Kazuo K. Ist Rechtsanwalt und lebt in Sendai

Ich war am 11. März in Sendai und somit direkt betroffen. In dem Moment, als es anfing zu beben, sah ich schon die Erdbebenwarnmeldung auf meinem Handy und bin sofort nach draußen geeilt. Das Beben war so stark, dass ich mich nicht mehr auf meinen Beinen halten konnte, es dauerte länger als zwei Minuten. Man konnte allen die Angst an den Gesichtern ansehen, dass jederzeit ein Gebäude einstürzen könnte. Ich dachte, das war's.

Als ich auf meinem Telefon den TV-Empfang einschaltete, sah ich, wie brennende Häuser- und Autoteile vom Tsunami mitgerissen wurden. Meine Familie war telefonisch nicht zu erreichen und auch die Internetverbindung war sehr instabil. Die Straßen füllten sich mit Autos, deren Fahrer fluchtartig den Heimweg antraten. Durch die Autoschlangen bahnten sich allmählich Polizei-, Rettungs- und Feuerwehrwagen mit Blaulicht ihren Weg.

Ich bekam unglaubliche Angst, dass meine Eltern zu Hause von ihren Möbeln erdrückt worden sein könnten. Als ich wieder nach Hause kam, war alles durcheinander und kein Fußbreit mehr Platz, aber meine Familie war unverletzt. Da Strom, Gas und Wasser bereits abgeschaltet waren, suchten wir nach Kerzen, Taschenlampen und einem Radio.

In der ersten Nacht nach dem Erdbeben haben wir alle zusammen darauf angestoßen, dass wir noch am Leben waren.

Drei Tage später kamen dann die Probleme mit den AKW. Allerdings war die Sorge um Trinkwasser, Essen und Treibstoff viel größer als die Angst vor unsichtbarer Strahlung. Die Meldungen von Regierung und Stromkonzernen klangen alle optimistisch, aber im Internet und in ausländischen Medien war der Ton ganz anders. Mit einem Auge auf die im Netz veröffentlichten Strahlenwerte bereiteten meine Familie und ich uns mental darauf vor, jederzeit fliehen zu müssen. Genug Kraft, die tragischen Bilder der Zerstörung direkt im Fernsehen zu verfolgen, hatten wir aber nicht.

Jetzt, eine Woche nach der Katastrophe, muss man mehrere Stunden anstehen, um etwas einzukaufen. Aber die Menschen warten geduldig, bis sie an die Reihe kommen. Sie scherzen, dank des Erdbebens gebe es mal wieder eine Gelegenheit, den Kühlschrank aufzuräumen. Und das, obwohl die meisten von ihnen auch heute nicht wissen, wie es um ihre Angehörigen steht. So etwas ist vielleicht nur möglich, weil hier viele alte Menschen leben, die eine solche Situation noch aus dem Krieg kennen. Die Stadt Sendai war bei den Bombenangriffen der US-Armee dem Erdboden gleichgemacht worden, heute ist sie eine Millionenstadt. Und so herrscht die Stimmung, dass jetzt eben unsere Generation an der Reihe ist, alles wieder aufzubauen. Ich bin aber auch sehr dankbar dafür, dass unser Land so viel Unterstützung und Hilfe von außerhalb bekommt.