine in ihren Absichten unkalkulierbare, in jedem Fall aber gefährlich große Macht gewesen.

All das wussten die Frauen und Männer, die am 3. Oktober 1990 die politische Klasse des vereinten Deutschland präsentierten, nur zu genau. Sie waren durch völlig andere Erfahrungen geprägt als die Entscheidungsträger des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Und sie waren entschlossen, jene Fehler nie wieder zu begehen, die in die Katastrophe des Ersten und in den moralischen Verfall des durch die Nationalsozialisten heraufbeschworenen Zweiten Weltkrieges geführt hatten. Nationalistische oder national-chauvinistische Tendenzen sollte es in der deutschen Politik nie wieder geben. Das war das Vermächtnis der Geschichte.

Die 2000 Gäste, die in der Berliner Philharmonie dem Staatsakt zur Vereinigung beiwohnten, hatten verinnerlicht, dass die Zukunft dieses Landes ein für allemal nur in Europa, als Teil der Europäischen Union, liegen konnte. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker formulierte das bereits mit dem dritten Satz seiner Ansprache: "Wir wollen in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt dienen … zum ersten Mal bilden wir Deutschen keinen Streitpunkt auf der europäischen Tagesordnung … zum ersten Mal in der Geschichte (findet) das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien … Wir sollten uns in der Stärkung der Gemeinschaft von niemand übertreffen lassen."

Das offizielle Deutschland war das eine, der Alltag der Menschen das andere. Angesichts des Glücksgefühls über die beendete Teilung, aber auch im Erkennen der gewaltigen Probleme, die sich auf dem Weg zur Realisierung der Einheit auftürmten, war es verständlich, dass der Gedanke an Europa in den Hintergrund trat. Das ging auch vielen so, denen wenige Jahre zuvor genau diese Hinwendung nach Europa Ersatz für die verloren gegangene nationale Identität geworden war. Es schien eine Einschätzung des Historikers Herfried Münkler zu bestätigen. Er vertritt die These, Europa sei niemals ein Gründungsmythos der Bundesrepublik gewesen, sondern allenfalls ein – temporärer – Orientierungsmythos. Münkler billigt seinen Landsleuten aber immerhin zu, dass die Westbindung wie die europäische Integration in der politischen Vernunft angesiedelt waren und dass erstere "die Staatsräson der Bundesrepublik" bildete.

Diese Vernunft bestimmte über Jahrzehnte hinweg das Handeln der deutschen Politik, wobei hier einmal "deutsche Politik" mit "bundesdeutscher Politik" gleichgesetzt ist. Zwar wäre die Demokratisierung der DDR auch ohne die Wiedervereinigung eine wohl fast zwangsläufige Folge der friedlichen Revolution in ganz Osteuropa geworden. Bürgergruppierungen wie "Demokratie jetzt" von Ulrike Poppe und Wolfgang Ullmann, das "Neue Forum" von Bärbel Bohley, Jens und Eva Reich sowie Katja Havemann, um nur wenige zu nennen, hatten der DDR da bereits die Richtung gewiesen. Und nachdem am 9. Oktober 1989 an der entscheidenden Leipziger Montagsdemonstration 70.000 Menschen teilgenommen hatten und am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz fast eine halbe Million DDR-Bürger zusammenkamen, gab es keinen Zweifel mehr, dass der Weg aus der SED-Diktatur heraus unumkehrbar geworden war.