Die Diskussionen um Integration und Islam zeichnen sich leider oft durch Vorhersehbarkeit aus. In einschlägigen Talkrunden und Foren wird ein Stellungskrieg geführt: Wer den Islam nicht zur Ursache aller Missstände in der Einwanderungsgesellschaft erklärt, gilt entweder als verkappter Islamist, oder, fast noch schlimmer, als ein naiver Multikulti-Idealist. Zudem wird er oder sie schnell als Totengräber aller abendländischen Werte ausgemacht.

Jedenfalls wird jeder, der sich zum Thema äußert, einem Lager zugeordnet. Ein unbedingtes Entweder-oder wird eingefordert. Die mediale Öffentlichkeit, die nach griffigen Thesen verlangt, befeuert diese Grabenkämpfe noch.

Eine Folge dieser Spaltung ist, dass der Blick an der Oberfläche der Phänomene haften bleibt. Und der lässt nur Kurzschlüsse zu.Ein Stichwort fällt, darauf folgt eine reflexhafte automatisierte Erwiderung.Verloren geht der unvoreingenommene Blick, der sich auf den einzelnen Menschen richtet. Unter der Oberfläche könnte man aber eine Wirklichkeit erkennen, die von paradoxen und ambivalenten, manchmal sogar spannenden Verhältnissen gekennzeichnet ist.

Fragt sich denn zum Beispiel beim Anblick betont dominant auftretender junger türkisch- oder arabischstämmiger Männer niemand, warum eine solche Demonstration der Macht notwendig ist, wenn diese in der Familienstruktur natürlicherweise gegeben wäre? Versuchen diese Männer nicht vielmehr, die Kluft zwischen erlebter Ohnmacht und Machtzuschreibung zu überspielen? Wer sich auskennt in türkischen Familienstrukturen, weiß um die weibliche Dominanz im familiären Gefüge.

Aber wer das ohne Wertung anmerkt, wird unversehens als Verräter der Frauen-, ja der Menschenrechte verschrieen. Ihm wird unterstellt, dass er zu verschleiern versucht, dass es muslimische Mädchen gibt, die von Brüdern und Vätern daran gehindert werden, einen selbstbestimmten Weg zu gehen.

Wer sich gegen kontraproduktive Symbolpolitik ausspricht, wie sie in einem Burka-Verbot zum Ausdruck kommen würde, dem unterstellt man, die verschleierten Frauen nicht an den Freiheiten teilhaben lassen zu wollen, die man selbst genießt.

Wer es wagt, im Kopftuch nicht nur ein Symbol der Unterdrückung zu sehen, sondern auch einen Ausdruck für tabuisierte Sexualität – gerade augenfällige Tabuisierung und Erregung wirken hier zusammen –, der kann in der Logik des Lagerkampfes nur eine Islam-Lobbyistin sein, die Werbung für das Kopftuch macht und die sexuell emanzipierte Frau diffamiert. Die ironische Pointe daran wird einfach ausgeblendet. Denn ein Islamist, der seine Frau unters Kopftuch zwingt, wäre bestimmt nicht erfreut, würde er sich diese paradoxe Wirkung des Kopftuches bewusst machen.