Plemetina – Das Gestrüpp hinter dem Haus der Familie Saitovic ist so hoch, dass Sanita darin fast verschwindet. Nur die fusselige rosafarbene Jogginghose, die schon zu kurz für die Achtjährige ist, scheint durch die trockenen Gräser. Das Mädchen spielt hier jeden Tag Verstecken.

Doch eigentlich würde es gern etwas ganz anderes tun. Sanita wickelt sich eine schwarze Haarsträhne um den Finger und sagt leise: "Ich vermisse das Schreiben." Sie denke oft an die Schule zurück, und an ihre Lehrerin, Frau Filtkep. Sanita wäre jetzt eigentlich in der zweiten Klasse. Doch seit einem halben Jahr hat sie keinen Unterricht mehr besucht, genau wie ihre schulpflichtigen Schwestern Anita und Raze.

Die achtköpfige Familie wurde im März ins Kosovo abgeschoben. Die Saitovics gehören der Volksgruppe der Roma an, ihre Sprachen sind Deutsch und Romani. Die beiden Amtssprachen im Kosovo sind aber Albanisch und Serbisch, auch in den meisten Schulen. Die drei Mädchen könnten sich also nicht einmal mit ihren Klassenkameraden unterhalten.

Rund drei Viertel der Kinder, die aus Deutschland abgeschoben wurden, gehen im Kosovo nicht mehr zur Schule. Das hat eine Studie des Kinderhilfswerks Unicef herausgefunden. So wie Sanita und ihren Geschwistern mangelt es vielen an Sprachkenntnissen, anderen fehlen Zeugnisse oder Geburtsurkunden. Und es könnten noch mehr werden: Rund 12.700 Ausreisepflichtige sollen demnächst ins Kosovo abgeschoben werden, die meisten davon sind Minderjährige. Das regelt ein Rücknahmeabkommen, das die Innenminister der Bundesrepublik und des Kosovo im April unterzeichnet haben.

Die Familie Saitovic hat sieben Jahre lang in einem Ausländerheim im niedersächsischen Bramsche gelebt. Die Eltern, Baria Saitovic und Femija Kovaci, waren während des Kosovokrieges nach Makedonien geflohen und 2003 in die Bundesrepublik eingereist. Die Asylanträge wurden abgelehnt. Die achtköpfige Familie erhielt immer wieder Duldungen, mal auf einen, mal auf sechs Monate befristet.

Am 31. März klopfte die Polizei um fünf Uhr morgens an die Tür, sagt Femija Kovaci. Er sei vor den Augen seiner fünf Kinder in Handschellen gelegt worden. Die Familie habe eine halbe Stunde Zeit gehabt zu packen, eine Tasche pro Person. Dann ging es zurück in ein Land, das den sechs Kindern fremd ist.

Die zuständige Behörde, die Zentrale Aufnahme- und Ausländerbehörde Niedersachsens (ZAAB), teilt mit, dass die gesamte Familie ausreisepflichtig gewesen sei. Eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis erhielten Saitovic, Kovaci und ihre sechs Kinder nicht, "weil sie nicht lange genug in der BRD gelebt haben", sagt ein Sprecher der ZAAB. Sieben Jahre reichten nicht: Wäre die Familie zwei Jahre früher eingereist, wären sie vor Abschiebung geschützt worden. Der 1. Juli 2001 war ein solcher Stichtag für minderjährige Kinder.