Selten dürfte es eine Hochzeitstorte mit größerem Symbolgehalt gegeben haben als am ersten April 2001: Die Glasur erstrahlte im Blitzlicht der Kameras in knalligem Pink. Es waren ein lesbisches und drei schwule Paare, die sich damals im Stadthaus von Amsterdam die Ehe versprachen. Auf jedem Stück Torte prangten drei stattliche Andreaskreuze, das Logo der Grachtenmetropole. Eine harmonische Verbindung, so schien es, denn auf sexueller Freiheit basiert immerhin der lang gehegte Mythos von Amsterdam als progressivem Laboratorium, neben Kiffen und Hausbesetzen. Wo, wenn nicht hier, hätte die mitternächtliche Zeremonie der ersten gleichgeschlechtlichen Hochzeit erfolgen sollen?

Für den damaligen Bürgermeister stellte sich diese Frage gar nicht erst. Kurz bevor er die Trauung vollzog, schwärmte Job Cohen vor der Presse von der "Gay Capital " Amsterdam – und zwar "nicht nur der Niederlande, sondern ganz Europas". Übertrieben war das nicht: Homosexuelles Leben fand hier schon seit den 1950er Jahren offener statt als an den meisten anderen Orten des Kontinents. Im Zentrum der Stadt erinnert das weltweit einzige "Homomonument" an die Diskriminierung von Lesben und Schwulen. Kein Wunder, dass die Wahl auf Amsterdam fiel, als die Gay Games, die inoffizielle Olympiade im Zeichen des Regenbogens, 1998 erstmals außerhalb Nordamerikas ausgetragen wurden.

Am ersten April 2011 nun wird das runde Jubiläums unter dem Titel "Zehn Jahre rosa Hochzeit" gefeiert. Belgien, Spanien, Kanada, Süd-Afrika, Norwegen, Schweden, Portugal, Island und Argentinien sind dem Vorbild der Niederlande inzwischen gefolgt, ebenso wie mehrere Bundesstaaten in den USA und Mexiko. "Die offene Hochzeit ist unser bestes Exportprodukt", sagt Vera Bergkamp, die Vorsitzende der ältesten niederländischen Homosexuellenvereinigung COC. " Sie betont, dass die rechtliche Gleichstellung von Hetero- und Homo-Ehe über das Modell eingetragener Partnerschaften hinausgeht, wie sie in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien möglich sind.

Die rosa Hochzeiten mögen inzwischen ein Exportschlager sein. Amsterdam selbst lässt sich aber kaum mehr als Gay Capital bezeichnen. Zahlreiche Etablissements schlossen in den vergangenen Jahren für immer die Türen. Die legendäre "Homostraat " mitten im Grachtengürtel lässt sich als solche nur noch erahnen. Auch das gesellschaftliche Klima ist verändert. Belästigungen, Bedrohungen, selbst Misshandlung von Homosexuellen haben deutlich zugenommen. 2009 registrierte die Polizei 371 Fälle von Diskriminierung, 82 davon waren gewaltsame Übergriffe. 2008 lag die Quote bei 300 (54 gewaltsam). Der COC warnte schon 2007, die öffentliche Sicherheit von Lesben und Schwulen sei nicht mehr gewährleistet.

Wo die dunklen Wolken herkommen, die die Regenbogenflaggen verdecken, darüber haben Interessenvertretungen viel gegrübelt. Für die COC-Vorsitzende Bergkamp hat die Welle von Homophobie ausgerechnet mit der Sichtbarkeit gleichgeschlechtlichen Alltags zu tun. Je offener und unbefangene Homosexualität in Amsterdam ausgelebt wurde, desto mehr Missbilligung und Aggression löste sie aus. Ihr Vorgänger Frank van Dalen teilt diese Ansicht: "Bisher waren solche Tendenzen eher unterschwellig vorhanden. Man war zwar tolerant, aber nur, solange wir uns ´normal´ verhielten. Und das bedeutet eben nicht, Hand in Hand herumzulaufen." Gerade, wer sich nachts auf dem Rückweg von ausdrücklich homosexuellen Lokalitäten befindet, läuft Gefahr, angepöbelt oder gar misshandelt zu werden.

Für rund die Hälfte der Übergriffe sind migrantische Jugendliche verantwortlich – eine überproportionale Quote. Frank Van Dalen warnt jedoch vor einfachen Schlüssen: "Wer sich auf diese 50 Prozent der Täter beschränkt, vergisst die andere Hälfte." Tatsächlich ist "Homo" beim Nachwuchs in den marokkanischen oder türkischen Kiezen am Rand Amsterdams ein gängiges Schimpfwort. Doch das gleiche gilt für ihre blonden Altersgenossen im Zentrum.

Längst haben die Verhältnisse auch das Aushängeschild der selbst erklärten Homohauptstadt eingeholt: die Bootparade auf den Grachten im Rahmen des jährlichen Gay Pride- Festivals. "Eine Party mit inhaltlichem Rand", so Irene Hemelaar, Leiterin der Stiftung Pro Gay, die die Parade organisiert. Der Rand indes wird breiter, denn zwischen hedonistischem Queer-Lifestyle und exaltierten Housebeats weisen immer mehr Plakate auf die Gefährdung der erworbenen Freiheiten hin. In diesem Jahr schlägt sich das auch im Motto "All together now" nieder: "Nur zusammen können wir Gewalt bekämpfen und Amsterdam wieder zur Gay Capital machen", so Hemelaar.

Den Appell an die liberale Tradition der Stadt, an einen Ruf, den es zu verteidigen und neu zu verdienen gilt, hört man dieser Tage oft. Auch von Andrée van Es, der Stadträtin für Diversität und Integration. Trotzig klingt es, wenn sie von Toleranz spricht, die Amsterdamern "in den Genen" liege. Und was das Selbstbild der Stadt betrifft, schlägt sie zum Jubiläum nachdenkliche Töne an: "Vor zehn Jahren dachten wir, dass wir die Emanzipation von Homosexuellen schon geschafft hätten. Nun sehen wir, dass wir daran weiter arbeiten müssen."