Pedanten werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass der Begriff Antisemitismus nicht nur auf Vorurteile gegenüber Juden anzuwenden sei, sondern auch auf Vorurteile anderen semitischen Völkern wie Arabern gegenüber.

Ausnahmsweise billige ich solch semitische Semantik, insbesondere angesichts der zunehmend ätzenden Debatte über die Integration arabischer und türkischer Immigranten in Deutschland. Denn leider wird immer deutlicher, dass die ablehnende Haltung gegenüber Muslimen in Europa eine neue Art Antisemitismus ist.

Horst Seehofer, zum Beispiel. Der bayerische Ministerpräsident forderte vergangene Woche, die Einwanderung aus islamischen Ländern zu beenden. Seine Bemerkung hätte als hilfloser Versuch abgetan werden können, mit fremdenfeindlichen Äußerungen Stimmung für die CSU zu machen. Doch Seehofer war nicht der Einzige: Etliche Unionspolitiker hatten zuvor die Aussage von Bundespräsident Wulff, der Islam sei ebenso ein Teil Deutschlands wie das Christentum und das Judentum, mit teils scharfen Worten kritisiert. Christine Haderthauer von der CSU meinte sogar, es könne keine religiöse Gleichstellung für den Islam in Deutschland geben.

Nein, das was Thilo Sarrazin mit seiner abwegigen These, dass muslimische Einwanderer Deutschlands Untergang seien, ausgelöst hat, sollte nicht einfach als harmloser Populismus unsicherer Politiker verharmlost werden.

In ähnlicher Manier wie der Statistik-verliebte Sozialdemokrat Sarrazin ganze Bevölkerungsgruppen auf simple Zahlen reduziert, spricht der Konservative Seehofer mit seiner Bemerkung ein Kollektivurteil über Türken und Araber im Allgemeinen. 

Leider bleiben derlei vorurteilsbehaftete öffentliche Äußerungen nicht ohne Konsequenzen. Aktuelle Umfragen zeigen, dass in Deutschland die Abneigung gegen den Islam und die Fremdenfeindlichkeit zunehmen.

Tragischerweise musste etwas so Entsetzliches wie der Holocaust stattfinden, um die Gleichberechtigung von Juden in westlichen Demokratien wie Großbritannien und den Vereinigten Staaten zu gewährleisten, wo eine anti-jüdische Gesinnung bis zum Zweiten Weltkrieg weit verbreitet war.  Niemand sollte vergessen, dass es letztlich die unvergleichlichen Verbrechen Nazi-Deutschlands am europäischen Judentum waren, die antisemitische Äußerungen in der Öffentlichkeit fortan gesellschaftlich inakzeptabel machten.