Der Aufbruch dürfte meilenweit zu hören sein. Die 1500 Bewohner des Camps Köhlau werden mit dem Megafon geweckt. Vor den Dixie-Klos und der Teeküche steht gleich darauf eine Menschentraube. Es ist kurz nach halb sechs am Morgen und brüllend kalt.

Nach dem Frühstück geht es los in Richtung der Bahnschienen, wo am späten Abend der Castor-Transport nach Dannenberg rollen soll. Sie wollen den "Castor Schottern", was bedeutet: So viel Schotter aus den Gleisen kratzen, bis die unpassierbar sind. Das ist illegal , doch sonderlich konspirativ verhält sich hier niemand. Warum auch? In der ganzen Gegend wimmelte es um 4 Uhr morgens schon von Polizeiwagen, Konvois von 20 oder 30 auf jeder Landstraße. Nur hier, rund um Camp Köhlau, ist kein einziger zu sehen.

Und außerdem sind da ja die Medienvertreter. Schon im Vorfeld hatten die Organisatoren der Kampagne "Castor Schottern" angekündigt, Medienvertreter zu einem bestimmten Zweck mit an die Gleise zu nehmen . Sie versprachen sich davon einen gewissen Schutz vor der Polizei, wenn Kameras dabei seien, würden die Beamten nicht so hart zupacken. Nun steht ein Pulk von 20 oder 30 Journalisten um Mischa Aschmoneit, er ist einer der Sprecher der Kampagne. Ein komisches Schauspiel beginnt: Welche Journalisten dürfen welche Gruppe begleiten? Wo ist die meiste Action zu erwarten, gibt es da auch gute Bilder?

Nebendran ruft eine Frau: "Alle, die rot-weiß sind – wir sammeln uns hinterm Küchenzelt". Junge Leute schleppen Schlafsäcke und Isomatten durch den Schlamm, andere machen Fahrräder startbereit. Der Zug, voraus ein rot-weißer Wimpel, marschiert in Doppelreihe. Die einen rufen: "Castor?", die anderen antworten: "Schottern!". Wie beim Militär, nur nicht so ordentlich. Schon nach zehn Metern der erste Stop: "Haaaallo, da fehlen noch welche." Fünf Minuten später auf der finsteren Landstraße wieder ein Halt: "Ihr müsst alle schneller laufen, sonst brauchen wir drei Stunden." Etwa acht Kilometer sind es bis zu den Schienen, die werden zu Fuß im Wald und auf Feldwegen zurückgelegt.

Genug Zeit für die Begleiter, das Organisationsprinzip zu verstehen: Die große Gruppe gliedert sich in vier so genannte Finger, jeder etwa 200 Personen stark. Die suchen sich bei Polizeikontakt eigene Wege. Die Finger wiederum bestehen aus Gruppen zu fünf oder zehn Wanderern. Sie sollen immer zusammen bleiben, aufeinander aufpassen und im Fall von Verhaftungen die Information weitergeben. Die Gruppen heißen Krümelmonster, Meerschweinchen oder Maoam, immer wieder schallen ihre Rufe zwischen den Bäumen, wenn sie sich verloren haben.

Es ist 7.33 Uhr, nahe der Ortschaft Moislingen. Von hinten kommen Polizisten gestürmt, sie erwischen den Marsch auf einer schmalen Brücke. Die Beamten versuchen, einigen der Meerschweinchen und Maoams die mitgeführten Luftmatratzen zu entreißen – damit könnten sie sich nämlich später durch Absperrketten drücken.

Große Unruhe. Der Trupp muss zusammenbleiben, die Polizisten wollen einen Teil isolieren. Wo eben noch Gerangel war, entscheidet nun die Kondition: Auf einem Feld ziehen sich die Schotterer weit auseinander, die 50 Polizisten haben keine Chance. Noch einmal geht es durch den Wald, die Polizisten kommen mit ein Stück des Wegs. Von weitem sieht es aus, als hätte sich eine gemeinsame Wandergruppe gebildet.

 

Kurz nach acht auf einer Wiese. Pause. Ein Finger hat sich am Waldrand selbständig gemacht, die anderen bleiben, weil die Polizisten dann auch bleiben müssen. Mischa Aschmoneit gibt eine erste Pressekonferenz. "Wir müssen abwarten, in unserem Büro sitzen jetzt Leute und verschieben uns auf einer Landkarte." Die Polizisten seien aus Thüringen und bislang freundlich. Aus Richtung Osten kommen drei Leute mit Schubkarren, da ist heiße Suppe drauf. "Unsere Logistik klappt sehr gut", sagt Aschmoneit. Dann geht’s weiter, wieder durch den Wald, die Polizisten hinterher.

Plötzlich ist die Schiene da. "Los verteilt euch, rein da", ruft einer. Entlang der Gleise steht alle drei Meter ein Polizeiwagen, dazwischen Beamte mit finsterer Miene. Jetzt kommen die übrigen Luftmatratzen zum Einsatz. Links und rechts eine als Keil, dann alle durch die Lücke. Die Polizisten schlagen, sprühen Tränengas. "Sind Medienvertreter anwesend?", ruft jemand. "Wir brauchen hier eine Kamera!" Etwa zwei Dutzend schaffen es auf die Schiene. Aber auch dort ist Polizei, viel zu viel Polizei. An Schottern nicht zu denken. Mit knapper Not schaffen sie es auf die gegenüberliegende Böschung und sind vom Rest der Gruppe abgeschnitten.

Sie bilden einen Kreis und beraten sich. Im Hintergrund werden zwei verarztet, die Reizgas abbekommen haben: "Ah, Mann, das tut weh!" Von irgendwoher sind Wasserwerfer gekommen, die wollen sie beschäftigen, wird beschlossen. Immer hin und her laufen, nur kurz auf die Verletzten warten. Von links und rechts kommen weitere Schotterer hinzu. Jetzt sind 50 oder 60 an der Wegkreuzung hier im Wald.

Da wird die Konsensfindung schwierig. Zu viele Leute, zu unübersichtlich die Lage. Die Rufe gehen durcheinander: "Auf's Feld, auf's Feld!" ruft ein Teil und gestikuliert in Richtung einer Lücke zwischen den Bäumen. Andere wollen noch einmal beraten: "Plenum!", "Ach Scheiße, selber Plenum!" Rechts im Busch stehen Polizisten und beobachten die Szene.

Unten an den Schienen versuchen Schotterer, aus morschen Ästen Hindernisse für die Wasserwerfer aufzubauen. Zwei werfen sie direkt auf das Ungetüm, sie werden von anderen gebremst. Schon wieder Plenum, die Gruppe Isomatte berät: "Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir nichts schmeißen", sagt ein junger Mann, der in den vergangenen Minuten zur Führungsfigur geworden ist. "Aber wir müssen auch die beachten, die andere Aktionsformen gewählt haben."

Da drüben ein Fünfergrüppchen, sehr jung, nassgeschwitzt und durchgefroren. Eine von ihnen hat noch Energie: "Für die Freiheit, für das Leben", brüllt sie und rennt in Richtung der Gleise. Da greifen gerade die Polizisten an, in einer Kette versuchen sie vor allem die Stöckerwerfer abzudrängen. Alle müssen flüchten. "Nicht zu tief in den Wald hinein", ruft der Einsatzleiter der Polizei.

" Same procedure as every year ", sagt der Polizeipressesprecher Richter unten auf den Gleisen. "Wir nennen es das Katz- und Mausspiel." Bis zum Nachmittag gibt es auch von anderswo entlang der Strecke keine Meldung über erfolgreiche Schotteraktionen. Die taz berichtet von etwa 200 Menschen, die es weiter westlich auf die Schienen geschafft hatten, dort aber durch einen harten Polizeieinsatz vertrieben wurden.

Vermutlich hat die Kampagne "Castor Schottern" nicht nur die Journalisten und junge Aktionshungrige angelockt. Sondern eben auch Tausende von Polizisten. Ein paar Kilometer östlich am Forsthaus Posade sind angeblich 2000 Menschen auf dem Gleis. In einer guten alten Sitzblockade.