Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima-1 kommt es jetzt offenbar darauf an, eine teilweise eingesetzte Kernschmelze einzudämmen, um einen Super-GAU zu verhindern. Die japanische Regierung teilte mit, im Reaktorblock 2 seien die Brennstäbe "vorübergehend" geschmolzen. Darauf deute die im Wasser des dortigen Turbinengebäudes entdeckte hochgradige Radioaktivität hin, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Man glaube aber, dass der gefährliche Prozess gestoppt sei, ergänzte er.

Zum Zeitpunkt der zeitweisen Kernschmelze gab es zunächst keine genauen Informationen. Fachleute hatten schon seit Beginn des Unglücks vor gut zwei Wochen mehrfach vermutet, dass Reaktorkerne so stark überhitzt gewesen sein könnten, dass eine Schmelze begonnen haben könnte. Die japanische Regierung teilte lediglich mit, der Prozess habe vermutlich bereits kurz nach den Ereignissen vom 11. März stattgefunden.

Die Betreiberfirma Tepco zufolge hat sich in mehreren Kontrollschächten eines unterirdischen Kanals, der aus dem Turbinengebäude des Reaktors hinausführt, Wasser angesammelt, dessen Radioaktivität bei 1000 Millisievert pro Stunde liege. In Deutschland beträgt die normale natürliche Strahlung etwa zwei Millisievert pro Jahr. Die Kontrollschächte des Kanals, in dem Kabel und Abwasserleitungen verlaufen, befänden sich rund 60 Meter vom Meer entfernt, sagte ein Tepco-Sprecher. Möglicherweise sei verseuchtes Wasser in den Ozean gelangt. "Wir sind dabei zu prüfen, ob das Wasser direkt in Kontakt mit dem Meer gekommen ist", sagte der Sprecher.

Tepco hatte seine Angaben zu den Strahlenwerten in dem Wasser von Reaktor 2 am Sonntag korrigieren müssen und spricht jetzt noch von einer 100.000fach höheren Konzentration als normal. Zuvor war gemeldet worden, die Strahlung sei 10 Millionen Mal höher als sonst. Regierungssprecher Edano kritisierte Tepco scharf für den Umgang mit den Messwerten. Das sei "inakzeptabel", sagte er. Die Regierung habe Tepco angewiesen, dies nicht zu wiederholen.

Tepco rechnet eigenen Angaben zufolge mit langwierigen Arbeiten an Fukushima-1. Leider gebe es keinen konkreten Zeitplan, um klar zu sagen, in wie vielen Monaten oder Jahren die Krise vorbei sei, sagte der Vizepräsident des Unternehmens, Sakae Muto. Der Atom-Experte Najmedin Meshkati von der University of Southern California sagte, die Situation sei deutlich ernster, als angegeben. "Das ist deutlich mehr als das, was eine Nation alleine bewältigen kann." Meshkati forderte ein Eingreifen des UN-Sicherheitsrates.

Die Schlampereien bei Tepco verstärken die Angst der Menschen in der Unglücksregion. Viele beklagen, sie seien nicht gut genug informiert über die Verstrahlung und die möglichen Folgen für ihre Gesundheit.

Vier der sechs Reaktoren der Atomanlage Fukushima-1 (Daiichi) an der Ostküste Japans. Die Gebäude der Blöcke 1, 3 und 4 sind nach Wasserstoffexplosionen schwer, der des Reaktors 2 leicht beschädigt. Die Sicherheitsbehälter (Containments) von Block 2 und vermutlich auch 3 sind beschädigt. Sie bestehen aus Beton und Stahl und sollen die Druckbehälter mit den radioaktiven Kernbrennstäben von der Umwelt abschirmen. Experten gehen davon aus, dass in allen vier abgebildeten Blöcken eine partielle Kernschmelze bereist stattfinden könnte. In allen Reaktoren (1-6) lagern in Abklingbecken verbrauchte Brennstäbe, die gekühlt werden müssen, um die Freisetzung von Radioaktivität zu verhindern. In den Blöcken 3 und 4 gibt es wohl Lecks in den Pools, deren Wasserstände gering sind. Die Reaktoren 4 bis 6 waren vor dem Beben abgeschaltet und enthalten im Kern des Druckbehälters keine Brennelemente mehr. Nur die die Blöcke 5 und 6 gelten momentan als stabil

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte zuvor eine Ausweitung der Evakuierungszone rund um das Atomwrack gefordert. In dem Ort Iitate, rund 40 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks, gäbe es eine so hohe Strahlenbelastung, dass eine Evakuierung notwendig sei, erläuterte Greenpeace. Vor allem für Kinder und Schwangere sei es dort nicht sicher, weil sie bereits innerhalb weniger Tage der jährlich erlaubten Strahlenbelastung ausgesetzt seien, erklärte Greenpeace.

Um das Kraftwerk Fukushima Eins gilt derzeit eine 20 Kilometer weite Evakuierungszone. Die Regierung rief die Anwohner dringend dazu auf, nicht in ihre Häuser im 20-Kilometer-Evakuierungsradius um das AKW zurückzukehren. Dort bestehe ein "großes Risiko" für die Gesundheit, sagte Regierungssprecher Edano. Zudem wurde Bewohnern im Umkreis zwischen 20 und 30 Kilometern nahegelegt, freiwillig die Gegend zu verlassen. 

Das Gesundheitsministerium wies jetzt zudem die Wasseraufbereitungsanlagen im Land an, kein Regenwasser mehr zu verwenden und Becken mit Plastikplanen abzudecken. Da radioaktive Partikel aus Fukushima-1 über das Regenwasser in Flüsse gelangen könnten, sollte auch aus Flüssen kein Trinkwasser mehr entnommen werden, sagte ein Ministeriumssprecher. Allerdings sollten diese Maßnahmen nur in dem Maße umgesetzt werden, wie sie nicht die Trinkwasserversorgung gefährden. Vergangene Woche waren im Trinkwasser der Hauptstadt Tokyo und mehreren anderen Städten erhöhte Werte von radioaktivem Jod 138 gemessen worden. Seitdem ist die Belastung wieder zurückgegangen.