Tunis

Am 13. Januar, einem Freitagmorgen, ging Radhia Nasraoui zum Innenministerium, um nach ihrem Mann zu fragen. Er war am Tag zuvor verhaftet worden. Sofort schlossen sich ihr weitere Frauen an, ebenfalls um Nachrichten von ihren Ehemännern zu bekommen. Diese saßen alle in den Gefängniszellen des Ministeriums, denn dort wurden die politischen Häftlinge hingebracht.

Wer weiß, wie viele Menschen sich da unten aufhalten, sagte uns eine der Frauen auf dem zentralen Boulevard Bourghiba direkt vor dem Ministerium. Zu den Frauen gesellten sich nun auch Männer. Diese Tage standen in Tunesien ganz im Zeichen der Jasmin-Revolution, und es brauchte nicht viel, um den Protest zu entflammen. Die Polizei versuchte, die Frauen fern zu halten und Radhia Nasraoui ins Ministeriumsgebäude hinein zu holen, um zu verhindern, dass sich der Protest zu sehr ausbreitet.

Radhia ist nicht unbekannt. Sie ist eine der berühmtesten Anwältinnen in Tunesien, weil sie viele politische Häftlinge verteidigt hat – den Ehemann Hammi Hammami, Führer der verbotenen Kommunistischen Arbeiterpartei Tunesiens, der sehr oft im Gefängnis gelandet ist, aber auch all die anderen Regierungskritiker, Islamisten eingeschlossen.

"Auch wenn ich mit den Islamisten nicht einverstanden bin, verteidige ich sie. Es ist meine Pflicht, jeden zu verteidigen, der wegen seiner eigenen Meinung vor Gericht steht. Wenn wir demokratisch sein wollen, müssen wir alle verteidigen", sagt sie uns, als wir sie besuchen kommen. An ihrer Haustür sind noch die Spuren von den Schlägen der Gewehrkolben zu sehen, die die Polizisten hinterlassen haben, als sie ihren Mann verhaften kamen. Einen Tag nach der Demonstration ist Radhias Mann freigelassen worden, genau zu dem Zeitpunkt, als Ben Ali an Bord eines Flugzeugs flüchtete.

Seit Langem sammeln Radhia und andere Anwälte Dokumente über die Missetaten Ben Alis und seiner Familie. Was sie damit machen wollen? "Ich hoffe, dass Ben Ali und seinen Komplizen vor einem tunesischen Gericht ein gerechter Prozess gemacht wird. Wir verteidigen die Opfer."

Viele Frauen machen bei der Jasmin-Revolution mit. Im Übrigen ist Tunesien das einzige muslimische Land, das zumindest auf dem Papier die Gleichheit von Mann und Frau garantiert. Viele Frauenorganisationen engagieren sich für die Bürgerrechte. Aber auch in der Gewerkschaft, dem Tunesischen Allgemeinen Arbeiterverband (UGTT), sind viele Frauen vertreten – wie Faiza, Aktivistin in der Transportgewerkschaft. Sie ist bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben angestellt. Tagsüber arbeitet sie, doch sobald sie frei hat, nimmt sie an der Mobilmachung auf der Straße teil, geht noch bei der Gewerkschaft vorbei und organisiert nachts das Bürgerkomitee in ihrem Viertel. "Es gibt immer noch Milizen, die Unsicherheit sähen. Wenn ein verdächtiger Unbekannter hierher kommt, halten wir ihn auf und rufen die Soldaten." Faiza hat nicht einmal mehr Zeit zum schlafen. "Das ist die Revolution", antwortet sie.

Mag sein, dass es daran liegt, dass große Teile des Protests online organisiert werden. Jedenfalls sind in jedem Land, das von der Welle der Jasmin-Revolution berührt wurde, die Frauen so präsent wie nie zu vor. Sowohl Vorreiter als auch Opfer waren dabei die Frauen Algeriens in den finsteren neunziger Jahren, als Islamisten und Laizisten gewaltsam aufeinander trafen. Die Frauen haben verhindert, dass das Land sich in einen islamischen Staat verwandelt. Im Rückblick werden sie dafür geehrt.