Am Tisch sitzt eine Frau, die ihre schmale Steppjacke nicht ausgezogen hat. Sie erzählt von ihrer Teenagertochter, die klaut und die sie aus dem Haus haben will. Ihr gegenüber sitzt ein bulliger kahlköpfiger Mann, der trommelt mit dem Stift auf dem Tisch, wenn er Zwischenfragen abschießt.

– Gibt es sonst noch ein Problem?

Die Tochter trinkt auch.

– Sonstige Drogen?

Weiß die Mutter nicht.

– Gibt es sonst noch ein Problem?

Die Tochter sei sehr stark, also dick, und groß, die Mutter hat Angst vor ihr.

– Kam es schon zu Gewalttätigkeiten?

Bisher nicht, nein.

– Gibt es sonst noch ein Problem?

Es sei noch eine kleine Schwester in der Wohnung, Halbschwester, die zweite Tochter von dem zweiten Mann, dem jetzigen, um die hat sie auch Angst.

– Schlägt die große die kleine?

Bisher nicht.

– Gibt es sonst noch etwas?

Nein.

Der Mann beendet seine Notizen auf einem von einem Stapel gezogenen Bogen Schmierpapier. Die Frau guckt so lange zum Fenster. Es ist dunkel draußen, so dass sich im Fensterglas nur das beleuchtete, beigefurnierte Amtszimmer spiegelt: die Schreibtische an den Wänden, der Besprechungstisch in der Mitte, an dem sie selbst sitzt und ihr gegenüber der über seine Notizen gebeugte Mann, und so besteht die Welt in diesem Moment aus nichts weiter als ihrer Not.

Was jetzt passiere und wann?, fragt die Frau. Sie müsse die Tochter loswerden, sie sagt: "Es geht nicht mehr" und kurz sieht sie verzweifelt aus.

Man werde sich melden, sagt der kahlköpfige Mann. Dies sei nur die Erstaufnahme, jetzt werde der Fall verteilt, falls sich in einer Woche niemand gemeldet habe, solle sie anrufen. Während er spricht, schreibt er seinen Namen und seine Telefonnummer auf einen selbstzurechtgeschnittenen Notizzettel und reicht ihn ihr. Dann verlässt die Frau den Ort, an dem sie schnelle Rettung zu finden hoffte, leicht enttäuscht.

Sie ist jetzt drin in einer großen Maschinerie, die sich mit Formblättern, Risikofaktorenlisten, mit Hilfeplänen und Hilfeplankonferenzen, mit Erhebungsbögen und Berichtswesen ihres Problems annehmen wird, kostenlos, weil es ein Recht zu sichern gilt: das Recht junger Menschen auf Erziehung und Förderung ihrer Entwicklung. Sie ist zum Jugendamt gekommen.

Das Jugendamt ist Eingriffsbehörde, Wächteramt und Dienstleister, was davon gerade im Vordergrund steht, ist dauernd neu abzuwägen – und nie unanfechtbar. Es ist eine unfassbar schmale Grenze zwischen Elternhoheit und Kindesrecht, an der da laboriert wird. An der wird schnell die Fassung verloren, und es wird dort laut. Entweder heißt es, das Amt mache zu viel zu früh oder zu wenig zu spät. Gerade erst im Fall des Vaters aus Fluterschen, der Tochter und Stieftochter vergewaltigte und mehrfach schwängerte, die Jahre zuvor in Fällen von verhungerten Kleinkindern, sei es in Thälmassing oder Lahnstein, toten Babys, wie in Hamburg oder in Berlin. Umgekehrt gibt es immer wieder Berichte über Eltern, die demselben Amt vorwerfen, ihnen die Kinder grundlos weggenommen zu haben.

Deswegen sollen die Mitarbeiter nicht erkennbar sein, ebenso wenig wie ihre Fälle. Aber trotz alledem ist das Wartezimmer voll in Berlin-Spandau an diesem Nachmittag in dem düsteren Behördenhochhaus, als Sprechstunde ist, weshalb die Frau in der schmalen Steppjacke im beigefurnierten Zimmer am Ende eines langen Flurs saß, bevor die nächste Frau eintrat. Auch sie setzte sich, ohne die Jacke abzulegen. Auch sie wurde dazu nicht aufgefordert. Auch sie war am Ende. Auch diesmal trommelte der Sozialarbeiter mit dem Stift, machte Notizen auf einem Schmierpapierbogen, fragte nach. Probleme seit wann? Warum? Was ist mit dem Vater? Dann wieder: Erstaufnahme, Konferenz, Verteilung, bitte anrufen, wenn wir uns nicht melden. Auf Wiedersehen, die Nächste bitte.