Wenige Tage nach dem Unglück in einem ungarischen Aluminiumwerk ist aus Furcht vor einer neuen Giftschlammlawine das nahe des Werks gelegene Dorf Kolontar evakuiert worden. Der Damm des beschädigten Rückhaltebeckens sei noch instabiler geworden, sagte ein Sprecher des Zivilschutzes. Er könnte komplett einstürzen. Deswegen hätten sich die Einsatzkräfte zu der Vorsichtsmaßnahme entschieden, die Bewohner des Dorfes Kolontar in Sicherheit zu bringen. Der Nachrichtenagentur MTI zufolge bereiteten sich die Einsatzkräfte zudem darauf vor, notfalls auch ein Nachbardorf zu evakuieren. Ministerpräsident Viktor Orban habe sich am Morgen bei einem Besuch in dem Unglücksgebiet über die Lage informiert.

Am Montag waren aus einem Auffangbecken in der Aluminiumfabrik Ajka, 165 Kilometer westlich von Budapest, etwa 1,1 Millionen Kubikmeter hochgiftiger roter Schlamm ausgelaufen. Mindestens sieben Menschen starben, darunter ein Kleinkind, mehr als 120 weitere wurden verletzt. Der Schlamm breitete sich über eine Fläche von 40 Quadratkilometer aus, mehrere Dörfer wurden dabei verseucht. Ministerpräsident Orban sagte, Kolontar werde vermutlich nicht wiederaufgebaut, die Einwohner müssten sich auf einen Umzug einstellen.

Der Schlamm verunreinigte auch mehrere Flüsse und hat inzwischen einen Donau-Seitenarm in Györ erreicht . Greenpeace warf den Behörden vor, die ökologischen Folgen des Unfalls zu verharmlosen. Der ausgelaufene Schlamm enthält mit 110 Milligramm pro Kilogramm doppelt so viel Arsen wie üblich. Auch Chrom und Spuren von Quecksilber wurden gefunden. Genaue Analysen sollen aber erst am 11. Oktober abgeschlossen sein. Die Umweltschutzorganisation kritisierte, die ungarische Regierung habe die wahren Giftmengen offenbar verschweigen wollen. "Die Informationspolitik der ungarischen Regierung ist alles andere als EU-würdig", sagte der Greenpeace-Chemiker Herwig Schuster. "Wir sind überrascht, dass Greenpeace diese Ergebnisse veröffentlichen muss."

Die Umweltorganisation WWF kritisierte in einer im Internet veröffentlichten Erklärung, der Bruch des Damms hätte leicht verhindert werden können, wenn die Betreiber aufmerksamer gewesen wären. Ein Foto von Juni zeige, dass bereits lange vor dem Unglück Schlamm aus dem Becken ausgetreten sei. Der WWF forderte, diesen "Beweisen" für den schlechten Zustand des Beckens nachzugehen, und machte die Betreiber der Fabrik für die Umweltkatastrophe verantwortlich.