Christin Schlothauer , Übersetzerin in einer Tokyoter Anwaltskanzlei, lebt seit drei Jahren in Japan:

"Die Situation hier in Tokyo ist ziemlich normal. Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit waren die Bahnen voll wie immer. Auf den Straßen sieht man aber mehr Radfahrer als sonst, denn wir bekommen langsam Probleme mit dem Benzin.

Auffallend ist, dass die Ausländerrate in Tokyo rapide abgenommen hat. Aber es können nicht einfach alle gehen und alles liegen lassen. Für die Japaner, die hier ihren Lebensmittelpunkt und Familien haben, ist das sowieso ausgeschlossen.

Ich kann natürlich verstehen, dass manche die Angst gepackt hat, aber man hat doch auch eine Verantwortung den Kollegen gegenüber. Ich habe meinen Panikvorrat schon bei dem Beben ausgeschöpft, jetzt bin ich relativ ruhig. Mit Kindern würde ich das sicherlich anders sehen, aber als Single gehe ich das Risiko ein und bleibe.

Die Japaner reagieren alle gefasst, aber keinem hier ist wohl zumute. Sie gehen nur anders mit der Angst um. Nicht panisch. Wie auch sonst in Stresssituationen im Alltag hält man hier die Klappe und zieht sich in sich zurück. Aber die Besorgnis merkt man den Menschen trotzdem an.

Interessant ist, wenn man das Paniklevel der japanischen und der ausländischen Medien vergleicht. Die Japaner sind Erdbeben, Tsunamis und Taifune gewöhnt. Und im Gegensatz zu vielen anderen misstraue ich den Informationen der Regierung nicht grundsätzlich. Sie haben doch keinen Grund, uns etwas vorzuenthalten. Außerdem muss man bedenken, dass Toyko bisher alles gut überstanden hat. Die Geschäfte hier sind offen, die Situation ist nicht vergleichbar mit Fukushima.

Wenn es wirklich einen Super-GAU geben sollte, werde ich Tokyo aber auch verlassen."

Ralf Bebenroth , Professor für International Business an der Universität Kobe, lebt seit zehn Jahren in Japan:

"Die Menschen in Kobe teilen die Geschichte noch immer in zwei Teile: in die Zeit vor dem großen Beben im Jahr 1995 und in die Zeit danach. So einschneidend war das Beben damals. Jetzt erlebt das Land eine neue Katastrophe, und die Erinnerung kommt bei vielen zurück. Viele fragen sich: Warum immer wir Japaner?

Dennoch verfällt hier niemand in Panik. Es gibt keine Plünderungen, auch in Tokyo nicht, alles verläuft in geordneten Bahnen. Ein paar Produkte in den Supermärkten sind mittlerweile ausgegangen, weil die Menschen aus Vorsicht Lebensmittel bunkern: Wasser zum Beispiel und Trockennudeln. Aber damit lässt sich umgehen. Viele sammeln hier Spenden für die Menschen im Nordosten.

Es ist falsch, wenn es in Deutschland heißt, die Japaner seien gelassen. Das Volk ist an Katastrophen gewöhnt, das stimmt, aber gerade deshalb sind sie innerlich angespannt. Als die Erde bebte, haben viele angefangen zu kichern und zu lachen. Man merkt dann, wie die Gesichter zucken. Niemand nimmt das hier gelassen, die Japaner lassen es sich nur nicht anmerken.

Für mich gibt es wenige Gründe, das Land zu verlassen. Der Super-GAU wäre einer. Wenn atomare Wolken über das Land ziehen, werde auch ich ausreisen. Wir schauen nach Fukushima und hoffen, dass es nicht zum Schlimmsten kommt."

Franz-Hermann Hirlinger , ehemaliger Banker der Bayern LB, lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie in Tokyo:

"Ich habe für meine Tochter noch einen Flug nach Genf zu Freunden bekommen. Meine drei Kinder sind nun in Sicherheit in Vancouver, London und Genf. Wir bleiben hier, bis der Marschbefehl der Botschaft kommt. Auch habe ich bei meiner Schwester in Basel Jodtabletten bestellt, da ich einer Verteilung hier kein Vertrauen schenke. Wir haben Wasser, Lebensmittel, Taschenlampen und Kerzen für den Notfall. Morgen werde ich den Kamin mit Plastik zumachen und die Fenster mit Klebeband abdichten, damit kein radioaktiver Staub ins Haus kommt, falls das AKW vollends in die Luft geht.

Nachdem zunächst vor allem Europäer die Stadt verlassen haben, haben nun auch zahlreiche japanische Familien die Initiative ergriffen und sind Richtung Süden nach Nagoya, Osaka und Kyushu gegangen. Vor allem die vagen Erklärungen des AKW-Betreibers Tepco zum Verlauf des Unfalles und die zögerliche Informationspolitik der Offiziellen finden kaum Vertrauen. Eine Stimmung der Hilflosigkeit gepaart mit Hoffnung auf ein gutes Ende bestimmt den Tag, zahlreiche Nachbeben, gestern Stärke 6, tragen nicht gerade zum Optimismus bei.

Und auch die desolate Zerstörung ganzer Landstriche im Norden und täglich neue Schicksalsberichte von Menschen in Sendai und Umgebung lassen kein Platz mehr für das berühmte japanische Lächeln. Man ist zu Hause, telefoniert mit Freunden oder Verwandten, schaut in die Medien und hofft, dass es keine radioaktive Wolke gibt. Noch funktionieren alle wichtigen Versorgungen wie Strom, Wasser, Lebensmittel, die Post, die Müllabfuhr und der Transport in der Stadt. Alles hängt am AKW Fukushima und an den 50 Technikern, die bestimmt schon ihre Gesundheit für das Land geopfert haben. Die Dreier-Katastrophe Erdbeben, Tsunami und AKW-Havarie hat manchen hier sprachlos gemacht."