Als Merih Ergün letztens in einer Berliner Bäckerei seine fünfjährige Tochter auf Türkisch fragte, was sie denn gerne hätte, war die Verkäuferin schlichtweg entsetzt. Wie könne er mit ihr nicht auf Deutsch reden, fuhr sie ihn an. So verbaue er dem Kind doch seine Zukunft.

Für Ergün, Sohn eines Gastarbeiters aus der Türkei, ist das eine schwierige Situation. Natürlich will er, dass seine Kinder gut Deutsch können. Aber gleichzeitig möchte er auch seine Muttersprache an sie weitergeben. Doch das, findet er, werde in Deutschland oft nicht akzeptiert. Auch wenn Mehrsprachigkeit hierzulande auf dem Arbeitsmarkt andererseits oft groß geschrieben wird.

Die Vorurteile gegenüber der Zweisprachigkeit von Migranten waren diese Woche Thema bei einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Unter dem Motto Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Bedingungen des Sprachlernens von Menschen mit Migrationshintergrund hatte die Stiftung gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt Erzieher und Interessierte nach Berlin geladen.

In der politischen und öffentlichen Debatte werde oft stillschweigend vorausgesetzt, dass nur die deutsche Sprache Integration ermögliche, finden die Veranstalter. Die Heimatsprachen der Migrantenfamilien hingegen würden "eher als lästiges Integrationshindernis denn als individuelle Ressource" behandelt. Höchste Zeit sei es also, sich weitergehend mit diesem Thema zu beschäftigen.

Auch Bernt Ahrenholz, Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Jena, hat seine Erfahrungen mit der fehlenden Toleranz der deutschen Gesellschaft gegenüber mehrsprachigen Familien gemacht. So werde die Erstsprache der Kinder zu selten in der Kita mit einbezogen, findet Ahrenholz. Doch für kleine Kinder sei es wichtig, beim Spracherwerb an ihre Vorerfahrungen aus der Familie anknüpfen zu können.

Durch eine Kombination aus Deutschunterricht und der in der Familie gesprochenen Sprache und viel Förderung durch Erzieher könnte man diese Kinder und ihre Zweisprachigkeit gezielt fördern, sagt Ahrenholz. Man könne von bilingual erzogenen Kindern außerdem nicht erwarten, dass sie vor dem Schulbeginn gleich gut Deutsch sprechen, wie ihre einsprachig erzogenen Altersgenossen. Zweisprachig erzogene Kinder bräuchten länger zum Spracherwerb.

Gute Erfahrungen mit der Förderung von Mehrsprachigkeit in Kitas hat man in Bonn gemacht, wie Donja Amirpur erzählt. Sie leitete das Modellprojekt Vielfalt gestalten – Integration im Kindergartendes Vereins AktionCourage e.V, das allerdings im Februar 2010 auslief. Man hatte keine neuen Geldgeber gefunden.

 Trösten in der Sprache der Eltern

Drei  ausgewählte Kindergärten waren zuvor drei Jahre lang in dem Programm zur Förderung der Mehrsprachigkeit. Das ganze Kita-Personal wurde geschult, auf Mehrsprachigkeit einzugehen. Erzieher mit Migrationshintergrund wurden bestärkt ein Kind in schwierigen Situationen, wenn  es weint oder sich unwohl fühlt, in der Muttersprache anzusprechen. Vorher trauten sich viele das oftmals nicht, da sie dachten, es sei nicht erwünscht, sagt Amirpur.

Bei den drei Kindergärten lag der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund bei circa 60 bis 80 Prozent. Vor der Modellphase habe es zahlreiche Schwierigkeiten zwischen den deutschen Eltern und den Eltern mit ausländischen Wurzeln gegeben, erzählt Amirpur. Die deutschen Eltern beschwerten sich über mangelnde Beteiligung der migrantischen Familien an Elternarbeit und anderen Veranstaltungen. Ein Beispiel an welches sich Amirpur am besten erinnern kann: die Aufregung über das Fehlen der muslimischer Eltern beim Laternenbasteln.  Was vielen Deutschen nicht klar war: Es fand am Abend des islamischen Opferfestes statt.

Zu Anfang des Modellprojekts habe es Widerstand von den deutschen Eltern gegeben, erzählt Amirpur. "Noch ein Migrantenprojekt" habe es geheißen. Aber nach den ersten Erfolgen habe sich die Unruhe gelegt. Die Kommunikation der Eltern untereinander und mit den Erziehern sei verbessert worden, sagt Amirpur. Die migrantischen Eltern mussten nur persönlich angesprochen und miteinbezogen werden.

Sie wurden von den Erziehern außerdem explizit aufgefordert, mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache zu sprechen. Gleichzeitig nahmen die Kita-Gruppen mit den Familien mehrsprachige Hörspiele auf CD auf und erstellten Bibliotheken mit mehrsprachigen Kinderbüchern. Die Erzieher klebten mit den Kindern Fotos ihrer Eltern um einen Spiegel, in dem sich alle Kinder betrachten können. "Das kam total bei gut bei allen Kindern an", erzählt Amirpur. Die Kinder wurden in ihrer Identität mit solchen Projekten bestärkt. Und die Motivation der Kinder sei auch entscheidend für die aktive Teilhabe an Bildung.

Viele Eltern, die ihre Kinder mehrsprachig erziehen, fühlen sich aber nach wie vor allein gelassen. So sorgt sich Ergün, der selbst als Berater für interkulturelle Kommunikation arbeitet, darüber, dass seine  Tochter beim Schulantritt hinter den monolingualen Kindern zurück liegen könnte. Er wünscht sich mehr Unterstützung von staatlichen Bildungseinrichtungen. Denn Mehrsprachigkeit sei eine gute Sache, hört er oft, aber bitte nicht in der Öffentlichkeit.