Die Sonne ist schon untergegangen als sich der kleine Raum mit Jugendlichen füllt. Einige flüstern, andere schauen gespannt auf die große, improvisierte Bühne. Dann geht es los. Die Stille wird von einer elektrischen Gitarre durchbrochen, der Verstärker summt. Als ein Sänger das Mikrofon ergreift, springen die Jugendlichen von ihren Plätzen und klatschen mit. "Na los, ihr kennt den Text", animiert die Band das Publikum und dann singen alle im Chor den titelgebenden Refrain: "Ich bin ein Freund von Gott."

Die Freunde von Gott kommen dahin, wo sonst nichts ist – wie hier in Warsingsfehn. Das Konzert im ostfriesischen Dorf ist Teil einer Veranstaltungsreihe namens JesusHouse . Ursprünglich war JesusHouse nur eine zentrale Großveranstaltung. Am Mittwoch begann sie in diesem Jahr. Das Event gilt als eine der größten Evangelisationsmessen Deutschlands und findet bereits zum fünften Mal in der Porsche Arena in Stuttgart statt. 



Doch seit neuestem ist JesusHouse auch ein Franchise-Projekt, das in ganz Deutschland läuft. In knapp 300 Orten bieten freiwillige Helfer das fünftägige Event für die Jugendlichen auch vor Ort an. Es gibt ein buntes Programm: An einigen Orten werden Breakdance-, Film- und Tanzworkshops veranstaltet. Es gibt Konzerte und Spiele, Aufführungen und Pizza. In Warsingsfehn hat man ein Ladenlokal angemietet. Früher war hier ein Schreibwarenladen. Ziel von JesusHouse ist es, Jugendliche zu animieren, sich mit ihrem Glauben auseinanderzusetzen. "Mach dich auf die Suche nach dem Echten – und gib dich nicht mit dem zweitbesten zufrieden!", heißt es auf der Homepage von JesusHouse . Doch was ist der echte Glaube?

Die evangelikale Bewegung ProChrist steht hinter der Veranstaltungsreihe und findet die Antwort nach dem echten Glauben in einem sehr eng ausgelegten Bibelverständnis. ProChrist stand mit seinen konservativen Ansichten schon mehrfach im Fokus medialer Kritik. So bezeichnete der Leiter der Bewegung Ulrich Parzany in einem Fernsehinterview praktizierte Homosexualität als "schöpfungswidrige Anomalie" und sieht den einzigen Weg zur Erlösung im Christentum.

Oda Lambrecht, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Christian Baars das Buch Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland geschrieben hat, warnt vor einigen Ausprägungen der evangelikalen Bewegung. Ein wesentliches Ziel dieser Gruppen sei die Missionierung. "Deutschland ist Missionsgebiet", verkündete die evangelikale "Lausanner Bewegung" 1990 und das Motto gilt noch immer. Der evangelikale Theologe Stephan Holthaus erklärt, die Vielfalt der Evangelisationsformen kenne kaum Grenzen und verweist auf Events für Kinder und Jugendliche sowie auf Jugendcamps. 


Mit der Regionalisierung von JesusHouse hat die Missionsarbeit nun eine neue Dimension erreicht. Man holt die Jugendlichen da ab, wo sie sind und wo sie wenig andere Angebote finden. ProChrist schafft mit Aktionen wie JesusHouse , was die etablierten Kirchen verschlafen: Jugendliche authentisch anzusprechen. In schnell geschnittenen YouTube-Videos, mit jugendlich designten Flyern und einer starken Webpräsenz zielen sie direkt auf die Lebenswelt der heute 12- bis 17-Jährigen. Mit kurzfristig gemieteten Räumen in der Innenstadt werden soziale Treffpunkte geschaffen.



Während die Kirche in Deutschland Mitglieder verliert, gewinnen Fundamentalisten hinzu

"Das ist das eigentlich Problematische", sagt Lambrecht. "Man gibt sich modern, vertritt aber durch und durch reaktionäre Werte." Und die werden den Jugendlichen langfristig vermittelt. Zwar spricht man offen über Sex – aber nur um für die Jungfräulichkeit vor der Ehe zu werben. Zwar gebe es deutliche Differenzierungen innerhalb der evangelikalen Bewegung – was aber alle Gruppierungen eint, so Lambrecht, ist ein Weltbild, das sich aus einem engen Bibelverständnis ableitet. Evangelikale geben sich gerne offen, weiß Lambrecht, aber in bestimmten Glaubensgrundsätzen höre jede Diskussionsbereitschaft auf. So auch bei ProChrist . In internen Papieren wird der Islam als Bedrohung dargestellt. Sie zitiert aus einer Stellungnahme unterschiedlicher evangelikaler Gruppen, die unter dem Titel "Christlicher Glaube und Islam" verlautbaren, die Mission sei wichtiger, als sozialer Frieden. 



ProChrist wiederum behauptet, um spezifische Glaubensfragen gehe es bei JesusHouse nicht. Es haben sich insgesamt 1353 Gruppen in knapp 300 deutschsprachigen Städten an der Aktion beteiligt – und die kamen nicht nur aus freikirchlichen, sondern auch aus überkonfessionellen Kreisen.



Burkhard Hesse beispielsweise ist Veranstalter von JesusHouse in Warsingsfehn. Dem leicht ergrauten Landesekretär des CVJM in Ostfriesland geht es ausdrücklich nicht um Missionierung. Er will, dass die jungen Leute etwas für sich selbst aus der Veranstaltung mitnehmen: "Das zentrale Anliegen ist es, den Jugendlichen bewusst zu machen: Ja, die Sache mit Jesus, die lohnt sich." 

Warum sich auch liberale christliche Gruppen mit fundamentalistischen Bewegungen gemein machen, bleibt Spekulation. "Auch die Landeskirche wirbt um Mitglieder, da drücken dann vielleicht auch liberalere Protestanten die Augen vor fundamentalistischen Positionen zu", vermutet Lambrecht.

Tatsächlich sind die Evangelikalen auf dem Vormarsch, während die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland an Mitgliedern verlieren. 1,3 Millionen bekennende Evangelikale gibt es derzeit. Tendenz steigend. Öffentlich distanzieren sich die Landeskirchen allerdings in den seltensten Fällen von radikalen Aussagen. 



Die Jugendlichen in Warsingsfehn hingegen wollen eigentlich nur einen "lockeren Abend" verbringen. Im Hintergrund läuft ein wenig Christrock, sie sitzen auf den Sofas, sprechen vom Konfirmationsunterricht, die Mädchen über Jungs, die Jungs über die Schule. "Eigentlich", überlegt Hesse, am Ende der Veranstaltung, einen leeren Pizzakarton wegschiebend, "eigentlich müsste das jetzt weitergehen. Wir sind vor Ort, die Leute sind aufmerksam geworden. Jetzt würde es richtig spannend werden." Es bräuchte eben mehr Zeit um sie der Jugend zu erklären – die Sache mit Jesus.