Wie versorgt man eine Millionenmetropole, wenn die Infrastruktur nicht mehr richtig funktioniert? Wie gelangt man an Lebensmittel, an Getränke? Es sind ebenso banale wie existenzielle Fragen, die viele Menschen in Tokyo in diesen Tagen umtreiben. Wenngleich es bislang keine Panik gibt, wächst in der Stadt die Sorge, dass sich die Versorgungslage sehr bald drastisch verschlechtern könnte.

Viele Supermärkte sind leer gekauft, andere haben damit begonnen, die Ausgabe bestimmter Waren pro Person einzuschränken, vor allem Grundnahrungsmittel. Auch Benzin ist knapp. An vielen Tankstellen gibt es keines mehr, vor den übrigen stehen lange Autoschlangen. Man hat damit begonnen, die Stromversorgung partiell einzuschränken, Bezirk für Bezirk, damit die Lasten gleich verteilt werden.

Dies alles wäre noch zu ertragen, würde die Erde endlich aufhören würde zu beben. Auch am Dienstagabend, während ich diese Zeilen schrieb, treibt ein großes Nachbeben die Menschen wieder auf die Straßen. Die Angst zermürbt die Menschen, keine Nacht vergeht ohne schreckhaftes Erwachen. 

Aus Tokyo hat deshalb ein wahrer Exodus begonnen. Alle europäischen Botschaften haben ihren Landsleuten empfohlen, Japan zu verlassen. Frankreich hat eine Sondermaschine geschickt, die am Abend von dem stadtnahen Flugplatz Haneda abflog. Manche große Firmen wie Volkswagen und Daimler haben ebenfalls Flugzeuge gechartert, mit denen sie ihre Mitarbeiter ausfliegen. Jeder, der die Stadt verlässt, weiß, dass eine lange Zeit vergehen wird, bis hier wieder mehr oder weniger normale Verhältnisse einkehren werden.

Unverändert freilich ist, dass im Großraum Tokyo fast 30 Millionen, nach anderen Schätzungen sogar bis zu 35 Millionen Menschen leben, die Tag für Tag versorgt werden müssen. Sich ein bisschen einzuschränken, ist für niemanden ein Problem, aber auf Strom, Gas und Wasser sowie die Grundnahrungsmittel kann man nicht lange verzichten. Doch es fehlt der Strom aus dem zerstörten Atomkraftwerk Fukushima-1 . Die Lebensmittel, die in Tokyo konsumiert werden, müssen täglich herangeschafft werden. Die Metropole ist völlig davon abhängig, dass im Hinterland produziert wird und die Infrastruktur intakt ist. Doch dies ist nicht mehr der Fall.

All dies macht Angst, doch diese Angst in klein im Vergleich zur Sorge um die Vorgänge in Fukushima . Was in dem beschädigten Kraftwerk geschieht, erfahren wir von Stunde zu Stunde. Ich habe nach wie vor den Eindruck, dass die Regierung sagt, was sie weiß, nur ist es auch für sie unter den gegebenen Bedingungen extrem schwierig, an zuverlässige Beschreibungen des Sachstands zu gelangen. 

Die Möglichkeit auszureisen, die die Mitarbeiter ausländischer Vertretungen und Firmen haben, bietet sich den meisten Tokyotern nicht. Sie werden nicht von Flugzeugen abgeholt, sie werden bleiben müssen. Doch sie sind weiterhin sehr gefasst.

Allen Sorgen zum Trotz haben sie damit begonnen, Spenden für die Opfer der Tsunami-Katastrophe zu sammeln. Sie verfolgen aufmerksam die Hinweise der Behörden, die im Fernsehen praktische Anweisungen geben, um sich vor verstrahltem Niederschlag zu schützen. Denn sie wissen sehr wohl: Eine 30-Millionen-Stadt kann man nicht räumen.

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