Was haben die Schweinegrippe und die aktuelle Terrorwarnung für Deutschland gemeinsam? Die Höhe des medialen Aufregungspegels. Als im vergangenen Jahr in Mexiko eine neue Grippeform aufgetreten war, die das Potenzial hatte, sich in eine gefährliche Epidemie zu verwandeln, waren die Medien voll von Spekulationen und fehlerhaften Bezügen.

Ähnliches ist nun wieder zu beobachten, seit Innenminister Thomas de Maizière seine warnenden Worte aussprach. Abermals wird viel gemutmaßt: Mumbai-Stil, Autobomben, aufgewachte Schläfer, indo-pakistanische Killerkommandos, Überfall auf den Reichstag?

Dieser ständige Konjunktiv stößt manchem sauer auf. Der Innenminister nannte den Bericht des Spiegels zum Reichstag als mögliches Anschlagsziel unverantwortlich. Der Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag, Siegfried Kauder, forderte sogar, die Presse müsse zur Zurückhaltung verpflichtet werden, wenn die Gefährdungslage hoch ist – nötigenfalls per Gesetz. Muss man die Medien also schelten? Zwei Antworten gibt es, eine gute und eine bessere.

Ja, man muss Journalisten tadeln, wenn sie ihre Arbeit nicht sorgfältig tun. Wenn sie übereilte Schlüsse ziehen und Vermutungen als Fakten verkaufen. Wenn sie den Ton ihrer Berichterstattung mehr von Reichweite, Einschaltquote oder verkaufter Auflage abhängig machen als von der Relevanz der Informationslage.

Wichtiger ist aber dies: Journalismus muss stets Wahrheitssuche sein in einem Meer ungesicherten Wissens. Die Hinweise auf einen möglichen Anschlag liegen vor. Aber niemand weiß zurzeit wirklich zu sagen, wie groß die Gefahr tatsächlich ist, nicht die Ermittler, nicht die Geheimdienste, auch nicht der Innenminister.

Gerade deshalb dürfen sich die Medien nicht wegducken, wie Kauder verlangt. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, zu forschen und vorauszudenken, was realistisch möglich ist. Das schließt ein, Fehleinschätzungen zu unterliegen und auf diese Weise Fehler vorwegzunehmen, damit die Gesellschaft diese Fehler nicht tatsächlich begeht.

Postskriptum: Volker Kauder, Unions-Fraktionsvorsitzender im Bundestag, ist seinem Bruder in den Arm gefallen. Es gebe bei der Pressefreiheit nichts neu zu regeln. Recht hat er.