Der Holocaust hat einen festen Platz in Alltag und Bewusstsein der Deutschen. Er ist Thema im Schulunterricht, Teil des politischen und gesellschaftlichen Selbstverständnisses und durch Mahnmale präsent in deutschen Innenstädten. Die Aufarbeitung des Holocaust war nie unproblematisch, oft wechselvoll und immer ein Spiegel der jeweiligen Zeit. Aber letztlich hat sich in Deutschland ein Verständnis der NS-Verbrechen herausgebildet, zwischen Verantwortung, Demut und Scham.

Nun aber, da die Zeitzeugen des Holocaust – Opfer wie Täter – nach und nach sterben, stellt sich die Frage, wie man des in immer weitere Ferne rückenden Holocaust gedenken soll. Einerseits verliert das Gedenken an Unmittelbarkeit, andererseits eröffnet es neue Zugänge und Perspektiven auf die alten Fragen. Die Kuratoren der Ausstellung Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen , die derzeit in Berlin zu sehen ist, formulieren es so: "Jede Generation stellt sich ähnliche Fragen: Wie war Hitler möglich?"

Weil sich jede Generation diese Frage neu stellt, fällt auch die Antwort zwangsläufig mit jeder Generation anders aus. Deshalb kann kein Schlussstrich unter dieses Kapitel der deutschen Geschichte gezogen werden. Dass die NS-Zeit, anders als immer und immer wieder von rechts behauptet wird, noch lange nicht erfasst und durchleuchtet worden ist, zeigt beispielsweise das Buch Das Amt über die Verstrickungen des Außenministeriums in die Verbrechen Nazideutschlandes. Die aktuelle Debatte in Polen um die Mitschuld der polnischen Bevölkerung sowie die neuen Ermittlungen der Dortmunder Staatsanwaltschaft hinsichtlich ungesühnter NS-Gräueltaten belegen ebenfalls, wie hoch der Bedarf an Aufarbeitung ist.

Laut einer Studie von TNS Infratest Politikforschung sind die Enkel und Urenkel der Zeitzeugen nicht nur en gros interessierter an der NS-Diktatur als ihre Eltern und Großeltern. Sie haben auch ein weniger idealisiertes und verlogenes Bild von der Schuld und Mitschuld ihrer Ahnen: 57 Prozent der Jugendlichen lehnen die Aussage ab, nur Wenige seien für den Mord an Juden und den Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Das ist die gute Nachricht: Auf den Unterricht in den deutschen Schulen scheint, allen Unkenrufen zum Trotz, Verlass.

Bedenklich ist dagegen, dass man in Deutschland zwar Magazine und Bücher gut verkaufen kann, in denen Hitler im Titel eine Rolle spielt – dass aber weiterhin kaum jemand etwas über die Rolle der eigenen Vorfahren weiß. Und das, obwohl überall im Land Rechercheeinrichtungen zur Verfügung stehen: die in Berlin ansässige Wehrmachtsauskunftsstelle WASt , das Bundesarchiv in Ludwigsburg und zahlreiche die Regionalarchive.

Wenn mit jedem vergangenen Jahr der Holocaust und die anderen Verbrechen der NS-Zeit in größere Entfernung rücken und abstrakter erscheinen – sie bleiben Teil der deutschen Geschichte. Und auch ein Teil jeder Familienhistorie, der noch auf Abertausenden Dachböden liegt.