Wenn der 14-jährige Manolo zur Arbeit geht, sind die Geier schon da. Krächzend tanzen sie durch die meterhohen Abfallberge, während Dutzende Mülllaster unter ohrenbetäubendem Lärm ihre tonnenschwere Fracht abkippen. "Wenn du dich beeilst, findest du die besten Sachen", ruft Manolo und verschwindet rasch in einer dunklen Staubwolke.

Eine halbe Stunde später taucht der Junge, über dessen schmalen Schultern ein gefälschtes Zidane-Trikot schlabbert, hustend wieder auf.  Er schleppt mit empor gestreckten Armen zwei prall gefüllte Abfallsäcke davon. Manolo kennt sich aus auf der Bordo Poniente. Die größte Müllkippe Lateinamerikas ist sein Zuhause.

Nur eine knappe Autostunde von Mexiko Stadt entfernt, türmen sich hier auf einer Gesamtfläche von mehr als 600 Fußballfeldern rund 50 Millionen Tonnen Abfall: Papier, Glas, Blechbüchsen, Plastikverpackungen – am Fuße der Deponie fällt der Blick auf ungetrennten Müll soweit das Auge reicht. Wo in der Hitze Schwelbrände vor sich hin glimmen, fällt schon das Atmen schwer. Die Luft ist stickig, verraucht und beißend. Manolo nimmt den Gestank schon lange nicht mehr war. "Für mich ist das normal", sagt er und taucht mit den Armen tief in einen mit Essensresten gefüllten Plastiksack, aus dem dunkle Flüssigkeit tropft. Bei der Suche nach weggeworfenen Lebensmitteln müsse man besonders schnell sein, erklärt er: "Die Geier fressen einem sonst alles weg."

Pepenadores, Müllmenschen – so werden Leute wie Manolo in Mexiko genannt. Sie leben und arbeiten dort, wo der Abfall der Stadtbevölkerung landet. Wie viele es auf der Bordo Poniente sind, ist kaum zu ermitteln. Manch einer redet von 200, andere von 2000. Für sie alle gibt es in der Stadt kein Geld, kein Essen und kein Dach über dem Kopf. Von den Recycling-Händlern bekommen sie ein paar Pesos. Davon überleben sie.

"Wer fleißig ist, kann hier gutes Geld verdienen", behauptet Pablo Téllez in gönnerhaftem Ton. Der 64-Jährige, ein etwas untersetzter, fast unscheinbarer Herr in Jeans und Lederschuhen, ist Anführer der sogenannten Müllmafia, die die Arbeit der Pepenadores organisiert und den wiederverwertbaren Schrott an die Industrie verkauft. Durchschnittlich 2000 Pesos, umgerechnet gut 110 Euro, würden die Müllsammler während eines gesamten Monats bekommen, behauptet Pablo Téllez. "Davon kann man in der Stadt nur träumen", sagt der Mann, den sie auf der Bordo Poniente ehrfürchtig Don Pablo nennen. Er selbst soll durch das Geschäft mit dem Müll ein Vermögen verdient haben. Dies behaupten zahlreiche lokale Menschenrechtsorganisation, die ihm zugleich vorwerfen, das Elend der Müllsammler auszunutzen und ihnen lediglich einen Hungerlohn zu zahlen.

An einer der vielen Sammelstellen stehen mehrere Dutzend Frauen und Kinder mit schwer beladenen Schubkarren Schlange, um sich ein paar Pesos abzuholen. Für ein Kilo Plastikflaschen, nicht selten das Ergebnis von mehr als acht Stunden Knochenarbeit, gibt es umgerechnet 50 Cent – ein Bruchteil des Erlöses, den Pablo Téllez später selbst mit dem Weiterverkauf erzielt. Auch Manolo verdient selbst an guten Tagen kaum mehr als zwei Euro. "Gerade genug, um alle fünf Tage in die Stadt zu fahren und Reis und Bohnen zu kaufen", wie er erklärt.

Vor drei Jahren ist Manolo mit seinem Vater und seinem kleinen Bruder von einem Armenviertel der mexikanischen Hauptstadt auf die Müllkippe gezogen. Ein staubiger Feldweg am Rande der Deponie, hier haust die Familie in einer der vielen Wellblechhütten – eine notdürftig gezimmerte Baracke, aus der der Geruch von faulem Essen und Fäkalien dringt. An Hygiene ist kaum zu denken, schon gar nicht an fließendes Wasser oder Strom. Manolos Vater Alfonso, ein hagerer Mann Mitte 30, dessen sonnengegerbte Haut ihn deutlich älter aussehen lässt, beklagt sich trotzdem nicht. "Es ist nicht viel", sagt er. "Aber hier haben wir, was wir brauchen."