Ob es der Notmannschaft in Fukushima noch gelingt, eine Kernschmelze zu verhindern, wagt derzeit kein Experte abzuschätzen. Das französische Institut für Atomsicherheit IRSN weist aber daraufhin, dass den Technikern nicht mehr viel Zeit bleibt: Spätestens in 48 Stunden müssten sie das Wasserniveau im Abklingbecken von Reaktor 4 heben. Ansonsten könne ein "sehr bedeutender" Austritt von Radioaktivität nicht mehr ausgeschlossen werden.

Sollte dies nicht gelingen und das Wasser in dem Becken weiter sinken, könnten sich nach Einschätzung des IRSN die Brennstäbe selbst entzünden. Diese würden sich dann "quasi an der freien Luft" befinden. In der Folge würde die Strahlung so hoch, dass jeder weitere Einsatz in der Anlage unmöglich würde.

Dies will die Notmannschaft im AKW um jeden Preis verhindern. Unter Einsatz ihres Lebens versuchen die 50 verbliebenen Techniker das Ausmaß der Zerstörung festzustellen und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Dabei konzentrieren sie sich vor allem auf die Kühlung der Reaktoren, bei der sie aber Rückschläge hinnehmen mussten. Zum einen wurden sie selbst vorübergehend abgezogen, zum anderen mussten Hubschrauber wegen der hohen Radioaktivität und des böigen Windes ihren Einsatz über dem AKW aussetzen. Die Maschinen sollten ein Gemisch aus Meerwasser und Borsäure in die havarierten Reaktoren schütten.

Experten sprechen davon, dass die Techniker am AKW nur improvisieren könnten. Es sei schwierig, sich einen Überblick zu verschaffen; wegen des Stromausfalls müsse das Team in völliger Dunkelheit arbeiten. Zudem sei unklar, inwieweit die Messgeräte in dem AKW noch funktionierten. Nach Ansicht des Anti-Atomkraft-Aktivisten Philip White vom Citizens Nuclear Information Center in Tokyo setzen sich die Arbeiter hohen Strahlendosen aus und riskieren ihr Leben.

Wie verzweifelt die Lage ist, belegten Planungen der Polizei, nun statt der Hubschrauber Fahrzeuge mit Wasserkanonen zur Kühlung einzusetzen. Die US-Streitkräfte stellten Japan zudem Hochdruckpumpen für die Kühlung der Reaktoren zur Verfügung. Doch zunächst einmal müssen diese Wasserwerfer aber in die Nähe des AKW gelangen. Um dies zu erreichen, hatten Arbeiter Schutt weggeräumt und versucht, eine Rampe zu bauen.

"Das ist ein langsam ablaufender Alptraum", sagte der Physiker und Plutonium-Experte Thomas Neff vom Massachusetts Institute of Technology. "Sie scheinen das Handtuch geworfen zu haben", kommentierte der Kraftwerksingenieur Arnie Gundersen den Umstand, dass die Zahl der im AKW eingesetzten Arbeiter von 800 auf 50 verringert wurde. Mit so wenigen Beschäftigten bekomme man die Lage nicht unter Kontrolle.

Vier der sechs Reaktoren der Atomanlage Fukushima-1 (Daiichi) an der Ostküste Japans. Die Gebäude der Blöcke 1, 3 und 4 sind nach Wasserstoffexplosionen schwer, der des Reaktors 2 leicht beschädigt. Die Sicherheitsbehälter (Containments) von Block 2 und vermutlich auch 3 sind beschädigt. Sie bestehen aus Beton und Stahl und sollen die Druckbehälter mit den radioaktiven Kernbrennstäben von der Umwelt abschirmen. Experten gehen davon aus, dass in allen vier abgebildeten Blöcken eine partielle Kernschmelze bereist stattfinden könnte. In allen Reaktoren (1-6) lagern in Abklingbecken verbrauchte Brennstäbe, die gekühlt werden müssen, um die Freisetzung von Radioaktivität zu verhindern. In den Blöcken 3 und 4 gibt es wohl Lecks in den Pools, deren Wasserstände gering sind. Die Reaktoren 4 bis 6 waren vor dem Beben abgeschaltet und enthalten im Kern des Druckbehälters keine Brennelemente mehr. Nur die die Blöcke 5 und 6 gelten momentan als stabil

Am Morgen (Ortszeit) hatte es neue Hiobsbotschaften gegeben: In Reaktor 4 war Feuer ausgebrochen, aus Reaktor 3 stieg stundenlang dichter Rauch auf. Nach Angaben der japanischen Atombehörde sind vermutlich 70 Prozent der Brennstäbe in Reaktor 1 sowie ein Drittel der Brennstäbe in Reaktor 2 beschädigt. Laut EU-Energiekommissar Günther Oettinger ist die Lage in Fukushima "außerhalb einer fachmännischen Kontrolle". Das Geschehene bewege sich "irgendwo zwischen GAU und Super-GAU".

Widersprüchliche Angaben gab es über den Zustand des inneren Reaktormantels von Reaktor 3. Zunächst hatte Regierungssprecher Yukio Edano mitgeteilt, der Mantel sei womöglich schwer beschädigt. Stunden später hieß es, die Hülle sei wahrscheinlich nicht ernsthaft beschädigt. Dann meldete die Atomsicherheitsbehörde, dass sich das Wasser im Abklingbecken des Reaktors 3 erhitze. Auch über das Ausmaß der Strahlung gab es widersprüchliche Angaben. Regierungssprecher Edano gestand am Abend (Ortszeit) ein, irrtümlich ungenaue Informationen verlesen zu haben.

Um sich selbst ein Bild der Lage zu machen, will der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) so schnell wie möglich nach Japan fliegen. Danach werde er eine Sondersitzung des Gouverneursrats einberufen, sagte Yukiya Amano und bezeichnete die Situation in Fukushima als "sehr ernst". Amanos Behörde hatte die Japaner offenbar bereits vor mehr als zwei Jahren auf Probleme bei der Erdbeben-Sicherheit ihrer Meiler hingewiesen. Die Anlagen seien starken Beben nicht gewachsen, wird ein IAEA-Experte in einer diplomatischen US-Depesche vom Dezember 2008 zitiert. Das berichtete die britische Zeitung Daily Telegraph unter Berufung auf die Veröffentlichungen der Enthüllungsplattform Wikileaks.

Wie sind die Reaktoren im Kernkraftwerk Fukushima-1 aufgebaut, wie sieht das Gelände aus? © Golden Section Graphics

Kritik an der Informationspolitik der Regierung kommt aus dem In- und Ausland.  Die Umweltschutz-Organisation Greenpeace kritisierte, nur der AKW-Betreiber Tepco messe die Strahlenwerte. Unabhängige Informationen gebe es nicht. Auch in den japanischen Medien wird dies sowie das Krisenmanagement von Ministerpräsident Naoto Kan zunehmend kritisch beurteilt. Kan seinerseits soll verärgert auf eine verspätete Unterrichtung durch den Kraftwerksbetreiber reagiert haben. "Was zum Teufel ist da los", herrschte er nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo Manager von Tepco an.

Zutiefst besorgt und wütend sind vor allem die Menschen in der betroffenen Präfektur Fukushima. "Dieser nukleare Unfall hat die Menschen gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, und ich will, dass das ganze Land Verständnis für sie zeigt", sagte der Gouverneur der Region, Yuhei Sato. "Die Sorge und Wut der Menschen in Fukushima haben ihre Grenze erreicht", fügte er hinzu.

Rund um das AKW wurden inzwischen mehr als 200.000 Menschen vor der radioaktiven Strahlung in Sicherheit gebracht. Die Evakuierungszone gilt bislang für einen Radius von 20 Kilometern rund um die zerstörten Reaktoren. Auch nach den jüngsten Vorfällen plant die Regierung nicht, diesen Radius auszuweiten. Bewohner im Umkreis von 30 Kilometern sollten auch in geschlossenen Räumen bleiben. Nach Angaben von Sprecher Edano gebe es bislang keine Gesundheitsgefahr für die Menschen in diesem erweiterten Umkreis.