Gut eine Woche nach dem Atomunfall im Atomkraftwerk Fukushima-1 haben die Behörden im Leitungswasser der Hauptstadt Tokyo erhöhte Werte von Radioaktivität nachgewiesen. Es handele sich um Spuren von radioaktivem Jod, berichtet die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Die Radioaktivität sei mit 1,5 Becquerel pro Kilogramm gemessen worden. Damit liege die Konzentration noch deutlich unter dem zulässigen Höchstwert von 300 Becquerel pro Kilogramm für Lebensmittel.

Ungewöhnlich hohe Werte von radioaktivem Jod seien zudem im Trinkwasser der zentraljapanischen Präfekturen Gunma, Tochigi, Saitama, Chiba und Niigata festgestellt worden. In allen Fällen liegen die Werte noch unter dem zulässigen Grenzwert. Der Kontakt mit radiaktivem Jod kann zu einem erhöhten Krebsrisiko führen. Der Stoff lagert sich insbesondere in der Schilddrüse ein.

Zuvor war bereits in Milch und Spinat aus der Umgebung des defekten Atomkraftwerks Fukushima Eins radioaktive Strahlenbelastung nachgewiesen worden. Das teilte Regierungssprecher Yukio Edano mit. Die Strahlenwerte für diese Lebensmittel überschritten die zulässigen Höchstgrenzen. Das japanische Gesundheitsministerium hat daraufhin einen Verkaufsstopp von Lebensmitteln aus der Präfektur Fukushima angeordnet, wie die internationale Atomenergieagentur IAEA mitteilte. Auch in der südlicheren Präfektur Ibaraki sei belasteter Spinat entdeckt worden.

Eine akute Gesundheitsgefährdung sei aber derzeit nicht zu erwarten, sagte Edano. Wer ein Jahr lang von der belasteten Milch trinken und den ebenfalls belasteten Spinat essen würde, nehme eine Strahlendosis von der Stärke einer Röntgenuntersuchung auf.

Nun gehe es darum, weitere Daten zu sammeln. Es müsse geklärt werden, wie häufig eine solche Kontamination auftrete. Es soll auch untersucht werden, wohin die betroffene Milch und der Spinat gebracht worden seien. Falls nötig, werde der weitere Transport eingeschränkt. Edano rief die Bevölkerung zu Besonnenheit auf.

Vier der sechs Reaktoren der Atomanlage Fukushima-1 (Daiichi) an der Ostküste Japans. Die Gebäude der Blöcke 1, 3 und 4 sind nach Wasserstoffexplosionen schwer, der des Reaktors 2 leicht beschädigt. Die Sicherheitsbehälter (Containments) von Block 2 und vermutlich auch 3 sind beschädigt. Sie bestehen aus Beton und Stahl und sollen die Druckbehälter mit den radioaktiven Kernbrennstäben von der Umwelt abschirmen. Experten gehen davon aus, dass in allen vier abgebildeten Blöcken eine partielle Kernschmelze bereist stattfinden könnte. In allen Reaktoren (1-6) lagern in Abklingbecken verbrauchte Brennstäbe, die gekühlt werden müssen, um die Freisetzung von Radioaktivität zu verhindern. In den Blöcken 3 und 4 gibt es wohl Lecks in den Pools, deren Wasserstände gering sind. Die Reaktoren 4 bis 6 waren vor dem Beben abgeschaltet und enthalten im Kern des Druckbehälters keine Brennelemente mehr. Nur die die Blöcke 5 und 6 gelten momentan als stabil

Den Technikern ist es offenbar gelungen, eine Stromleitung zum Reaktor 2 zu legen. Sollten keine weiteren Probleme auftauchen, könne das Kühlsystem am Sonntagmorgen ans Stromnetz angeschlossen werden, sagte ein Sprecher der japanischen Behörde für Atomsicherheit.

Am Reaktor 3 des stark beschädigten Atomkraftwerks ist nach Angaben der Regierung eine Verbesserung zu beobachten. "Wir glauben derzeit, dass sich die Situation stabilisiert hat", sagte Regierungssprecher Edano. Die Kühlaktionen von außen hätten eine Wirkung gehabt. Es sei mehr Wasser in Reaktor 3 festgestellt worden.

Seit Samstagmittag sind Armee und Feuerwehr dabei, tonnenweise Meerwasser auf Reaktor 3 zu versprühen. Wie der Fernsehsender NHK berichtete, soll die Aktion noch mehrere Stunden weitergehen. Am Ende würden dann 1260 Tonnen Wasser auf Reaktor 3 entladen sein. Das helfe, die Temperatur zu senken und zu verhindern, dass radioaktive Strahlung nach draußen gelange. Auch Reaktor 4 solle in Kürze von außen mit Wasser gekühlt werden, sagte Edano. Ziel ist es, eine Kernschmelze zu verhindern.

Nach Angaben von NHK ist außerdem ein weiteres Spezialfahrzeug zur Kühlung auf dem Weg nach Fukushima. Die Maschine könne Wasser aus sehr großer Höhe versprühen. Das Fahrzeug sei in Deutschland gebaut worden und pumpe normalerweise flüssigen Beton. Ein ähnliches Modell sei bereits beim Atomunglück in Tschernobyl eingesetzt worden.

Öffnungen im Dach der Reaktoren 5 und 6 sollen weiteren Explosionen im Atomkraftwerk vorbeugen. Nach Angaben der IAEA haben Arbeiter Löcher in die Dächer der beiden Gebäude gebohrt, um die Ansammlung von Wasserstoff zu verhindern. Die Explosionen in anderen Reaktoren seien vermutlich durch Wasserstoff ausgelöst worden.

Die Situation in den Reaktoren 5 und 6 war jedoch bereits als stabil eingeschätzt worden. Die Abklingbecken dort werden mit Notstrom aus Dieselgeneratoren des Reaktors 6 gekühlt. Zuletzt hatte die Nachrichtenagentur Kyodo gemeldet, dass die Temperatur im Abklingbecken von Block 5 sinkt. In den Reaktoren 2, 3 und 4 sei am Freitag noch aufsteigender Rauch beobachtet worden, heißt es weiter.