Eine 56 Jahre alte Steno-Kontoristin aus W. war regelmäßig Ihrem Beruf nachgegangen, obwohl sie hochgradige Alkoholikerin war. Dann mußte sie sich jedoch auf richterlichen Beschluß hin vier Jahre lang in der Heil- und Pflegeanstalt Eichstätt einer Entziehungskur unterziehen. Danach war sie dem Alkohol entwöhnt. Aber sie kann nicht mehr arbeiten. Die lange zwangsweise Unerbringung zusammen mit Geisteskranken hat sie unfähig gemacht, für sich selbst zu sorgen. Sie macht heute einen abwesenden, isolierten Eindruck.

Am 25. Februar 1967 berichtete die Offenbach-Post über folgenden Fall: Herr P. klingelte spätabends im Beisein seiner Frau eine Ärztin in Offenbach wegen eines Beruhigungsmittels aus dem Schlaf. Die Ärztin trat ans Fenster im zweiten Stock und wollte wissen, was Herr P. wünsche. Wegen der Entfernung kam es zu Verständigungsschwierigkeiten. Herr P. beschrieb das von ihm benötigte Medikament unter andrem als "in Wasser löslich", das genaue Wort sei ihm entfallen. Er rief hinauf, "Sie wissen doch, diese Lösung..." Die Ärztin im zweiten Stock verstand nur "Losungswort" und vermutete, daß sich der Mann an der Tür für "den lieben Gott" halte und stellte dementsprechend gleich die Diagnose. Wenig später fuhr ein Krankenwagen vor. Herr P. stieg ein in der Annahme, man bringe ihn zur Ambulanz in ein Krankenhaus, wo er das Beruhigungsmittel erhalten würde. Erst als ihm in der Heil- und Pflegeanstalt in Goddelau ein Pfleger den Arm auf den Rücken drehte und ihn in eine geschlossene Abteilung abführte, wußte er, daß etwas nicht stimmen konnte. Es gelang ihm aber auch in den folgenden Tagen nicht, den Stationsarzt über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Der sagte nur: "Hier steht´s doch schwarz auf weiß." Er bezog sich damit auf die Aussage der Ärztin.
Diese hatte Herrn P. zuletzt ein Jahr vorher wegen eines Armbruchs behandelt. Ihre jetzige Diagnose – "Geistesverwirrung, Geistesschwäche und Gefahr für sein eigenes Leben und das anderer" – stellte sie von Fenster aus. Frau P., die ihren Mann erst nach einer Woche besuchen durfte, beauftragte einen Rechtsanwalt mit dem Fall. Nach einem Monat wurde Herr P. – als Normaler rehabilitiert – entlassen.

Ein junger Alkoholiker aus F. unterzog sich ein halbes Jahr in einer geschlossenen Abteilung einer Heil- und Pflegeanstalt einer sogenannten Antabus-Entziehungskur. Sie besteht darin, daß der Patient, nachdem er schon längere Zeit keinen Alkohol mehr bekommen hat und durch die damit hervorgerufenen Entziehungserscheinungen (Zittern, Schweißausbrüche) geschwächt ist, plötzlich wieder Alkohol trinken darf – im Beisein des Arztes und nachdem er vorher Antabus-Tabletten eingenommen hat.
Die unmittelbare Wirkung (laut Pschyrembel Klinisches Wörterbuch besteht durch den plötzliche auftretenden Blutdruckabfall, durch Steigerung von Puls- und Atemfrequenz sogar Lebensgefahr): rasendes Herzklopfen und Angstzustände. Der Patient gibt bereits nach den ersten Schlucken unter Schmerzen und Krämpfen alles wieder von sich. Der Magen stülpt sich um, der Darm entleert sich. Im Fall des Alkoholikers G. belegte der beaufsichtigende Arzt den Patienten während der "Kur" mit Schimpfwörtern wie "Schwein" und hielt ihm vor: "Da sehen Sie, wie weit Sie der Suff gebracht hat." Die Erniedrigung gehört zu dieser Aversions-Therapie.
Die Antabus-Kur brachte einen Halbjahreserfolg. Danach trank G. die gleichen Mengen an Alkohol wie vor seinem Aufenthalt in der Anstalt. Die Anzeige eines Nachbarn wegen "Störung der Nachtruhe" – G. war öfter volltrunken nach Hause gekommen – brachte ihm erneut einen Einweisungsbeschluß. G. entzog sich einer zweiten "Antabus-Kur", indem er durch eine Überdosis Schlaftabletten Selbstmord beging.

Das um die Jahrhundertwende erbaute Philipshospital zu Goddelau in Hessen, so genannt seinem Stifter Prinz Philip zu Ehren, beherbergt 1300 Patienten. Geisteskranke und, ihnen gleichgestellt und mit ihnen zusammenlebend, Triebverbrecher, gescheiterte Selbstmörder – und Alkoholiker. Grund meiner Einlieferung: Alkoholismus, ich "gefährde mich und meine Umwelt". Aber es besteht Krankheitseinsicht, darum ist eine richterliche Einweisung nicht erforderlich. Ich bin freiwillig hier.

Ein höchst seltener Fall. Ein Alkoholiker, der zugibt, Alkoholiker zu sein und der eine Einschließung freiwillig auf sich nimmt, ist meinen Pflegern in Goddelau noch nicht begegnet. Sie nehmen mir das freiwillig jedenfalls nicht ab, denn "das sagen viele hier".
Ich unterschreibe bei der Einlieferung eine Erklärung, nach der ich damit einverstanden bin, daß ich von nun an der Anstaltsordnung unterstehe, und daß meine ein- und ausgehende Post vom Arzt eingesehen "und nach ärztlichem Ermessen zensiert werden kann". Da ich Freiwilliger bin, bleibt mir die sonst für jeden neu Eingelieferten obligatorische Beruhigungsspritze erspart.

Ich werde auf eine geschlossene Abteilung gebracht. Ein Pfleger nimmt mir Anzug, Hemd und Schuhe ab, damit ich "nachts nicht ausrücke". – Auch mein Geld muß ich gegen Quittung abliefern. Es ist 22.00 Uhr. Ich liege auf einem Eisenrohrbett, wie ich es von Krankenhäusern her kenne: die Umrisse des Saales im Halbdunkel. In dem etwa 7 mal 15m großen Raum stehen 30 Betten. Neben mir richtet sich ein älterer Mann im Bett auf und starrt mich an. "Ich werd' verrückt", sagt er, "du bist doch gerade vor zwei Nächten abgekratzt." Am nächsten Tag erfahre ich, was er gemeint hat. In meinem Bett soll vor kurzem jemand gestorben sein.

Die erste Nacht ist am schlimmsten. Ich kann nicht schlafen, obwohl ich vorher eine Flasche Weinbrand getrunken habe. Der Pfleger macht viertelstündlich seinen Saalrundgang. Er tritt an jedes Bett heran und manchmal beugt er sich über einen Schlafenden. Es sieht aus, als wolle er hören, ob der Patient noch atmet.

Trotz der Nachtzeit ist der Saal voll Stimmen. Abgesehen von gelegentlichem Ächzen und Stöhnen scheinen sich einzelne zu unterhalten. Aber bald merke ich, daß die Gespräche keine logischen, aufeinanderbezogenen Dialoge sind. Nur dem Rhythmus nach erfolgen Antworten. Es sind unverständliche Wort- und Satzfetzen, die nur in einem akustisch-assoziativen Zusammenhang zum Monolog des jeweiligen Nachbarn stehen.
Vom rechten Saalende her ruft eine dünne Stimme in gleichmäßigen Abständen "Hilfe", nicht übermäßig laut, fast automatisch. In der anderen Ecke des Saals versucht jemand, sich bemerkbar zu machen. Seine Stimme wird lauter und wieder leiser, lauter, leiser, immer abwechselnd, als koste es ihn Kraft, überhaupt zu rufen. Zuerst höre ich heraus: "Häb! Fleehe, häb’ Fleehe", dann verstehe ich, wonach er ruft: "Herr Fleecher, Herr Fleecher", etwa 50mal und dann lauter. "ich muß pissen, ich muß pissen." Als der Pfleger seinen Rundgang macht, ist der Patient ruhig.

 

Dafür schreit jetzt ein anderer: "Hol’ mich raus hier...", und er wiederholt einen Namen, den ich nicht verstehe. "Ich will raus, ich will endlich raus, laßt mich raus!" Sein Schreien wird immer lauter, Patienten sind davon wach geworden. Der Pfleger rollt das Bett des Schreienden auf den Flur. Vor dort dringt seine Stimme nur noch leise zu uns in den Saal.

Morgens um 7.00 Uhr ist Wecken. Von den 30 Betten im Saal sind 26 belegt. Sechs Patienten stehen nicht auf. Die Betten stehen in drei Reihen, dicht aneinander. In der dritten Reihe liegen besonders schwere Fälle. An diesen Betten sind seitlich Bretter abgebracht, damit die Patienten nicht aufstehen können.
Die in der dritten Reihe sind Pflegefälle. Sie werden vom Pfleger mehrmals am Tag trockengelegt und wie Kleinkinder gefüttert. Es sind Altersschwache, die von keinem Krankenhaus oder Altersheim aufgenommen werden und die hier au den Tod warten. Das dauert oft mehrere Jahre.

Zum Waschen schließt uns der Pfleger die Tür zum Flur und die Tür zum Waschraum auf. Die Tür zum Treppenhaus bleibt verschlossen. Die Türen haben keine Klinken; die Pfleger und Ärzte schließen und öffnen sie mit Spezialschlüsseln. Auch Fenster haben keine Griffe. Sie werden selten geöffnet. Die Fensterrahmen sind aus Eisen, ohne Scheiben wären es Gitter. Der Raum neben dem Schlafsaal ist Speise- und Aufenthaltsraum zugleich. Hohe Fenster ohne Vorhänge. Aus den Fenstern blicken wir auf den Anstaltshof. Da schwimmen Goldfische in einem Bassin, das etwa die Größe unseres Raumes hat. An der Wand unseres Raumes klebt ein Kelch, aus Silberpapier geformt. Keiner weiß, wer ihn hier angebracht hat. Von einem Pfleger erfahre ich, daß ein Patient in der Anstalt lebt, der sich für Gott hält. Wenn Kommissionen erscheinen, wird er vorgestellt. Wenn er dann den Anstaltsleiter fragt, wann er denn wieder in die Welt entlassen werde, antwortet der ihm. "Das geht nicht. Was sollen wir denn ohne Herrgott machen?" – Vielleicht stamme der Kelch von jenem "Gott", sagt der Pfleger, dieser Mann sei bereits in unserer Abteilung gewesen.

Zwei Polstersessel, der eine kann in eine Liege verwandelt werden, stehen an der Wand. Herr P., ehemals gut verdienender Beamter und nun Rentner, hat sich vom Überschuß seiner Rente – DM 425, – behält die Anstalt monatlich an Unterbringungs- und Pflegekosten ein – die beiden Sessel herkommen lassen. Mit Sondergenehmigung des Arztes.

Herr P., der Nichtraucher ist – Rauchen ist sonst das einzige erlaubte Laster hier – macht es sich in den Ruhepausen in seinen Sesseln bequem, und wenn er "überarbeitet" ist, läßt er nicht zu, daß ein anderer neben ihm in dem freien Sessel Platz nimmt.
Herr P. ist unser Bettenbauer. Mit bewundernswerter Akkuratesse macht er morgens und nach der Mittagspause das Bett jedes einzelnen. Er habe es beim Kommiß gelernt, sagt er, nichts sei umsonst im Leben, nichts sei umsonst.

Um 8.00 Uhr wird das Frühstück hereingefahren. Wir sitzen zu sechst an einem Tisch. Die Tischdecken werden zu den Mahlzeiten abgenommen. Ein älterer Herr macht mich darauf aufmerksam, daß ich seinen Platz eingenommen habe. Er sitze dort seit acht Jahren, und da könne ich ihn nicht so einfach vertreiben. Er sagt es ohne Nachdruck und lächelt dazu, aber als ich nicht sofort aufstehe, zeigt er erregt auf einen freien Stuhl am Nebentisch.
Dort sitze ich jetzt mit vier Alten zusammen. Meinem Gegenüber rinnt der Speichel in langen Fäden aus dem Mund, er knetet das Brot mit den Fingern im Kaffee und führt dann den Mund zur Tasse.

Vom Eßsaal, ebenso wie vom Schlafsaal aus, haben wir Einblick in die Toiletten. Da hocken sie zu dritt nebeneinander auf den Becken. Keine Brillen, auch die Türen fehlen. Seitlich sind zwar Trennwände, aber sie sind so niedrig, daß einer den anderen sieht. Ich kann mich während meines Aufenthaltes nicht daran gewöhnen, oft warte ich bis nachts, dann kann mich nur der Pfleger von seinem Platz aus beobachten, aber ich glaube, er merkt, daß ich mich schäme, und sieht weg. Wenn man auf dem Klo sitzt, stören diejenigen am meisten, die aus anderen Gründen den engen Toilettenraum betreten. Sie waschen sich das Gesicht oder die Hände oder trinken einen Schluck Wasser, denn der Waschraum wird nur morgens aufgeschlossen. Der kleine Debile mit seiner nach oben gezogenen Stirn, der stets mürrisch und gereizt ist und Kalfaktordienste verrichtet, geht im Toilettenraum ein und aus. Er spült die Trinkbecher, kommt mit jedem Becher einzeln herein, spült ihn und trägt ihn wieder hinaus. Er nimmt seine Tätigkeit sehr ernst. Gestank und Geräusche stören ihn oft bei seinen Aufgaben. Dann macht er seinem Ärger Luft. Er stellt sich vor einen, klatscht in die Hände und sagt: "Mach mal voran" oder "jetzt sitzt du schon sechs volle Minuten hier". Und er zeigt stolz auf seine Armbanduhr.

 

Meine Umgebung in der Anstalt bedrückt mich. Ich stelle fest, wie mir alles gleichgültig wird. In den ersten Tagen deckte ich den Klorand noch mit Zeitungspapier ab, bevor ich mich draufsetzte, jetzt lasse ich es. Den elektrischen Rasierapparat, der für alle da ist, benutze ich jetzt, wie ihn alle benutzen. Anfangs hatte ich immer noch abgewartet, bis sich jemand damit rasierte, dessen Haut nicht den typischen Anstaltsausschlag hatte. Dann säuberte ich den Apparat noch sorgfältig außen und innen mit dem Anstaltstaschentuch, ehe ich damit über meine Haut ging. Jetzt ist es mir gleichgültig. Ich rasiere mich überhaupt nur noch, wenn der Pfleger mich dazu auffordert, alle zwei, drei Tage.
Ich stelle plötzlich fest, daß ich einfach dasitze und vor mich hindöse: vor zwei Stunden gab's das letzte Mal was zu essen, was war das noch? –
Das Frühstück und die anderen Mahlzeiten sind reichlich. Die Bestecke sind aus Plastik, damit sich keiner selbst und andere damit verletzt. Die meisten essen nicht, um satt zu werden, sie essen, um zu essen. Das Essen ist Ersatz für alles, was sie hier entbehren. Drei Gänge sind es in der Regel, und dreimal in der Woche gibt es Butter. Jeder kann vom normalen Essen nachholen so viel er will. Das Essen hält den Tag zusammen. Sonst bietet er nicht viel. Höchstens Aufundabgehen. Aber die meisten sitzen und liegen herum.

Fast alle Langjährigen haben sich mit der Zeit dicke Bäuche angegessen. Ein Neueingelieferter, Herr H., hat in der ersten Woche 16 Pfund zugenommen, und man kann nicht sagen, daß er besonders ausgehungert hier ankam.
Kurz vor der Essenszeit greifen die meisten nach einem Teller und stellen sich in einer Reihe auf. Trifft das Essen einige Minuten später ein als gewöhnlich, kommt Unruhe in die Reihe. Einer schubst den anderen vorwärts, oder jemand wird aus der Reihe gedrängt und muß sich hinten neu anstellen. Der Mund eines Alten beginnt zu mahlen, wenn der Essenstopf auf den Tisch gestellt wird. Als er seine Suppe löffelt, rinnt ihm die Hälfte an den Mundwinkeln herunter. Der Pfleger wird nach dem Essen mit dem Lappen kommen und die Lache vom Boden aufwischen.
Nach den Mahlzeiten gehen einige ihre Route im Aufenthaltsraum. Das ist kein Spazierengehen, kein Gehen auf ein Ziel zu. Man geht, um zu gehen, jeder seinen raumbedingten Weg: 12 Schritte und dann 7 Schritte im rechten Winkel, mehr ist nicht drin, die Diagonale ist wegen der Tische nicht möglich. Jeder Gang endet an der gegenüberliegenden Wand. Wenn sich zwei begegnen, geht einer am andern vorbei, ohne den Blick zu heben oder zu senken, keine Gespräche, kein Aufundabgehen gemeinsam, jeder für sich.

Zeitschriften liegen aus und Lesemappen, in der Regel mehrere Jahre alt, das macht nichts. Für die meisten ist die Zeit stehengeblieben, seit sie hierhergekommen sind.
Auch die Kleidung der meisten ist aus der Mode. Einige tragen noch immer die Sachen, mit denen sie eingeliefert worden sind: das Neueste von damals, in zwischen verwaschen, verschlissen und ausgefasert. Die Patienten könnten sich von der Anstalt andere Sachen geben lassen, die dann zwar auch nicht neu wären, sondern abgelegt, Spenden meist oder billig aufgekaufte Lagerbestände. Aber sie hängen an ihren eigenen alten Sachen, dem einzigen oft, was sie noch mit ihrem früheren Leben verbindet.
Die Anstaltsbibliothek bleibt unserer Abteilung verschlossen. Einzelne lasen die Bücher nicht, sondern zerrissen sie oder verstopften das Klosett damit. Einige trennten auch nur die Seiten heraus, die sie besonders beeindruckt hatten und bewahrten sie unter ihrem Kopfkissen oder in der Nachttischschublade auf.

Morgens, nach 10.00 Uhr, ist Visite. Dann kommt Bewegung in die vor sich hin dösenden Gestalten. Sie stehen auf, und der Doktor reicht jedem einzelnen die Hand. Dann erwachen längst begrabene Hoffnungen. "Herr Doktor, wann komm ich endlich raus?" – "Nun", sagt der Arzt beruhigend, "erst müssen wir mal ganz gesund werden. Sie wissen ja, ich kann mich da überhaupt nicht festlegen, ob’s nun noch ein halbes Jahr dauert oder noch ein oder zwei Jahre, das müssen wir abwarten." Als ihn ein Patient erregt stotternd fragt. "Vor zwei Jahren sagten Sie, ich käme in zwei Jahren raus. Wann komm ich denn jetzt wirklich raus?", spricht der Arzt leise mit dem Pfleger. "Ja", sagt er dann sanft, "ich weiß, ich weiß, bei Ihnen ist’s doch so, daß Sie keinen mehr draußen haben. Und ohne Arbeit und ohne Wohnung kann ich das nicht verantworten. Sie haben’s doch gut bei uns, oder etwa nicht?" – "Ja schon", antwortet der Patient, und der Arzt begrüßt bereits den nächsten.

So macht er allmorgendlich seinen Rundgang, begrüßt die Langjährigen wie alte Bekannte, klopft ihnen auf die Schulter, erkundigt sich: "nun, wie geht’s?" und mit der Antwort: "gut" oder, sehr selten, "schlecht", lässt er es bewenden. "Kopf hoch" oder "wird schon wieder werden", - "alles halb so schlimm" oder "wir werden doch nicht gleich..."
Er spricht ihnen Mut zu, wie man Kindern Mut zuspricht. Er verspricht auch schon mal Konkretes: "Sie machen ja wieder ein ganz freundliches Gesicht. Nur weiter so, und ich schicke Sie bald wieder in die halboffene Abteilung."

Ich beginne langsam zu fürchten, die Anstalt nicht mehr normal zu verlassen. Ich registriere, wie ich mich anpasse und unsinnige Reaktionen entwickele. Beim Mensch-ärgere-Dich-nicht mit zwei Patienten und dem Pfleger verstelle ich dem Pfleger die Steine, als er das Spiel unterbricht, um seinen Rundgang zu machen. Er tut so, als habe er nichts bemerkt, und spielt weiter. Dann wirft er plötzlich die Steine um und fragt: " Sagten Sie nicht, Sie seinen freiwillig hier? Das ist der Opa hier doch auch." Der bejaht freudig und nimmt die Gelegenheit wahr, um sich für den nächsten Tag, Punkt 9.00 Uhr, mit mir zu verabreden, um gemeinsam auszubrechen.

Wir wollen uns die Taxifahrt teilen. Ich rechne aus, was die Fahrt kostet, es ist ihm zuviel. "Das übernehme ich", sage ich großzügig. Das will er aber auch wieder nicht. Wir streiten uns, ob wir mit dem Taxi oder mit der Eisenbahn fahren. In den folgenden Tagen spricht er mich wiederholt an, wann wir denn nun endlich führen, ich gehe jedes mal darauf ein und verabrede mich mit ihm auf den nächsten Tag.

Da ist der lange N. - wenn er am Tisch sitzt und nicht isst, raucht er, und wenn er weder isst noch raucht, liegt er auf einer der Liegen. Er kann stundenlang in gekrümmter Haltung auf derselben Stelle liegen oder ebenso lange unbeweglich auf dem gleichen Fleck sitzen. Manchmal stöhnt er auf und wenn ich frage, was ihm fehle, winkt er ab.
Er merkt oft nicht, wenn ihm die Zigaretten bis auf die Finger abbrennen. Wenn N. seine 10 Mark Taschengeld – die jedem Patienten aus dem Wohlfahrtsfonds monatlich zustehen – für Zigaretten aufgeraucht hat, sucht er sich aus den Aschenbechern Kippen und Tabakreste zusammen und dreht sich neue davon. Das ist nichts Besonderes hier. Das Rauchen ist zwar erlaubt, aber das Besitzen von Streichhölzern oder Feuerzeugen ist streng verboten. Die Pfleger sind es manchmal, besonders in den Abendstunden, leid, fortwährend Feuer zu geben, außerdem noch aus ihren Privatfeuerzeugen. Dann holt sich einer an der Zigarettenglut des anderen Feuer.

Die meisten Patienten sind wie N. - sie sind abgestumpft, wissen oft nicht, wo sie in Wirklichkeit sind. Hatten sie vor ihrer Einlieferung noch starke Emotionen, die ihnen in ihrer Umwelt zum Verhängnis wurden, so wurden sie hier durch starke Medikamente blockiert.

 

Wenn jemand von den Patienten verlegt wird, wird das kaum beachtet, auch wenn er bereits jahrelang auf derselben Station gewesen ist. Er erfährt es auch meist erst, wenn er weggeholt wird. Der Pfleger sagt: "So, gehen Sie mal mit, Sie kommen jetzt woanders hin." Der Patient nimmt seine paar Sachen und folgt dem Pfleger, ohne sich von den anderen Kranken zu verabschieden.

Aber es sind auch andere da, die bewusst ihre Umwelt erleben. Es dauert nur einige Zeit, bis ich sie kennenlerne. Jeder der sich über seine Situation hier im klaren ist, weiß, was immer er auch sagt, tut oder auch nicht tut, es wird ihm als typisch geisteskrank ausgelegt. Also wird er versuchen, sich möglichst unauffällig zu verhalten.

Der Selbstmörder wurde nach altem englischen Recht bis in das 19. Jahrhundert hinein verfolgt. Mißlang sein Versuch, aus dem Leben zu gehen, stellte man ihn vor Gericht, klagt ihn des Mordes an und fällte das Todesurteil über ihn. Im Frankreich der gleichen Zeit galt der Selbstmord als weniger schändlich. In manchen Orten wurde Gift auf Antrag von den Behörden als Lebensmüde ausgegeben: im alten Marseille lieferte der Stadtrat das Gift frei Haus, wenn zuvor zwingende Gründe für den Freitod glaubhaft gemacht wurden.

Heute scheint man einen Mittelweg gefunden zu haben: Ich lerne Herrn D. während meines ersten Hofspazierganges kennen. Ich bin seit drei Tagen in der Anstalt. Heute ist der erste schöne Tag, darum wurden wir in Begleitung von zwei Pflegern für eine Stunde auf den Hof geführt. (Bei Regenwetter am frühen Nachmittag entfällt der Hofspaziergang.) Gitterzäune teilen das Anstaltsgebäude nach Stufen des Irrsinns ein. Das gesamte Gelände ist von der Anstaltsmauer umgrenzt, dahinter eine Straße.
Ich sitze neben Herrn D. auf einer der Bänke, als er unvermittelt erzählt, wie er hierherkam.

Herr D. ist 63. Das ist ein Alter, in dem man schon mal zurückblickt im Leben. Und Herr D. stellte fest, dass er es zu nichts gebracht hatte. Was der unmittelbare Anlass für seinen Entschluss gewesen sein mag, wird er allein wissen. Herr D. Hatte alles im Leben "halb und falsch" gemacht, wie er sagt. Einmal wollte er etwas ganz machen. Damit auf keinen Fall etwas schiefging, nahm er erst eine Überdosis Schlaftabletten und legte sich anschließend den Strick um den Hals. Aber der Ast, an dem er den Strick befestigt hatte, hielt sein Gewicht nicht und brach ab. Und das Herz hielt den Schlaftabletten stand. Zwei Tage später fand die Polizei Herrn D. So kam er nach Goddelau. Nur: in solch einer Anstalt wird Herrn D. die Freude am Leben nicht wiedergeschenkt. Aber wohin mit ihm? - Draußen hat er keinen, der sich um ihn kümmert. Und der Arzt beschwichtigt ihn, wenn er ihn nach der möglichen Dauer seines Aufenthaltes fragt: "Bei uns sind Sie doch vorerst gut aufgehoben."
Herr D. befürchtet, dass aus dem vorerst ein dauernd werden kann. Der Arzt beurteilt die Unterbringung eines Patienten nicht allein nach medizinischen Gesichtspunkten, sondern ebenso sehr nach sozialen. Könnte Herr D. der Gesellschaft zur Last fallen, wenn er draußen wieder auf eigenen Beinen steht?

Das Sozialamt hat ein Wort mitzureden, ob Herr D. jemals wieder rauskommt. Der Arzt hat ihn vor einigen Tagen gefragt: " Haben Sie da schon einmal mit zu tun gehabt? Ich muss mich da nach Ihnen erkundigen." - Herr D. befürchtet das Schlimmste. Vor einigen Jahren bezog er eine ganze Zeit lang Fürsorgeunterstützung, als er seinen alten Arbeitsplatz verloren und so schnell keinen neuen gefunden hatte.

Und was ihn seine Lage fast hoffnungslos erscheinen und ihn nachts oft nicht schlafen lässt, hat ein Gespräch mit dem alten Herrn L. bewirkt, der seit 8 Jahren den gleichen Platz am Esstisch einnimmt und das 13. Jahr in der Anstalt ist. Herr L. war vor 13 Jahren in der gleichen Situation, in der Herr D. jetzt ist. L. war damals 58, als er von einer Brücke sprang. Aus Geschäftsgründen. Seine Firma war bankrott. Auch dieser Selbstmord klappte nicht. Sein Pech war, dass er allein dastand. Herr L. kam in die Anstalt. Und da er seine Existenzgrundlage verloren hatte und somit Wiederholungsgefahr bestand, behielt der Arzt Herrn L. da. Seit 13 Jahren.
Warum er nicht in ein Altersheim gekommen ist, in das er doch viel eher gehört – er ist geistig noch sehr rege, liest viel und kann überall mitreden – dafür gibt er sich selbst die Erklärung: "Es fehlen in Hessen 10.000 Plätze in Altersheimen."
Als Herr D. Herrn L. fragt, ob er nicht doch noch eine Möglichkeit sähe, wie der herauszukommen, winkt dieser ab. "Was sollte ich jetzt draußen machen? Dafür ist es längst zu spät."
Und als Herr D. nachbohrt, ob eventuell Geschäftspartner oder Verwandte daran interessiert gewesen sein könnten, ihn in der Anstalt zu wissen, legt der ältere Herr seinen Finger auf den Mund. "So etwas oder Ähnliches dürfen Sie hier nie äußern, dann legt man Ihnen das als Verfolgungswahn aus."

 

Besonders aufschlussreich ist folgender Fall, von dem Herr L. erzählt: ein als gemeingefährlich eingelieferter Alkoholiker sei nach einem halben Jahr auf Betreiben seines Rechtsanwalts wieder entlassen worden. Dem Anwalt sei es gelungen, nachzuweisen, dass die Ehefrau sich selbst Stichwunden beigebracht und beim Gesundheitsamt vorgesprochen habe, um ihren Mann loszuwerden. Der Mann sei in Wirklichkeit kein Alkoholiker gewesen.

Am 5. Tag wird ein Neuer zu uns strafversetzt. Er ist kaum über 20 und sehr unruhig: wirft, als ein Pfleger einmal kurz ein Fester öffnet, seinen gesamten Besitz: Pullover, Taschentücher und Handtücher hinaus und versucht, selbst hinterher zu springen. Aber dafür ist der Fensterspalt zu klein.
Der Neue läuft wie ein gefangenes Tier durch den Saal und stößt Verwünschungen aus. "Schlimmer als Zuchthaus" … "Verbrecher" … "Verrecken" … ist zu verstehen und dann noch: "Ich wünschte, ich wär tot." Eine kaum verkrustet Fleischwunde unter seinem rechten Auge kratzt er sich auf, bis ihm das Blut übers Gesicht läuft. Ich versuche ein paarmal mit ihm zu reden, aber er reagiert nicht. Er verweigert 2 Tage lang das Essen mit der Begründung: "Kräht doch kein Kahn danach. Wie verrecken."
Am zweiten Tag biete ich ihm eine Zigarette an. Bruchstückweise erfahre ich, dass er Epileptiker uns seit seinem 12. Lebensjahr in der Anstalt ist. Seine Schwester ist im Frauenbau.
Das vermutlich auslösende Moment seiner derzeitigen Erregungszustände erfahre ich ebenfalls. Er war einer Arbeitskolonne auf dem Anstaltshof zugeteilt. (Für ein Päckchen Tabak pro Woche bestellen Patienten die Felder, melken die Kühe und lassen sich sogar als Zugvieh vor die Pflüge spannen.) Auf dem Bauernhof versuchte er, sich einer jungen spanischen Hilfspflegerin zu näher, die ihm gefiel. Sie lachte ihm auch zu, doch als er ihr zu nahe trat, muss sie sich bedroht gefühlt haben und rief um Hilfe. Männliche Aufseher erschienen und warfen ihn zu Boden. Dabei hat er sich auch die Gesichtsverletzung zugezogen, wie er sagt. Als ihn am 2. Tag seines Aufenthalts in unserer Abteilung ein Pfleger hart angepackt und mit Gewalt versucht, ihn aus dem Schlaf in den Tagesraum hinüberzuschieben, schlägt der Epileptiker um sich. Der Pfleger betätigt die Alarmklingel. Drei weitere Pfleger aus unserem Bau sind gleich zur Stelle, und zu viert stecken sie den sich Wehrenden in eine Zwangsjacke aus Sackleinen. Mit den daran befestigten Riemen schnallen sie ihn an sein Bett, nachher zittert er am ganzen Körper, zuletzt liegt er ruhig da und wimmert nur noch leise.

Am Abend ist er wie verändert. Er liegt immer noch in der Zwangsjacke ans Bett gefesselt, aber seine Augen leuchten und sein Gesicht hat einen fast verklärten Ausdruck. Er spricht hastig und betont jedes Wort: "Guck dir das an, die Wände sind lauter Tabakpäckchen, alles verschiedene Sorten. - Dreh die Wasserleitung auf. Da fließt Milch und Nescafé raus - Der Hof ist mit Streuselkuchen gepflastert." Und er zeigt auf den Anstaltsfriedhof hinter der Mauer, wo die Gräber alle die gleichen Grabsteine tragen: "Der Baum da vorm Friedhof, Mensch hab ich ein Glück, hängt voller Personalausweise."

Mit den Personalausweisen hat das seine besondere Bewandtnis. Er ist bisher dreimal aus der Anstalt ausgebrochen. Jedes mal wurde er nach wenigen Tagen von der Polizei aufgegriffen und in die Anstalt zurückgebracht. Er konnte sich nie ausweisen, weder mit seinem richtigen noch mit einem falschen Ausweis. Den richtigen Ausweis bewahrt die Anstaltsleitung für ihn auf, und von falschen Ausweisen kann er höchstens träumen.
Ich habe Besuch von meiner Frau gehabt. Der Pfleger holte mich aus dem Aufenthaltsraum und führte mich in ein kleines Zimmer, in dem meine Frau wartete. Er ging hinaus, ließ aber die Tür offen. Ich wusste zuerst nicht, was ich sagen sollte, und als ich sprach, flüsterte ich.
"Ist was Besonderes?" fragte meine Frau, worauf ich stumm den Kopf schüttelte. Ich glaube, ich benahm mich sehr merkwürdig, als wir uns verabschiedeten. Die Besuchszeit war um und der Pfleger stand dabei, ich gab ihr linkisch die Hand, als ob wir uns kaum kennen würden. Der Pfleger fasste mich am Arm und führte mich in den Tagesraum zurück, da fühlte ich mich erleichtert. Vorher musste ich ihm noch die Sachen vorlegen, die mir meine Frau mitgebracht hatte.
Die meisten auf der Station bekommen keinen Besuch mehr. Sie sind für die draußen so gut wie gestorben.
Die meisten Patienten unserer Abteilung waren vorher schon im U-Bau, so genannt seines u-förmigen Grundrisses wegen. Er ist die berüchtigste Abteilung der Anstalt. Die Regel ist, dass jeder richterlich Eingewiesene erst einmal eine zeitlang im U-Bau verbringt, bis er gefügig geworden ist. Ich komme nicht dorthin, da ich freiwillig hier bin; anderen Alkoholikern bleibt er nicht erspart. Manche sind bis zu zwei Jahren im U-Bau. Diese Zeit kann ausreichen, um den Verstand zu verlieren, falls man ihn bei der Einlieferung noch gehabt hat.

Vor kurzem soll dort ein 19-jähriger homosexueller Patient einen anderen Patienten geknebelt und vergewaltigt haben, ohne dass der Pfleger etwas davon bemerkte. Ein Patient ist da, weil er seine Frau nachts umgebracht hat und sich am nächsten Morgen nicht daran erinnerte. Ein anderer, weil er seiner Frau aus Eifersucht die Nase abbiss.

Fragt man einen bestimmten Patienten, warum er dort sein, antwortet er: "Weil ich Kartoffeln gestohlen habe", und er verschweigt, dass der den Bauern, der ihn dabei erwischte, tötete. Patienten, die schon im Zuchthaus waren, halten den U-Bau für "schlimmer als Zuchthaus". Herr H., jetzt bei uns, war einige Wochen im U-Bau. Er hat sich richterlichen Beschluss einer zweimonatigen Beobachtungszeit zu unterwerfen, weil er einen schweren Verkehrsunfall verursacht und sich anschließend auf der Polizeiwache renitent verhalten hat. Seine Einlieferung wird er kaum vergessen. Man hatte ihm gesagt, er komme in ein normales Krankenhaus auf die "neurologische Abteilung", damit er sich während der Fahrt ruhig verhielte. Im U-Bau zogen ihn erst einmal zwei Pfleger nackt aus und steckten ihn in ein weißes verwaschenes Anstaltshemd, das ihm gerade bis zur Hüfte reichte. Selbst Ehering und Brille musste er abgeben. Er weigerte sich, Medikamente einzunehmen, worauf ihm die Pfleger unter Zwang drei Spritzen verpassten. Zwei Pfleger warfen ihn auf ein Holzbett, drehten ihm die Hände auf den Rücken und hielten ihn fest. Ein dritter setzte die Spritze intrapopolär, so ungeschickt oder auch mit Absicht – ein Pfleger verriet ihm später mal: "Wenn wir merken, dass uns ein Patient absichtlich dumm kommt, verpassen wir ihm eine Spritze in den Ischias-Nerv" -, dass sein Bein drei Tage steif und geschwollen war und er jetzt noch Schmerzen spürt, wenn er das Bein beugt.
Nachts musste Herr H. hören, dass Menschen "wie Hyänen und Löwen brüllen können", und tagsüber musste er mit ansehen, wie ein sadistischer Pfleger einem Schwachsinnigen in die Hose griff und ihn zum Gaudi der anderen Patienten am Penis durch den Saal führte.

Zwei Briefe von ihm an Dr. Binsack, den Leiter der Anstalt, blieben unbeantwortet. Zum Glück wurde Herr H. von einem Patienten, der irgendwie an Alkohol gekommen und stark angetrunken war, im U-Bau zusammengeschlagen und aus diesem Grund in unsere Abteilung verlegt.

 

Bei uns sieht es anders aus: die Behandlung durch die Pfleger ist besser als in manchen Krankenhäusern. Aber auch das ändert nichts daran, dass Alkoholiker in dieser Umgebung kaum gesund werde können. Wir haben einen Einarmigen auf der Station, der seine Prothese nicht tragen darf, aus Sicherheitsgründen. Den linken Unterarm hat er sich im letzten Krieg mit einer Handgranate selbst weggesprengt. "Es war an der Front, und unsere Kompanie wurde von Tag zu Tag kleiner. Ich sagte mir, besser ein Arm als ganz tot." Sein den Umständen entsprechend "vernünftiger" Entschluss sei mit daran schuld, dass er hier "zum Irren abgestempelt" sei.
Vor kurzem erst erfuhr der Einarmige vom Tod seiner Frau, beiläufig auf einer Urlaubskarte eines früheren Arbeitskollegen. Dieser schrieb ihm, wie schmerzlich es für ihn sein müsse, dass seine Frau vor einem Vierteljahr so plötzlich verstorben sei. Er wusste es nicht, und obwohl sich seine Frau – wie da bei so langjährigen Fällen häufig der Fall ist – von ihm hatte scheiden lassen, traf es ihn sehr. Er bekam "Schwermutsanfälle" und weinte auch gelegentlich. Der Arzt wertete das als erneutes "Krankheitssymptom". Er verlegte ihn von einer halboffenen Abteilung zu uns in die Geschlossene. Oft spricht er von seinem zwölfjährigen Jungen, er hat von ihm vor fünf Jahren zum letzten mal etwas gehört.

Im Stockwerk unter uns ist ein Patient ausgebrochen. Beim Hofspaziergang ist er über die Mauer gesprungen. Aber er hatte anderen von seinem Vorhaben erzählt, und die Polizei wusste, wo sie ihn zu suchen hatte. Er wollte den Geburtstag seines Kindes zu Hause feiern. Zu Hause erwartete ihn bereits die Polizei seines Heimatdorfes und brachte ihn, noch ehe er sein Kind gesehen hatte, in die Anstalt zurück.

Ich bin neun Tage hier. In dieser Zeit ist ein Patient gestorben. Nachts hörte ich über längere Zeit ein Geräusch, wie das Gurgeln der Wasserleitung. Am nächsten Morgen stand ein Bett weniger da. Ein zweiter Patient liegt jetzt im Sterben.

Der Arzt hat mir keine Medikamente verordnet, da mein Alkoholismus noch im Anfangsstadium sei. Er bedauert, dass die Unterbringung so "wenig schön" sei. "Deutschlands psychiatrische Kliniken stehen an letzter Stelle in ganz Europa." - Von einem Pfleger erfahre ich, dass vor zwei Jahren plötzlich der Etat gekürzt worden sei und das Geld für die notwendigsten Medikamente gefehlt habe. "Da mussten wir dreimal soviel anschnallen wie üblich." Als ich entlassen werden will, gibt es Schwierigkeiten. Ein neuer Arzt ist da. Er hält eine "mindestens vierteljährige Entziehungszeit" für erforderlich, alles darunter habe keinen dauerhaften Erfolg. Meine Freiwilligkeitserklärung hätte mir bei meinem Entlassungsgesuch nichts genützt, denn wenn es der Arzt für erforderlich hält, kann er jederzeit eine richterliche Einweisung nachträglich erwirken. Er braucht nur zu diagnostizieren, dass der Patient für sich und seine Umwelt eine Gefahr darstelle. Meine Frau holt mich schließlich heraus. Sie erklärt dem Arzt auf Befragen, dass ich sie nicht geschlagen habe und im allgemeinen ein verträglicher Mensch sei.
Sie hätte nur anzugeben brauchen, sie fühle sich von mir bedroht – und ich wäre ein Langjähriger von Goddelau geworden.

Aus: Günter Wallraff – 13 unerwünschte Reportagen, erschienen im KiWi Verlag