Die Zeitungen sind voll davon, die Sender plündern die Archive für Dokumentationen und Beiträge – es ist der 20. Jahrestag der Deutschen Einheit. Die Politik hält Festreden, zum Auftakt der offiziellen Feier in Bremen spielte die Ostband Karat ("Über sieben Brücken…") im Westen. Den Abschluss bestreitet Silly, eine Ostband mit West-Karriere.

Abseits des Bürgerfestes in der Hansestadt aber ist dieser 3. Oktober vor allem eines: ein überaus gewöhnlicher Sonntag. Nicht mal einen zusätzlichen freien Arbeitstag beschert er einem dieses Jahr, ärgerlich.

So ist es nun mal mit Jahrestagen, die ein Ritus sind. Denn im Gegensatz zum Tag des Mauerfalls am 9. November ist der Tag der Deutschen Einheit ein Kunstprodukt. Fast jeder weiß zu schildern, wo er war und was er gerade tat, als in Berlin die Mauer fiel. Wer kann das schon vom 3. Oktober 1990 sagen?

Mehr oder weniger willkürlich festgelegt, markiert dieser Tag das Ende eines politischen Prozesses. Man vollzog den Beitrittsparagrafen des Grundgesetzes: die Kohl-Regierung, weil sie es immer so gewollt hatte – die DDR-Interimsführer, weil sie nicht mehr anders konnten. Klein kam zu Groß, Schwach beugte sich Mächtig.

Seither lebe ich in einem Land ohne Doppelmoral: Ich kann öffentlich vertreten, was ich zu Hause denke und rede. Mit transparenter Rechtsordnung, mit einer neutralen Justiz, mit Medien, die staatliches Handeln prüfen und kontrollieren. Keine Grenze hemmt meine Reiselust, kein Lehrer sagt meinem Kind, wer sein Feind sein muss und wer sein Freund.

Doch bin ich deshalb ein Bundesdeutscher? In meinem Pass steh: Ja. In meinem Inneren aber ist mir dieses Land auch in zwanzig Jahren ein wenig fremd geblieben. Vielleicht bin ich ein Europäer. Das polnische Breslau ist mir nicht ferner als das Bonn von Helmut Schmidt und Helmut Kohl.

Wir Deutschen erleben den heutigen Tag als Beschenkte, sagte Richard von Weizsäcker beim Festakt vor 20 Jahren. Das ist freundlich, aber es unterschlägt: Das Geschenk der Einheit ist bis heute erkauft mit 20 Jahren Solidaritätszuschlag. Es ist überlagert vom Milliardenwerk des Aufbaus Ost, dem längst ein Aufbau West folgen müsste. Und für nicht wenige ist es ein wertloses Geschenk.

Säuerlich lächeln die heute 60- und 70-jährigen Ostler über Kohls blühende Landschaften , die übers Keimen nicht hinauskamen: Der Agraringenieur, dessen Pflanzenzuchtbetrieb Anfang der Neunziger Jahre der Konkurrenz aus Holland nicht mehr standhielt und ihn in die Dauerarbeitslosigkeit zwang. Oder der Tiefbauer, dem nach der Einheit nur die Auswanderung in die Schweiz blieb, weil er in der Heimat keine Arbeit fand. Oder der Hartz-IV-Empfänger, dem Reisefreiheit nichts nützt, weil er sie sich nicht leisten kann. Verdienst und Wirtschaftskraft liegen zwischen Wismar und Zwickau trotz aller Steuergeldzuschüsse unter dem Durchschnitt, die Konkurrenz dagegen ist so hart wie überall.

Ich kann diesen Menschen nicht verübeln, wenn sie diese Einheit als ungerecht, als Unrecht empfinden. Heute sollten wir uns auch an jene erinnern, denen die Einheit die Biografie knickte.

Schön wäre gewesen, am Einigungsvertrag hätte noch 37 Tage länger geschrieben werden müssen. Denn der Mauerfall als Auslöser der Einheit ist das, was wir eigentlich feiern sollten. Wenn ich an den 9. November 1989 denke, bin ich einfach nur dankbar. Kein schlechtes Gefühl.

Im Westen erinnert der 9. November an das beharrliche Volk jenseits der Elektrozäune und Selbstschussanlagen, das mit sanfter Gewalt ein Regime stürzte. Im Osten verkörpert er den wahr gewordenen Traum vom Ende des Eingesperrtseins. Für mich markiert er den Beginn eines zweiten Lebens. In diesem gemeinsamen Erlebnis fühle ich mich mit Deutschland verbunden und vereint.

Der Autor, aufgewachsen in der DDR, war zum Mauerfall 21 Jahre alt.