Bernd Steinmetz weiß nicht, ob seine Angeklagten ihn überhaupt verstehen. Das sei ein großes Problem, sagt der Vorsitzende Richter am Hamburger Landgericht. Ein Dolmetscher übersetzt.

Die zehn Angeklagten haben Kopfhörer übergestülpt, aus denen ein leises Flüstern zu vernehmen ist. Sie tragen Trainingsanzüge, Kapuzenpullover und einige eine Mütze. Draußen vor dem Gerichtsgebäude liegt Schnee. Die Angeklagten schauen fast regungslos nach vorne zum Gericht.

Die Große Kammer 3, spezialisiert auf Jugendverkehrssachen, ist zusammengekommen, um über zehn Männer zu richten, die am 5. April vor der Küste Somalias den Frachter einer deutschen Reederei überfallen haben sollen . Das Schiff fuhr unter Kommando eines deutschen Kapitäns. Schwerbewaffnet hätten sie das Schiff geentert, nachdem sie es beschossen hätten, heißt es in der Anklageschrift. Später wurden die Männer von niederländischen Soldaten an Bord festgesetzt.

Doch um die Aufklärung der Sachlage geht es im Sitzungsaal 337 noch lange nicht. Zunächst einmal muss das Gericht sich am Mittwoch mit der Sprachbarriere befassen. Anwälte hatten sich beschwert, dass die somalischen Angeklagten die Dolmetscher nicht verstehen.  Ein Verteidiger bittet den Richter dennoch, nicht von einem "Problem" zu sprechen. Dies gebe den Angeklagten ein schlechtes Gefühl.

Für die Somalier muss das alles sehr verwirrend sein. Sie sind in einem Land aufgewachsen, das als zerfallender Staat gilt. Seit Jahrzehnten herrscht dort Bürgerkrieg, Tausende sind geflohen. Terrorismus und Piraterie gedeihen . Zahlreiche Hilfsorganisationen, die in Afghanistan oder dem pakistanischen Stammesgebieten tätig sind, haben sich aus Somalia zurückgezogen, weil die Arbeit dort zu gefährlich sei. Die Macht kommt in großen Teilen Somalias aus den Läufen der Kalaschnikows. Das Sagen haben Milizenanführer oder Clanälteste.

Einen Rechtsstaat gibt es unter solchen Bedingungen nicht. Wie Gerichte in Europa arbeiten, das kennen Somalier höchstens aus dem Fernsehen oder aus Erzählungen. Anträge und Gegenanträge, Gutachten und Gegengutachten, Paragrafen der Strafprozessordnung – das alles muss auf die mutmaßlichen Piraten furchtbar kompliziert und umständlich wirken.

Und nicht nur auf sie: Viele Zuschauer sind diesmal nicht im Gerichtssaal. Auch das Medieninteresse hat seit dem Prozessauftakt deutlich abgenommen. Der erste Piratenprozess in der Freien und Hansestadt Hamburg seit angeblich rund 400 Jahren verläuft weniger spektakulär, als von manchem erhofft.

Für Juristen bietet das Verfahren hingegen spannende Fragen: Lässt sich das deutsche Strafrecht wirklich auf somalische Piraten anwenden? Auf Männer, die aus einem Land stammen, in dem seit Jahrzehnten gekämpft wird? Ist es legitim, Verbrecher zu verurteilen, die von niederländischen Soldaten festgenommen und zunächst keinem deutschen Haftrichter vorgeführt wurden? Wie ist mit Angeklagten zu verfahren, über die keinerlei offizielle Dokumente vorliegen? Mit diesen Fragen wird sich das Gericht erst im neuem Jahr auseinandersetzen.

Zunächst einmal muss in einer Verhandlungspause das "Kommunikationshindernis" ausgeräumt werden. Der Vorsitzende Richter spricht nun nicht mehr von einem "Problem". Die drei Dolmetscher befragen jeden der zehn Angeklagten. Sie sagen, dass es keine Sprachprobleme gebe, alle Angeklagten sprächen hochsomalisch.

Dann befragt Richter Steinmetz nochmals jeden der Angeklagten. "Ich bitte Sie um ehrliche Antworten", sagt der deutsche Jurist und belehrt die Männer, dass sie nicht antworten müssen. Doch alle zehn geben zu Protokoll, dass sie alles verstehen. "Die Dolmetscher sprechen somalisch", sagt einer: "Aber sie sprechen sehr schnell."

Steinmetz bittet die Prozessbeteiligten also, "mit angezogener Handbremse" zu sprechen und stellt erschrocken fest: "Das ist wahrscheinlich schwer zu übersetzen". Für die Dolmetscher ist dieser Prozess tatsächlich eine Herausforderung. Referenzpopulation, ionisierende Strahlen und interorale Untersuchung sind Wortungetüme, die selbst wenn es im Somalischen ein entsprechendes Pendant gibt, schwer zu verstehen sind. Und auch wenn über die Herkunft der Somalier bisher wenig bekannt ist, so ist klar, dass die Mehrheit von ihnen nicht zur Bildungselite ihres Landes zählt.