Mit 66 Jahren kann Schönheit teuer werden. "Das geht in die Zehntausende", sagt die Berlinerin Dorothea M.. Sie lässt sich derzeit ihr Gebiss sanieren. "Meine Krankenkasse zahlt für die Implantate keinen Cent dazu", erklärt die ehemalige Lehrerin, die ihren vollen Namen lieber nicht veröffentlicht sehen möchte. Behandlungen wie die von Dorothea M. seien "medizinisch nicht notwendig", heißt es von den gesetzlichen Kassen.

An dieser Stelle erkennt Ada Krzewicka ihre Chance. Die Polin ist Zahnärztin und leitet zugleich eine Agentur für Medizintourismus in Warschau. Patienten aus Deutschland gehören zu ihren Lieblingskunden. Ihre Zahnklinik betreue seit Jahren "Gesundheitsurlauber" aus dem westlichen Nachbarland, sagt Krzewicka und macht Werbung in eigener Sache: "Flug oder Busfahrt, Unterkunft und Übersetzungshilfen, ein touristisches Begleitprogramm und hochwertige Therapien zu unschlagbar günstigen Preisen – all das haben wir im Komplettangebot."

Gerade über die Feiertage boomt das Geschäft mit kombinierten medizinisch-touristischen Offerten. Wer einmal in der Warschauer Altstadt über den Weihnachtsmarkt bummeln oder sich zu Silvester bei einer der berühmt-berüchtigten polnischen Szenepartys amüsieren wolle, der könne das Vergnügen doch gleich mit dem Praktischen verbinden, trommelt Krzewicka: "Wir bieten seit dem 1. Dezember äußerst attraktive Sonderpreise für Zahnbleichen und Implantat-Behandlungen." Die Zahnärztin vermittelt auch Kontakte zu Schönheitschirurgen.

Krzewickas Botschaft kommt an: Mit strahlendem Lächeln und gestraffter Haut lässt sich das neue Jahr gleich doppelt gut beginnen. Der Medizintourismus aus Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern nach Tschechien, Ungarn und vor allem nach Polen boomt. Dort hat der Branchenverband IGTM für 2010 ein Wachstum von 15 - 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr errechnet. Polnischen Expertenschätzungen zufolge sind in diesem Jahr rund 175.000 Deutsche ins östliche Nachbarland gereist, um sich dort ärztlich behandeln zu lassen. Belastbare statistische Zahlen gibt es allerdings nicht.

Hinzu kommt der wachsende Bereich der Heilreisen. Gerade in der Rehabilitationsmedizin und für Kuren steigt seit Jahren der Eigenanteil, den Patienten in der Bundesrepublik zu zahlen haben. Reine Wellness-Angebote sind komplett selbst zu finanzieren. Rund vier Millionen Heilreisen buchten deutsche Kunden im Jahr 2009, wie jüngst bei einer Anhörung im Bundestag bekannt wurde. Und die Ziele befinden sich immer häufiger im Osten – denn dort liegen die Preise etwa 30 bis 40 Prozent unter dem deutschen Niveau.

Tatsächlich sind es vor allem die deutlich geringeren Kosten, die Patienten zur Behandlung von West- nach Osteuropa locken. Wer in Deutschland für ein einzelnes Zahnimplantat einen vierstelligen Euro-Betrag hinblättern muss, kommt in Polen mit einigen Hundert Euro davon. Steht eine Gebisssanierung an wie bei Dorothea M., geht die Rechnung trotz der Reisekosten schnell auf.

Das kann selbst für Behandlungen gelten, bei denen sich deutsche Krankenversicherer an den Kosten beteiligen. "Innerhalb der EU besteht beim Arztbesuch Wahlfreiheit", erklärt Manuela Pohl vom Ersatzkassenverband VDEK. Das heißt: Deutsche Kassen müssen auch die Rechnungen polnischer oder ungarischer Mediziner begleichen. Und so säumen etwa in Kolberg an der westpolnischen Ostseeküste Plakate die Strandpromenade, die – in deutscher Sprache –  "Zahnersatz im Urlaub kostenlos" offerieren und die "Erstattung durch alle Krankenkassen" versprechen.