Junge Eltern fühlen sich oft verunsichert in einer Gesellschaft, in der kaum noch Konsens über gemeinschaftliche Werte besteht. Wie sollen sie ihre Kinder ans Leben heranführen und zu verantwortungsvollen Erwachsenen erziehen? Der individuelle Spielraum der Eltern gegenüber dem Staat ist selten so groß gewesen wie heute und das Angebot an Erziehungsmodellen so divers und verwirrend. Von den diffusen Sorgen der Eltern profitieren Erziehungsexperten, die medial zum Teil wie Rockstars vermarktet werden und sich seitenlang in den wichtigsten Zeitungen des Landes verbreiten dürfen. Insbesondere zwei gegensätzliche Erziehungsmodelle stehen derzeit hoch im Kurs: das autoritäre und das permissive Modell.

Amy Chua, die "Tigermutter" , sorgte gerade in den USA für Diskussionen um mehr Disziplin. Bernhard Bueb, ehemals Direktor des Eliteinternats Schule Schloss Salem oder der Bonner Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut Michael Winterhoff stehen für den neuen autoritären Trend in Deutschland. Sie glauben, insbesondere die oft aus dem Ruder laufenden Jungen mit mehr Verpflichtung zum Gehorsam in den Griff zu bekommen. Bueb schien mit seinen Büchern Lob der Disziplin und Von der Pflicht zu führen den Nerv der Zeit getroffen zu haben – so unterschiedliche Zeitungen wie die FAZ und die BILD hofierten ihn. Winterhoff hatte mit seiner suggestiven Behauptung Warum unsere Kinder Tyrannen werden einen Bestseller geschrieben.

Der permissive Erziehungsstil wiederum wird weniger von Pädagogen oder Therapeuten vertreten, sondern vielmehr von hedonistischen, erziehungsunwilligen oder -unfähigen Eltern vorgelebt. Mütter und Väter, die ihrem Kind weder ein Mindestmaß an Tischmanieren noch an einfühlsamen Umgang mit ihren Mitmenschen angedeihen lassen, sind oft Eltern, die einen sehr Lust betonten, jugendlichen Lebensstil pflegen – wie er bis ins hohe Alter populär geworden ist. Diese Eltern scheuen Arbeit und Mühsal, die die Erziehung von Kindern nolens volens mit sich bringt. Im Restaurant wegzugucken, wenn der eigene Nachwuchs andere Gäste traktiert, ist für Eltern allemal bequemer, als sich dem Konflikt zu stellen und eigene Vorstellungen mit Nachdruck zu vertreten.

Zum Typus permissive Eltern gehören auch oft diejenigen Mütter und Väter, die aufgrund von Partnerschaftsproblemen, Trennung oder Scheidung oder schlicht aufgrund eines Mangels an Resonanz im eigenen Lebensumfeld emotional abhängig von der Zuneigung ihres Kindes sind. Sie wollen um nichts in der Welt den Groll ihres kleinen Lieblings auf sich gerichtet sehen. Denn Nein-Sagen und Verbote führen natürlich kurzfristig zu "Sympathieeinbußen", die man als Erwachsener aber aushalten muss – im Sinne des Kindes.

Bequem sind aber beide Erziehungstypen, auch die autoritären Eltern . Denn es ist mühseliger, Einzelfälle zu prüfen und einem Kind in einer besonderen Situation etwas stattzugeben oder zwischen Kindern verschiedenen Alters und Reifegrads zu unterscheiden, als sich sine qua non mit Prinzipien und Verboten durchzusetzen. Es kostet weniger Zeit, Dinge einfach zu verbieten, anstatt einem Kind zu erklären, warum bestimmte Verhaltensweisen nicht erwünscht oder schädlich sind – was wiederum der sozialen und moralischen Entwicklung förderlicher wäre als wenn das Kind im Sinne eines pawlowschen Parierens gehorcht, ohne den Sinn eines Ge- oder Verbots zu verstehen.

Autoritären Eltern fehlt es darüber hinaus nicht selten an Respekt gegenüber dem Kind und seiner Persönlichkeit. Es fällt ihnen oft schwer, sich zu entschuldigen, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Viele Erziehungsratschläge von Bueb, Winterhoff und anderen neuen Disziplin-Apologeten lassen die eigenen Kinder als mühsam in Schach gehaltene, feindliche Gegenüber erscheinen und nicht als geliebte Familienmitglieder. Bueb findet es richtig, dass Kinder Angst vor ihren Eltern haben und plädiert für einen "unbedingten Gehorsam". Winterhoff vermengt bisweilen Psychologie und Feng Shui – dabei kommen so abstruse Vorschläge heraus wie: Eltern sollten in ihrem Haus darauf achten, dass die Kinder nicht eine Etage über ihnen wohnen und dass sie nicht am Kopfende eines Tisches sitzen. All diese Dinge würden das wünschenswerte Autoritätsgefälle zwischen Eltern und Kindern untergraben. Das klingt nach einem wenig entspannten Umgang mit Kindern im Alltag.

Während autoritäre Eltern meinen, ihrem Kind, durch strikt einzuhaltende Rituale und Regeln in einer unübersichtlich gewordenen Lebenswirklichkeit, einen klaren Rahmen liefern zu müssen, passen sich permissive Eltern dem allgemeinen anything goes an, in dem sie ihre Kinder ständig zwischen verschiedenen Optionen wählen lassen. Nicht selten überfordern sie sie damit. Sie fürchten im Grunde ihres Herzens, dass ihre Kinder erwachsen und Teil der von ihnen oft als brutal erlebten Realität werden könnten. Stattdessen infantilisieren sie sich selbst und wollen über das Kind wenigstens partiell in einer konfliktarmen gemütlichen Kuschelwelt leben. Dafür sprechen unter anderem die Zahlen, wie viele Erwachsene, auch kinderlose, begeistert Kuscheltiere sammeln und Säuglingskost zu sich nehmen. Doch warum der derzeitige Zulauf zu konträren Erziehungsmodellen?