Klimaschutz erfordert Wertewandel

Nach Fukushima ist die Atomkraft diskreditiert. Dabei ist aus dem Blickfeld geraten, dass auch das global dominierende fossile Energie-Regime in den vergangen Jahren zusehends Legitimität eingebüßt hat. Vor allem im Kontext der internationalen Klimapolitik ist unter Politikern, Umweltverbänden, Kirchenvertretern und auch einem Teil der Wirtschaftseliten ein globales Empörungspotenzial sicht- und hörbar geworden, das sich aus der begründeten Angst vor einem anthropogenen Klimawandel sowie dem Festhalten am fossilen Wirtschafts- und Wachstumspfad speist.

Dies lässt sich auch durch Ergebnisse repräsentativer Umfragen wie dem World Values Survey empirisch belegen: Danach sehen von über 60.000 Befragten aus 49 Ländern fast 90 Prozent die globale Erwärmung als ernstes oder sehr ernstes Problem. Bemerkenswert ist, dass nicht nur in der Summe, sondern auch in jedem einzelnen Land – einschließlich der USA und China – die große Mehrheit der Befragten diese Ansicht teilt. Auch die wieder entfachte Debatte über die Grenzen des Wachstums und die Eignung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als zentraler Messgröße des Wohlstands moderner Volkswirtschaften, sind Ausdruck eines globalen Wertewandels in Richtung Nachhaltigkeit. Anders als noch in den 1970er und 1980er Jahren werden diese Debatten heute unabhängig von der politischen Couleur und auf höchster politischer Ebene geführt.

Überraschend mag erscheinen, dass dieser Wertewandel mit jenem im Gefolge des Kampfes gegen Sklaverei und Sklavenhandel zu Beginn des 19. Jahrhunderts vergleichbar ist. Die Ausbeutung von Sklaven war damals so selbstverständlich wie heute der Verbrennungsmotor oder Kohlekraftwerke. Der Besitz von Sklaven war gesellschaftlich akzeptiert, die wirtschaftliche Bedeutung der Sklavenarbeit auf den amerikanischen Tabak- und Baumwollplantagen ähnlich zentral wie billiger Strom für die heutige Industrieproduktion.

Als engagierte Philanthropen, wie etwa in England William Wilberforce oder Thomas Clarkson, angetrieben durch moralische und ethische Überzeugungen sowie eine daraus erwachsende emanzipatorische Vision, gegen Ende des 18. Jahrhunderts begannen die Legitimität der Sklaverei grundsätzlich in Frage zu stellen, sollte dies zum Anfang vom Ende der staatlich sanktionierten Sklaverei werden. Binnen weniger Jahrzehnte wuchs der Abolitionismus – die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei – auf beiden Seiten des Atlantiks zu einer breiten gesellschaftlichen Bewegung, die den Status Quo nachhaltig überwand.

Die Parallelen zur weltweit wachsenden Klimaschutzbewegung sind dabei – ein Vierteljahrhundert nach Einrichtung des Weltklimarats IPCC und fast zwanzig Jahre nach Verabschiedung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen – kaum noch von der Hand zu weisen. Wie beim Abolitionismus ist die Voraussetzung für einen radikalen Wandel, wie ihn die Abkehr von fossilen Energieträgern zweifellos darstellen würde, dass ein bestimmter gesellschaftlicher Zustand von einer breiten Mehrheit als moralisch wie politisch nicht mehr tragbar angesehen wird. Die Erfahrungen des Abolitionismus und anderer gesellschaftlicher Transformationsprozesse lehren aber auch, dass ein bloßer Bewusstseins- und Wertewandel nicht zwangsläufig zur tatsächlichen Änderung der individuellen und sozialen Praxis führt.

So belegen gerade mit Blick auf das gewachsene Umweltbewusstsein zahlreiche Studien aus dem Bereich der Umweltpsychologie eine große Kluft zwischen Einstellungen und Verhalten. Ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein geht nicht notwendigerweise mit einem Ressourcen schonenden Lebensstil einher. Im Gegenteil haben gerade besonders problembewusste Menschen – zumeist Angehörige gebildeter und wohlhabender Mittel- und Oberschichten – häufig einen besonders großen ökologischen Fußabdruck.

Es fehlt am politischen Willen

Gleichwohl haben die Transformationen zu einer klimaverträglichen Gesellschaft bereits begonnen. Wie einst die Abolitionisten arbeiten seit mehr als zwei Jahrzehnten bereits engagierte Pioniere des Wandels weltweit an einer Dekarbonisierung des globalen Energiesystems, einer klimaverträglichen Stadtentwicklung oder emissionsmindernder Landnutzung. Das sind globale Netzwerke von Bürgermeistern wie das World Mayors Council on Climate Change, Initiativen wie der Forest Stewardship Council, die weltweit Holz- und Papierprodukte aus verantwortungsvoller Waldwirtschaft zertifizieren oder die "Stromrebellen" aus Schönau im Schwarzwald, die als Bürgerinitiative begannen und heute bundesweit Ökostrom anbieten.

All dies reicht noch nicht aus, um das fossile Regime nachhaltig zu erschüttern oder gar zu ersetzen. Die Pioniere sehen sich wirkungsmächtigen Interessengruppen und Vetospielern gegenüber, die die Kosten und Folgekosten der etablierten Wirtschaftsweise weiterhin auf zukünftige Generationen und ärmere Teile der Weltgesellschaft diskontieren, um heute Profit zu machen. Wie einst die Sklavenhalter (oder aktuell die Befürworter der Kernenergie) geraten aber die Siegelbewahrer einer fossilen Weltwirtschaft zusehends in die Defensive.

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat in seinem aktuellen Gutachten "Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation" verschiedene Maßnahmenbündel skizziert, wie sich die fossilen Blockaden beseitigen lassen und die Pioniere einer nachhaltigen und klimaverträglichen Weltgesellschaft aus ihren Nischen in den Mainstream geführt werden können. Das Gutachten zeigt, dass eine solche Transformation keine Utopie bleiben muss, sondern tatsächlich realisiert werden kann. Es fehlt allein am politischen Willen, getragen von einer breiten sozialen Bewegung des Kohlenstoff-Abolitionismus, die Fesseln des fossilen Regimes endgültig zu sprengen.