Wer auf Missstände hinweist, wird des Rassismus bezichtigt – Seite 1

Diverse europäische Politiker haben in den vergangenen Monaten verkündet, dass der Multikulturalismus gescheitert sei; Angela Merkel ebenso wie Nicolas Sarkozy und zuletzt David Cameron. Diese Woche erst stieß ein christdemokratischer Minister der holländischen Regierung ins gleiche Horn. Auch die europäische Sozialdemokratie quält sich seit Jahren schon mit diesem Thema ab.

Leider bedienen sich die Kritiker desMultikulturalismusoft einer ungenauen Terminologie, die zur Verwirrung beiträgt und es leichter macht, das negative Urteil zurückzuweisen.Die Kritik wird deshalb oft missverstanden als Absage an die multikulturelle Realität schlechthin. Ob in Großbritannien, Deutschland oder Frankreich, wir leben allesamt in multiethnischen, multireligiösen und multikulturellen Gesellschaften. Es ist auch unbestreitbar, dass die Masseneinwanderung der letzten 50 Jahre zahllose positive Beispiele geliefert hat von Menschen, die sich ohne Verlust ihrer Identität mehr oder minder harmonisch eingefügt haben in ihre neuen Heimatländer.

Versagt hat jedoch eine Ideologie des Multikulturalismus, die überall in Europa in den vergangenen Jahrzehnten dominierte. Statt eine integrierte Gesellschaft zu schaffen, hat sie im Namen der Vielfalt die Differenzen zwischen den verschiedenen ethnischen Minoritäten institutionell und finanziell gefördert. Dadurch wurde entscheidend dazu beigetragen, Parallelgesellschaften entstehen zu lassen, die nun allerorten beklagt werden. Das Multikulti- Experiment wehrte sich gegen die Idee, dass es einer überbrückenden nationalen Identität bedürfe, basierend auf der Mehrheitskultur des jeweiligen Landes. Trevor Phillips, Chef der Human Rights Commission in Großbritannien und selbst Einwanderer aus der Karibik, merkte kritisch an, dass wir zu einer "ghettoisierten Gesellschaft" wurden.

Eine der eklatanten Schwächen liegt auch im moralischen Relativismus der multikulturellen Ideologie, der oft genug mit einer Kultur des westlichen Selbsthasses verbunden war. Alles war besser als die eigene Werte- und Gesellschaftsordnung. Woraus beinahe zwangsläufig folgte, dass man Einwanderern nicht die Pflicht abverlangte, Demokratie, Meinungsfreiheit und rechtsstaatliche Regeln ihrer neuen Heimat zu bejahen. Auch wurde ihnen nicht vermittelt, dass sie sich selbst um Integration bemühen müssten. Wozu unter anderem gehört, sich möglichst rasch die Sprache der neuen Heimat anzueignen, weil ohne diese Fähigkeit eine ökonomische Teilhabe nicht möglich ist.

Jahrzehntelang geschah das Gegenteil: In Großbritannien sahen Schulbehörden darüber hinweg, wenn Eltern ihre Kinder aus dem Unterricht nahmen, damit sie im fernen Pakistan Koranschulen besuchen konnten. Sozialarbeiter, Polizei und Aufsichtsbehörden verzichteten im Interesse des innerethnischen Friedens darauf, gegen die Unterdrückung muslimischer Frauen einzuschreiten, wie immer sie sich äußern mochte, ob in der grausamen Praxis genitaler Verstümmelung, in Zwangsehen (geschätzt an die 10.000 im Jahr), ob in der Entführung und Verheiratung junger Mädchen mit Vettern in Pakistan oder im Import von Bräuten aus Bangladesh, die nach ihrer Ankunft in England unter Burka oder Hijab verschwinden, nie Englisch lernen und oft genug die Sprachlosigkeit wieder an ihre Kinder weitergeben.

 

Eine Fernsehdokumentation, gefilmt mit versteckter Kamera in muslimischen Schulen in Birmingham und Keighley, enthüllte diese Woche, dass dort junge britische Muslime systematisch indoktriniert würden. Sie sollen Christen, Hindus, Juden und Gottlose als "Kuffars" hassen. Eine dieser Schulen, als "Eton des Islam" gerühmt, war 2009 erst von der Schulaufsichtsbehörde ausdrücklich dafür gelobt worden, "Toleranz und Verständnis für andere Religionen" zu lehren. Wenn Labourpolitiker, wie der frühere Innenminister Jack Straw oder David Blunckett auf Missstände aufmerksam machten und muslimische Einwanderer aufforderten, Englisch zu lernen oder anmerkten, Hijab und Schleier würden die Kommunikation erschweren, wurden sie des Rassismus bezichtigt.

Ausgerechnet an akademischen Institutionen finden sich besonders viele Zeitgenossen, die anderen das Recht auf Meinungsfreiheit verneinen. Das jüngste Beispiel dafür wurde Anfang der Woche in der London School of Economics geliefert, wo eine Debatte über Einwanderung und Integration unter anderen mit Thilo Sarrazin und dem Vorsitzenden des Islamrates, Ali Kizikalya, von einer verhuschten Universitätsleitung aus Sicherheitsgründen abgesagt wurde. Das ist längst kein Einzelfall: Immer wieder kommt es zu ähnlichen Absagen, aus Furcht vor Gewaltandrohung von radikalisierten Muslimen. Dank der schnellen Initiative der deutschen Studentenvereinigung an der LSE konnte die Debatte in einem privat angemieteten Ballsaal eines Hotels stattfinden.

Man braucht Sarrazins besonders kontroverse Thesen nicht zu teilen, um das Klima der Intoleranz bedrohlich zu finden, das sich in Großbritannien in der Debatte über Islam, Integration und Multikulti breit macht.