Die Informationspolitik von Tepco, Betreiber des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima-1, steht bereits seit Wochen in der Kritik. Selbst die Regierung gab ihre Zurückhaltung auf und ermahnte das Unternehmen scharf. Genützt hat es wenig: Erneut unterliefen Tepco Patzer bei der Strahlungsmessung. Die Messwerte vom Grundwasser in und um das AKW seien teilweise fehlerhaft, teilte die japanische Atomaufsichtsbehörde mit. Zwar sei das Grundwasser sehr wahrscheinlich verstrahlt. Wie hoch die Belastung wirklich ist, wurde jedoch nicht bekannt.

Am Vortag hatte es geheißen, dass im Wasser unter der AKW-Ruine ein 10.000-fach erhöhter Wert von radioaktivem Jod gemessen wurde. Tepco hatte bereits zuvor fehlerhafte Messwerte veröffentlicht und sich dafür entschuldigt. Regierungssprecher Yukio Edano schloss nicht aus, dass der Staat Anteile an dem Energiekonzern übernehmen werde. Auf Tepco könnten Schadenersatzforderungen in mehrstelliger Milliardenhöhe zukommen. Der Börsenwert des Versorgers ist seit dem Unglück um rund 80 Prozent gefallen.

Derweil kämpfen Arbeiter und Ingenieure weiter gegen den Super-GAU in Fukushima-1. Am Freitag sollten sie erneut versuchen, Harz auf die verstrahlten Trümmer zu sprühen. Das Vorhaben musste am Vortag unterbrochen werden, weil es regnete. Das Kunstharz soll verhindern, dass sich der radioaktive Staub verbreitet. Die Arbeiter sollen von fünf Experten aus Frankreich unterstützt werden.

Am Donnerstag kam es in Fukushima-1 zu einem bizarren Vorfall: Ein Mann versuchte, in das Unglücks-AKW einzudringen. Weil er dort aber nach Angaben des Betreibers von Mitarbeitern abgehalten wurde, fuhr er zur nahe gelegenen Anlage Fukushima-2, durchbrach dort mit seinem Auto ein Tor und kurvte zehn Minuten auf dem Gelände herum, berichtete Kyodo. Niemand wurde verletzt, der 25-jährige Arbeitslose wurde festgenommen. Als Grund für die Irrfahrt gab er laut Polizei an: "Ich wollte mal auffallen."

Die Atomaufsichtsbehörde forderte Tepco mit Blick auf die Lagerung radioaktiver Materialien auf, für eine bessere Bewachung der Anlage zu sorgen. Fukushima-2 liegt etwa zwölf Kilometer vom AKW Fukushima-1 entfernt und gilt im Gegensatz zu diesem als stabil.

Japans Ministerpräsident Naoto Kan kündigte den ersten Besuch in der Krisenregion seit dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami am 11. März an. Er werde am Samstag in die vom Erdbeben zerstörte Stadt Rikuzentakata und in die Präfektur Fukushima reisen, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Zum havarierten AKW selbst werde er aber vermutlich nicht kommen.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen. © Julika Altmann

Die japanische Regierung lehnt es bisher ab, die Evakuierungszone zu erweitern. Diese gilt im Umkreis von 20 Kilometern um das AKW. Die Internationale Atomorganisation IAEA hatte der Führung aber zur Evakuierung eines Ortes geraten, der etwa 40 Kilometer von der Anlage entfernt liegt.

Tausende japanische und US-Soldaten begannen unterdessen vor der nördlichen Pazifikküste Japans mit einer groß angelegten Suche nach Tsunami-Opfern. Insgesamt 120 Flugzeuge und Hubschrauber sowie 65 Schiffe seien im Einsatz, sagte ein japanischer Armeevertreter. Die Zeitung Yomiuri Shimbun berichtete von 17.000 japanischen und 7000 US-Soldaten.

Im Umkreis von 30 Kilometern um Fukushima-1 wird dagegen nicht nach Leichen gesucht. In japanischen Presseberichten war die Rede davon, dass dort noch bis zu tausend Tote vermutet würden. Ursprüngliche Pläne, die Leichen zu bergen, würden wegen der hohen radioaktiven Strahlung nicht verfolgt, berichtete Kyodo unter Berufung auf die Polizei. Eine Dekontaminierung der Toten vor Ort erschwere zudem deren spätere Identifizierung. Eine Übergabe an die Angehörigen berge weitere Gefahren, ebenso eine Einäscherung der Toten, hieß es.

Nach der Katastrophe wurden bisher offiziell etwa 11.600 Tote gezählt. Es werden aber noch etwa 16.500 Menschen vermisst, weshalb die Behörden von weit mehr Toten ausgehen. Viele Überlebende der Katastrophe harren noch in Notlagern aus. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat sich für Samstag in Tokyo angekündigt, um Deutschlands Solidarität mit dem schwer getroffenen japanischen Volk zum Ausdruck zu bringen.