"Das ist das eigentlich Problematische", sagt Lambrecht. "Man gibt sich modern, vertritt aber durch und durch reaktionäre Werte." Und die werden den Jugendlichen langfristig vermittelt. Zwar spricht man offen über Sex – aber nur um für die Jungfräulichkeit vor der Ehe zu werben. Zwar gebe es deutliche Differenzierungen innerhalb der evangelikalen Bewegung – was aber alle Gruppierungen eint, so Lambrecht, ist ein Weltbild, das sich aus einem engen Bibelverständnis ableitet. Evangelikale geben sich gerne offen, weiß Lambrecht, aber in bestimmten Glaubensgrundsätzen höre jede Diskussionsbereitschaft auf. So auch bei ProChrist . In internen Papieren wird der Islam als Bedrohung dargestellt. Sie zitiert aus einer Stellungnahme unterschiedlicher evangelikaler Gruppen, die unter dem Titel "Christlicher Glaube und Islam" verlautbaren, die Mission sei wichtiger, als sozialer Frieden. 



ProChrist wiederum behauptet, um spezifische Glaubensfragen gehe es bei JesusHouse nicht. Es haben sich insgesamt 1353 Gruppen in knapp 300 deutschsprachigen Städten an der Aktion beteiligt – und die kamen nicht nur aus freikirchlichen, sondern auch aus überkonfessionellen Kreisen.



Burkhard Hesse beispielsweise ist Veranstalter von JesusHouse in Warsingsfehn. Dem leicht ergrauten Landesekretär des CVJM in Ostfriesland geht es ausdrücklich nicht um Missionierung. Er will, dass die jungen Leute etwas für sich selbst aus der Veranstaltung mitnehmen: "Das zentrale Anliegen ist es, den Jugendlichen bewusst zu machen: Ja, die Sache mit Jesus, die lohnt sich." 

Warum sich auch liberale christliche Gruppen mit fundamentalistischen Bewegungen gemein machen, bleibt Spekulation. "Auch die Landeskirche wirbt um Mitglieder, da drücken dann vielleicht auch liberalere Protestanten die Augen vor fundamentalistischen Positionen zu", vermutet Lambrecht.

Tatsächlich sind die Evangelikalen auf dem Vormarsch, während die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland an Mitgliedern verlieren. 1,3 Millionen bekennende Evangelikale gibt es derzeit. Tendenz steigend. Öffentlich distanzieren sich die Landeskirchen allerdings in den seltensten Fällen von radikalen Aussagen. 



Die Jugendlichen in Warsingsfehn hingegen wollen eigentlich nur einen "lockeren Abend" verbringen. Im Hintergrund läuft ein wenig Christrock, sie sitzen auf den Sofas, sprechen vom Konfirmationsunterricht, die Mädchen über Jungs, die Jungs über die Schule. "Eigentlich", überlegt Hesse, am Ende der Veranstaltung, einen leeren Pizzakarton wegschiebend, "eigentlich müsste das jetzt weitergehen. Wir sind vor Ort, die Leute sind aufmerksam geworden. Jetzt würde es richtig spannend werden." Es bräuchte eben mehr Zeit um sie der Jugend zu erklären – die Sache mit Jesus.